Seehausen l Im September 2020 beschloss der Seehäuser Stadtrat die Teilnahme am Projekt „Zukunft des Wohnens in ländlichen Kleinstädten“. Was sich damals vielleicht etwas abstrakt anhörte, beschert der Hansestadt jetzt die Teilnahme an einem geförderten Bundesprogramm, das Seehausen zusammen mit Nieheim, Marienmünster, Schieder-Schwalenberg mit Vlotho (alle Nordrhein-Westfalen) und Drebkau/Drjow (Brandenburg) innovative Wege bei der Stadtentwicklung aufzeigen soll.

Vorhaben kostet 335 000 Euro

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung fördert die Lösungsfindung für die Aktivierung von Bestandsimmobilien und Flächen in den häufig leerstehenden Ortsmitten mit 335 000 Euro.

Die sechs beteiligten Städte, die alle um die 5000 Einwohner und ein mittelalterliches Zentrum haben, sollen sich unter wissenschaftlicher Begleitung in Workshops (in Corona-Zeiten eher virtuell) zusammenfinden und die konkreten Nutzungsbedarfe untersuchen.

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Dabei würden – ähnlich wie beim Erstellen des Integrierten Gemeinde-Entwicklungs-Konzeptes (IGEK) vor zwei Jahren – auch konkret die Menschen vor Ort einbezogen, wenn es die Kontakteinschränkungen endlich wieder zulassen, erklärt die Seehäuser Wirtschaftsförderin Lisa Weigelt, die die Initiatoren des Pilotprojektes im vergangenen Jahr ganz gezielt angesprochen hatten.

Für die wissenschaftliche Begleitung über zwei Jahre sind demnach das Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung der Ruhr-Universität Bochum und die Fachhochschule des Mittelstands Bielefeld (Fachbereich Wirtschaft, Innovation & Raumentwicklung) zuständig.

Ziel des Verfahrens ist, insbesondere dem Leerstand, dem Verfall und damit am Ende auch dem Abriss von alten sowie ortsbildprägenden Immobilien entgegenzuwirken und attraktive Wohnungen inklusive passender Lebensumfelder zu schaffen, die die Ortsmitten stärken. Einige Häuser sind bereits unwiederbringlich verloren. Über anderen schwebt vielleicht noch nicht die Abrissbirne, aber das Damoklesschwert. Den Leerstand in der Altstadt schätzt die Wirtschaftsförderin auf mittlerweile 20 bis 25 Prozent

Von Wiederbelebung profitiert Umland

„Von einer Wiederbelebung der Altstadt als Wohnort profitieren am Ende auch die örtlichen Händler, Dienstleister und Gastronomen. Und: Von dieser Entwicklung erhoffe ich mir eine Stärkung der Stadt als Grundzentrum, die gleichzeitig die Daseinsvorsorge in den Umlandgemeinden sichert“, so in einer Stellungnahme Hansestadt-Bürgermeister Detlef Neumann, der wie seine Mitstreiter wegen des durch Corona verstärkten Trends auf mehr Leben in ländlichen, aber vitalen Gebieten und auf neue Chancen für Kleinstädte hofft.

Anregungen, die es lohnt, näher zu beleuchten, gibt es schon einige. Als Beispiel nennt Lisa Weigelt den Neuzuschnitt von Grundstücken, die frische Perspektiven zulassen, das Zusammenrücken von Arbeiten, Leben und Freizeitaktivitäten bestärken oder alternative und generationenübergreifende Wohnprojekte ermöglichen. Wozu auch seniorengerechte Domizile bis zum betreuten Wohnen oder Pflegeeinrichtungen gehören. Selbst das Nachdenken über Ferienwohnungen ist inklusive.

Dazu macht die Wirtschaftsförderin neben der Einwohnerbeteiligung und dem Projektcharakter mit Blick fürs Große und Ganze eine weitere Parallele zum IGEK deutlich. Wer im Projekt „Zukunft des Wohnens in ländlichen Kleinstädten“ mit entsprechend guter Einschätzung Einzug findet, kann von den Untersuchungsergebnissen profitieren und dürfte später bessere Chancen haben, Zuschüsse für die Umsetzung der eigentlichen Pläne zu akquirieren.

Erfolg für Wirtschaftsförderin

Die Kommune könnte so zweifach Nutzen aus dem Programm ziehen. Zum einen mit der Entwicklung des Stadtkerns im Allgemeinen und mit innovativen Konzepten für Häuser der städtischen Gesellschaft für Bauen und Wohnen Seehausen im Speziellen.

Für Wirtschaftsförderin Lisa Weigelt ist die Aufnahme in das Modellvorhaben sicher ein besonderer Meilenstein. Mit den Ergebnissen der Studie könnte Seehausen beispielgebend für vergleichbare Kommunen in der ganzen Republik sein. Und während für manchen Landespolitiker Sachsen-Anhalt am Mittellandkanal aufzuhören scheint, ist Seehausen jetzt als Teil eines von vier deutschlandweiten Modellen der „Kleinstadtakademie“ auf Bundesebene angekommen.