Osterburg l „Was ich vermissen werde? Die behinderten Menschen. Wie sie Dankbarkeit oder Zuneigung offen und ehrlich zeigen. Gerade auch jetzt, wo sie wissen, dass ich gehe“, sagt Regina Bahlke (63). Ebenso „die tolle Atmosphäre in unseren Einrichtungen und die Mitarbeiter, auf die ich mich immer verlassen konnte.“ Oder „die klasse Zusammenarbeit mit dem Vorstand des Lebenshilfe-Vereins, zuerst unter Ernst Schmidt, jetzt unter Doraliese Möhlmann.“

Über das, was sie zurücklässt, könnte Regina Bahlke noch viel mehr erzählen. Von den Anfängen an hat die Wahl-Seehäuserin die Osterburger Lebenshilfe begleitet und maßgeblich geformt. Vorher im Bereich Gesundheit und Sozialwesen der Verwaltung des damaligen Kreises Osterburg tätig, wechselte sie nach dem Wendeherbst 1989 in das Kreisrehabilitationszentrum, dass im Gebäude der früheren Staatssicherheit sein Zuhause fand. „Ich wollte raus aus der Verwaltung, direkt mit Menschen arbeiten. Das hat mich gereizt“, blickt sie zurück.

Den damaligen „Kinderschuhen“ mit neun Beschäftigten, drei Mitarbeitern und einer technischen Kraft ist die Einrichtung schnell entwachsen. Heute verfügt die Osterburger Lebenshilfe über 600 Plätze, 275 davon in der Werkstatt. Angefangen bei Frühförderung und Kindertagesstätte über die Werkstatt bis hin zur Tagesförderung für Rentner ist sie in allen Generationen präsent, 140 Mitarbeiter sind bei ihr angestellt.

Weichenstellung in den 90-er Jahren

Entscheidende Weichen für die Erfolgsgeschichte wurden in den 90er Jahren gestellt. „Das erste große Thema war die Werkstatt, weil der Bedarf nach Arbeitsplätzen am schnellsten aufkam“, blickt die Noch-Chefin zurück. 1996 nahm der Hauptstandort an der Düsedauer Straße mit damals 120 Plätzen seinen Dienst auf, schon ein knappes Jahr zuvor war in der früheren Stasi-Zentrale ein Wohnheim mit 30 Plätzen eingeweiht worden. So ging es Schlag auf Schlag weiter – binnen kurzer Zeit passierte die Lebenshilfe Mitte der 90-er Jahre Meilenstein um Meilenstein. 1997 kam beispielsweise die Betreuung von Kindern mit Behinderungen dazu. „Wir haben uns in der Region nach einer geeigneten Kindertagesstätte umgeschaut und sind in Flessau fündig geworden.“ Am 1. Januar 1997 übernahm sie die Trägerschaft über die dort beheimatete Kita.

Die 90er Jahre seien eine „aufregende, aber auch sehr schöne Zeit gewesen. Es gab Tage, da war ich Leiterin, Fahrerin, Sozialarbeiterin, eben ein Stück weit alles“, erzählt Regina Bahlke. Man habe oft nicht auf die Uhr geschaut, sei mit der Arbeit „verwachsen“. Weil ungemein viel passierte. Damals „waren die Verantwortlichen in den Ministerien bereit, schnell zu entscheiden. Und es gab mehr Fördergelder sowie -quellen. Wir konnten tatsächlich agieren.“ Dankbar erinnert sich die mit Gründung der gGmbH am 1. Januar 1994 offiziell zur Geschäftsführerin der Lebenshilfe ernannte Wahl-Seehäuserin auch an die Heidewerkstätten Walsrode als wichtigen Partner. „Sie gaben uns wertvolle Unterstützung und halfen uns beispielsweise dabei, für unsere Werkstatt Arbeit zu beschaffen.“

Vorfreude auf mehr Zeit für die Familie

Ihr eigenes „Arbeits-Kapitel“ steht jetzt kurz vor dem Schlusspunkt. Partner und langjährige Wegbegleiter geben sich für einen persönlichen Abschied schon seit Tagen die Klinke in die Hand, heute Nachmittag lädt der Verein zur offiziellen Verabschiedung. Am 21. Dezember ist dann tatsächlich Schluss. Regina Bahlke ahnt voraus, „dass es schwer wird, dann wirklich Abschied zu nehmen.“ Sorgen um die Lebenshilfe mache sie sich aber nicht, „auch wenn mit Sicherheit neue Wege zu beschreiten sind und neue Ideen gefragt sein werden.“ Die Lebenshilfe sei gut aufgestellt. Das gelte auch für die neue Geschäftsführerin. Sarah Maaß, mit der sie seit April das Büro teilte und die sie in die Führungsaufgaben einarbeitete, „ist eine sehr gute Wahl“. Für sich freut sich Regina Bahlke darauf, „jetzt mal mehr Zeit für die Familie, die Enkelkinder oder Hobbys wie Malen und Lesen zu haben. Oder wieder Freundschaften intensiver zu pflegen und in Ruhe einschlafen zu können, ohne noch vorher das Geschehen vom Tag verarbeiten zu müssen.“ Ebenso möchte sie weiter aktiv bleiben, dies auch und gern für die Lebenshilfe. Das ist schon jetzt quasi amtlich. So begleitet Regina Bahlke noch über ihren Ruhestand hinaus die Wohnheim-Erweiterung am Heinrich-Heine-Weg. Längst Mitglied, wolle sie sich auch im Lebenshilfe-Verein engagieren, „wenn meine Hilfe gebraucht wird.“ Mit ihrem Abschied aus der gGmbH lässt Regina Bahlke die Lebenshilfe also nicht gänzlich hinter sich. „Nein“, sagt sie und schmunzelt: „Die Lebenshilfe bleibt in meinem Leben.“