Osterburg l Der Osterburger Gerhard Busch feiert  seinen 90. Geburtstag. 24. Dezember – so hatte es seine Mutter Ella damals auch gehofft. Mit ihr hoffte Freundin Lotte Golnick auf diesen besonderen Geburtstag. Sie brachte ihren Sohn Heinz allerdings doch schon am 19. Dezember zur Welt. Bis heute sind die beiden Männer wie damals ihre Mütter freundschaftlich verbunden, auch wenn sie sich mal aus den Augen verloren. Die abenteuerliche Geschichte um seine Mutter hatte diese Heinz Wegener immer wieder gern erzählt: Nach ihrer Flucht aus Westpreußen nach dem 1. Weltkrieg kam die Familie in die Altmark, war erst in Neukirchen, dann in Schönberg-Deich zu Hause.

Während Vater Erich aus Berlin mit Rucksack und Wanderstab ausgerüstet, auf dem Rittergut Arbeit fand, verdiente Lotte sich ihr Essen beim Bauern. Dieser sah Lottes Bäuchlein wachsen und bot an, doch den alten Ziegenstall mit Decken auszulegen und sich dort eine kleine Wohnstätte einzurichten. Mit ihrer Freundin Ella war sie sich einig, dass es am schönsten wäre, wenn sie beide am 24. Dezember ihre Kinder bekämen. Aber Heinz Wegener erblickte schon am 19. Dezember das Licht der Welt.

So kam es, dass Ella ihr Söhnchen Gerhard bei ihrer Tante Frieda in Beuster zur Welt brachte und nicht im Ziegenstall. Die beiden Jungs besuchten von der 1. Klasse an die Schule am Klosterschulplatz in Seehausen und schlossen eine Freundschaft fürs Leben. Als Gerhard Buschs Vater, der bei der Bahn tätig war, nach Stoitze bei Uelzen und schließlich nach Gadebusch in Mecklenburg versetzt wurde, war es mit der gemeinsamen Zeit erst einmal vorbei.

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Auf der Suche nach einer passenden Lehrstelle sollte das Schicksal sie wieder zusammenführen. Die Väter meldeten ihre Jungs zeitgleich in Boitzenburg bei der Elbewerft an, um Schiffsschlosser zu werden und staunten nicht schlecht über das Wiedersehen. Sofort war klar, dass sie das Zimmer teilen würden. Das wurde ein Spaß! Denn Gerhard Busch war musikalisch und unterhielt mit seinem Schifferklavier und einer ganzen Kapelle das Lehrlingswohnheim.

Getrennte Wege nach Kriegsende

1945 wurden mit Kriegsende alle Lehrlinge nach Hause geschickt. Busch landete in Gadebusch und Wegener, dessen Familie inzwischen in Orpensdorf eine Heimat gefunden hatte, kam nur bis Wittenberge. Denn bevor er den Zug Richtung Stendal nehmen konnte, machte eine gewaltige Explosion die Heimreisepläne zunichte: Die Elbbrücke wurde gesprengt. Also zurück zur Großmutter nach Schwerin, bis er schließlich doch nach Orpensdorf fahren konnte. Anfangs arbeitete er als Hausmeister beim Rat der Stadt, danach bei der Maschinen-Ausleih-Station (MAS) in Seehausen, aus der später der Kreisbetrieb für Landtechnik (KfL) wurde. Als Leute fürs Büro beim Rat der Stadt gebraucht wurden, begann für Heinz Wegener die schönste Zeit. Er sorgte dafür, dass alle Schulabgänger, also 800 bis 1000 Jugendliche jeweils, zum 1. September in beiden Kreisen eine Lehrstelle bekamen. Er vermittelte an das VEG Bretsch-Priemern, die Osterburger Schuhfabrik, den Stützpunkt Erxleben, hielt Kontakt zu den Schulen, um Lehrstellen vorzuschlagen und freute sich, wenn ihn auf der Straße jemand ansprach und sagte: „Kennen Sie mich noch? Sie haben mir mal bei der Lehrstelle geholfen.“ Noch heute freut er sich darüber, denn er war mit Herzblut bei der Sache.

1950 lernte er seine Frau Grete aus Ostpreußen kennen, und schon 1951 zog das Paar nach Osterburg, wo die Eheleute ihre Tochter und ihren Sohn großzogen. Dort sollte der Zufall die alten Freunde Heinz und Gerhard Anfang der 50er wieder zusammenbringen. Und zwar einfach so auf der Straße in Osterburg.

Kulturverantwortlicher in Gadebusch

Busch hatte von 1945 bis 1952 im Lebensmittelwerk in Gadebusch gearbeitet, war zunächst als Schlosser, dann als Teigmacher beschäftigt und lebte als Kulturverantwortlicher wieder seinen Faible aus, spielte bei Gadebuscher Boxwettkämpfen auf und unterhielt die Leute. 1953 heiratete er seine Frau Gerda, ein Jahr später erblickte Tochter Ursula das Licht der Welt. Schon 1952 kam er zurück in die Altmark, bei der Tante in Blankensee fand er ein Zuhause, bevor die Wohnung im Geschwister-Scholl-Weg endgültig das Heim des Ehepaares werden sollte. Um die Ecke in der Ackerstraße wohnte Heinz Wegener... Busch war zuerst bei der Polizei angestellt, von 1958 bis zur Rente beim VEB Meliorationsbau Magdeburg, Außenstelle Stendal tätig.

Natürlich besuchten Wegeners viele Veranstaltungen, bei denen Gerhard Busch Musik machte. Unter diesem Namen kennt ihn aber keiner. Nachdem das Osterburger Tanzorchester sich erst „Die Teddys“ genannt hatte“, wurden sie als „Evergreens“ berühmt. Jeder in der Kapelle nannte sich mit Vornamen Karl. Und die Frauen hießen alle Karoline. Von 1955 bis vor 20 Jahren spielte Busch Gitarre, Keyboard, Percussion, und zwischendurch sang er. Alles ohne Noten. Noch heute hat das Multitalent sein musikalisches Gehör behalten, schafft aber auch gern im Garten, geht angeln und einmal im Jahr Campen. Bei der Volkssolidarität trifft er seinen alten Kumpel Heinz. Zuletzt zur Weihnachtsfeier. Die beiden Witwer erinnern sich noch gern an ihre lustigsten Zeiten. Humor sei eben das Wichtigste.