Osterburg l Faktisch gab eine in der Biesestadt ansässige Konservenfabrik den Anstoß für die Gründung einer katholischen Gemeinde im evangelischen Osterburg. „In dieser Fabrik waren um 1900 viele katholische Mädchen aus Westpreußen, Schlesien und dem Eichsfeld als Saisonarbeiterinnen tätig, die ihren Glauben leben wollten. Dieses Bedürfnis teilten auch polnische Fremdarbeiter und Kriegsgefangene“, erzählte Pfarrer Richard Perner. Deshalb sei in Osterburg eine eigene Seelsorgestelle geschaffen worden.

Erster Seelsorger war Pfarrvikar Josef Hagedorn. Der hatte eine Wohnung im Haus der Buchdruckerei Karl Hierscher, Breitestraße 69, bezogen. Im Saal über der Druckerei konnte nun regelmäßiger Gottesdienst stattfinden, zu dem im Sommer im Durchschnitt 80 und im Winter 60 Gläubige teilnahmen. Die Seelsorgestelle hatte den Status einer Pfarrvikarie. Mit Wirkung vom 1. März 1929 hatte Osterburg eine katholische Gemeinde mit eigenem Kirchenvorstand und eigener Vermögensverwaltung.

Westen bezahlte den Wiederaufbau

Im Frühjahr 1928 wurde mit dem Bau von Kirche und Pfarrhaus an der Wallpromenade begonnen, das war finanziell möglich, weil die Gemeinde vom Bonifaziusverein mit 50 000 Reichsmark bedacht worden war. Infolge eines Kurzschlusses brannte das Gotteshaus in der Nacht vom 18. zum 19. Oktober 1961 ab. Danach wurde es wieder aufgebaut; das Bauholz habe die DDR geliefert und der Westen bezahlt, ist aus der Kirchenchronik ersichtlich. Am 28. Oktober, zum Christkönigsfest, wurde die Kirche wieder eingeweiht.

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1952 wohnten in der Pfarrvikarie Osterburg fast 1940 Katholiken; es gab 13 Außenstellen, in denen Gottesdienste gefeiert wurden. Die Katholiken waren, ebenso wie die Protestanten, in der DDR-Zeit, Einschränkungen in der Ausübung ihres Glaubens hinnehmen müssen, obwohl die Verfassung ausdrücklich die Glaubensfreiheit garantierte. Aber das schien Auslegungssache gewesen zu sein. So sei 1952 die Fronleichnam-Prozession mit geringer Beteiligung durchgeführt worden, weil „die Katholiken Angst hatten, ihren Glauben öffentlich zu bekennen, sie fürchten sich vor Nachteilen und Existenzschwierigkeiten“, heißt es in der Kirchenchronik. Ein Jahr später sei die Prozession durch Osterburg generell verboten worden.

Im Laufe der Jahre war an der Inneneinrichtung vieles verbessert beziehungsweise erneuert worden, wobei Gemeindemitglieder und Sympathiesanten Unterstützung gaben. Am 5. Oktober 1995 begann man mit dem Bau des Gemeindehauses, das am 16. Juni 1997 eingeweiht werden konnte. „Wir sind sehr froh, dass wir das Gemeindehaus haben“, sagte uns Pfarrer Perner. „Es dient nicht nur den Veranstaltungen unserer Gemeinde, sondern wir können hier auch die Ökumene leben, die wir schon seit Jahren mit den evangelischen Christen praktizieren, zum Beispiel die Feuerwehrgottesdienste, die Bibelwoche, den Weltgebetstag und die St. Martinsfeier.“

Seit 1918 hatte es in der Katholischen Gemeinde 40 Seelsorger beziehungsweise seelsorgerisch tätige Helfer und Helferinnen gegeben. Pfarrer Perner ist der 41. und seit 2010 als Kooperator im Amt, das heißt er betreut auch die Gemeinde in Seehausen. Die Pfarreien Osterburg und Seehausen hatte man 2010 aufgelöst und zu einer Pfarrgemeinde zusammengeschlossen. Sie gehören zur Pfarrei St. Anna in Stendal und zum Bistum Magdeburg. Bischof ist Gerhard Feige, Generalvikar Bernhard Scholz.

Zur Einstimmung auf das Jubiläumsfest hatte es bereits am 15. September einen Einkehrtag mit geistlichen Gesprächen zum Thema „Warum brauchen wir die Kirche“ unter Leitung von Pfarrer Dr. Gerhard Nachtwei aus Halle gegeben. Am morgigen Sonnabend gibt es ab 19.30 Uhr im Gemeindehaus einen Erzählabend unter dem Motto „Wie es früher war“. Auch Besucher können eigene Erlebnisse aus der Nachkriegs- und der Wendezeit schildern, aber auch Gedanken äußern, wie es weitergehen könnte.

Hubert hält die Festpredigt

Der eigentliche Festtag wird der Sonntag, 30. September, mit Festgottesdienst und weiteren Veranstaltungen sein. Den Festgottesdienst, Beginn 14 Uhr, wird der Generalvikar leiten. Die Festpredigt hält Perners Vorgänger-Pfarrer Wolfgang Hubert. Nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken und Deftigem vom Grill wird es gegen 16.45 Uhr eine Foto-Show zu 100 Jahre Kirchengemeinde geben. Angekündigt ist auch Orgelmusik (ab 17.15) mit der Organistin Sandra Schilling. Es singen anschließend „Die Konrad-Messe“, der Gospelchor Seehausen unter Leitung von Ralph Netal sowie die Katholischen Kirchenchöre Osterburg und Seehausen unter Leitung von Mako Kusagaya. „Es wird auch reichlich Zeit für Gespräche geben“, lässt Richard Perner keinen Zweifel an der Vielgestaltigkeit des Jubiläumsfestes.