Seehausen l „Am besten man schickt mal eine Tüte voller Raupen hin.“ Ein ungewöhnlicher Vorschlag von Zehrental-Bürgermeister Uwe Seifert, aber die VG Seehausen hat es auch mit einem ungewöhnlichen Problem zu tun. Nicht, dass es in früheren Jahrzehnten noch keine Eichenprozessionsspinner-Plagen gegeben hätte, aber diese hier hält verdammt lange. 2008 erfolgte laut Katja Döge, Leiterin des Betreuungsforstamts Nordöstliche Altmark, die erste Befliegung mit Spritzmitteln nach der Wende. Mehr als zehn Jahre später, nachdem Seehausens Verbandsgemeindebürgermeister Rüdiger Kloth aus Sorge um die Gesundheit der Bürger Selbstanzeige erstattet hat, das Land darauf reagierte, finanziell hilft und die Bekämpfung nunmehr über den Landkreis koordiniert wird, scheint noch kein Licht am Ende des Tunnels. Deswegen stand am Dienstag ein „irgendwas müssen wir machen“ über der Diskussion im Seehäuser Ratssaal. Aber was? Und gen welche Adresse?

An dieser Stelle sprang Kloth für das Land in die Bresche, „wir sind dankbar, dass es reagiert hat, ohne die Bekämpfung wäre dieses Jahr eine Katastrophe“. Andererseits zeichnet sich aber auch ab, dass die Bekämpfung nicht den gewünschten Erfolg haben wird. „Es hilft alles nichts, wir brauchen ein wirksameres Mittel“, so Kloth.Eingesetzt wird laut Landkreis das Biozidprodukt „DiPel ES/ForayES“ mit dem Wirkstoff „Bacillus thuringiensis subsp. kurstaki Stamm ABTS-351“. Für Kloth ein Mittel, „dass nur nach Zufallsprinzip wirkt“. Anders sei es jedenfalls nicht zu erklären, dass bei Eichen in einer Reihe, die alle gleich behandelt wurden, hier eine Wirkung erkennbar ist und gleich daneben wieder nicht. Laut Auskunft des Landkreises lag die Erfolgsquote des Mittels bei den behandelten Bäumen im vergangenen Jahr bei 80 Prozent, „aber der Wirkungsgrad wird unter Laborbedingungen getestet“, schränkt Denis Gruber (SPD), erster Beigeordneter des Landrates, ein. So sei die Frage nach der Wirkung eine schwierige, zumal gesamtbetrachtet nicht alle Bäume behandelt werden. Da sie etwa nicht gemeldet wurden oder nicht behandelt werden dürfen, wenn sie etwa zu nah am Wasser stehen. „Es ist mehr ein Eindämmen“, so Gruber.

Mit Wehmut schaue nicht nur Kloth dem Mittel Dimilin hinterher. „Das war auch ein Biozid, aber es hat besser gewirkt, so der allgemeine Eindruck.“ Für Dimilin wurde allerdings vom Hersteller keine weitere Zulassung beantragt, dazu kommt, dass qua Gesetz die Dosis eingesetzer Mittel nur noch halb so stark sein darf. Würde wenigstens dies rückgängig gemacht, äußert Kloth, der trotzdem die Berliner Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) als richtige Adresse für weiteres Vorgehen sieht. „Ich überlege, ob und wie wir an sie herantreten, um dort unser Problem darzulegen“, so Kloth gestern. Die Entscheidung, was und wie viel gespritzt werden darf, wird auf Bundesebene gefällt. „Vielleicht sollte man den Betroffenen die Adresse von diesem Amt geben“, sagte in der Sitzung auch Dirk John. „Die Gefährdung für die Menschen wird ja immer größer“, hieß es von Ronald Müller. Und von Bernhard Kloss, „dass es in Wanzer, wo wir wohnen, noch nie so schlimm war, wie dieses Jahr“.

Ähnliches hört auch Aland-Bürgermeister Hans-Joachim Hildebrandt von seinen Bürgern, bei einer Frau seien die Haare schon in der Veranda. Man müsse sich laut Hildebrandt wirklich überlegen, wie lange man Geld für einen Erfolg geben kann, der fraglich ist. 800 Hektar wurden in diesem Jahr im Landkreis Stendal aus der Luft behandelt. Allein 150 davon unter Regie der Verbandsgemeinde Seehausen. Landkreisweit wurden cirka 13.500 Bäume vom Boden aus bespritzt, rund 2100 davon in der Verbandsgemeinde Seehausen. Wenn die Raupen in ihrer Verpuppung fortgeschritten sind, soll noch die mechanische Entfernung der Nester erfolgen, der alten Nester wie der neuen. Allein für das Spritzen hat Seehausen dann in diesem Jahr rund 70 000 Euro gegen die Spinner investiert, wobei das meiste davon gefördert ist.

Nicht nur Roteiche und Ahorn beliebt

Dass die Population groß ist, sehe man laut Katja Döge auch daran, dass die Raupen nunmehr auch auf Roteiche und Ahorn gehen. Indes sei nicht alles, was derzeit abgefressen ist, dem Eichenprozessionsspinner zuzuschreiben. So hatte sich auch VG-Ratsmitglied Hermann Klinghammer geäußert, der von kahlgefressenen Weißdornbüschen weiß.

Die Trockenheit und Temperaturen „seit Jahren über dem langjährigen Mittel“ spielen dem Eichenprozessionsspinner in die Hände. „Vielleicht zwei bis drei Kahlfräße hält eine Eiche aus“, sagt Katja Döge. Wenn ihr dann aber sogar die Kraft für den Johannitrieb fehlt, der die Auszehrung noch kompensieren könnte, sieht‘s schlecht aus. „Die Forst schätzt, dass bei uns etwa 1000 Eichen schon jetzt nicht mehr zu retten sind“, sagt Rüdiger Kloth.

Auch 2019 plant der Landkreis Stendal einen Evaluations­termin, um die Bekämpfung mit dem Landeszentrum Wald, dem Landesstraßenbaubetrieb sowie den Einheits- und Verbandsgemeinden auszuwerten.