Post aus Nürnberg

Motiv Sehnsucht: Hildegard Gropp (95) schickt Brief mit 100 Euro ans Pfarramt Osterburg – für ihre Kirche

Als Hildegard Gropp erfährt, dass die Osterburger St. Nicolaikirche saniert werden soll, steckt sie 100 Euro in einen Briefumschlag. Es ist eine Spende für „ihre Kirche“, wie die 95-Jährige sagt. Auch nach fast 75 Jahren in Nürnberg hängt ihr Herz an der Biese – eine kleine Geschichte über Sehnsucht.

Von Karina Hoppe
Hildegard Gropps Brief ans Pfarramt Osterburg. Mit besonderem Unterstrich.
Hildegard Gropps Brief ans Pfarramt Osterburg. Mit besonderem Unterstrich. Foto: Gordon Sethge

Osterburg/Nürnberg - Am liebsten geht Hildegard Gropp schon morgens um 7 Uhr einkaufen. „Dann bekomme ich alles so schön frisch.“ Und sie könne sich’s ja einrichten, wie sie es braucht. Im Alter von 95 Jahren in Nürnberg, nach fast 75 gelebten Jahren in „Nürnbersch“. Einer Stadt mit einem Dialekt, der anfangs so falsch, gar ordinär für ihre Ohren klang. Und der nun auch ihrer ist. „Ihre“ Kirche aber steht in Osterburg. „Es ist meine Kirche, denn dort wurde ich getauft, konfirmiert, goldene und diamantene Hochzeit habe ich dort gefeiert“, schrieb Hildegard Gropp kürzlich in einem Brief an das Pfarramt Osterburg und steckte 100 Euro hinein. Von ihrem Großneffen aus der Biesestadt, Torsten Kiehn, hat sie von der anstehenden Sanierung St. Nicolais erfahren. „Er schickt mir öfter Zeitungsartikel und auch das Amtsblatt“, sagt Hildegard Gropp. Weil er weiß, wie sehr seine Großtante an Osterburg hängt. „Ich liebe alles an Osterburg, bis auf die Wohnblöcke am Schafdamm.“ Die wurden ja auch gebaut, als Hildegard Gropp Osterburg bereits verlassen hatte.

Bei Besuchen ihren Teil der Kirchstraße gemieden

Die 95-Jährige ist eine geborene Kaehren. Sie kam in der Kirchstraße 11 in Osterburg zur Welt. Dort, wo jetzt das Therapiehaus steht und wo heute nach der Hausnummer 10 die Nummer 13 folgt. Die Nummer 11 gibt es an der Stelle nicht mehr. Das Fachwerkhaus wurde nach der Wende abgerissen. „Bei meinen Besuchen habe ich diesen Teil der Kirchstraße immer gemieden. Es war zu schlimm, beim ersten Mal habe ich nur geheult.“ Die Erinnerungen seien einfach zu schön. Und lebendig. Am Brunnen an der Kirche, der heute zumindest optisch wieder rekonstruiert ist, „holten die Frauen immer das Wasser, zum Schlachten, Kochen, Waschen, dabei wurde herrlich viel getratscht“, erinnert sich Hildegard Gropp. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie ihre alte Kirchstraße, den Glasermeister, den Sattlermeister, den Bäckermeister, den Zahnarzt, die Schreinerei. Sie sieht die „Pfingstmeien“ und damit die feste Tradition, dass über Pfingsten junge Birken „meist in Gurkenkübel“ links und rechts an den Haustüren standen. „Das war immer wunderschön.“ Die Mädchen trugen weiße Kleider aus Nesselstoff.

Ihr Zukünftiger verwundet im Lazarett Osterburg

Hildegard Gropp ließ keinen Kindergottesdienst aus. St. Nicolai war damals schon „ihre“ Kirche. Aber das Mädchen Hildegard räuberte auch herum, fuhr Schlittschuh auf den Werderwiesen, rodelte vom Weinberg zum Drescherhof und erlernte das Schwimmen im früheren Waldbad auf dem Fuchsbau. „Ich durfte viel mehr als meine vier älteren Schwestern.“ Auf das Landjahr in Goldbeck „bei einem Erbhofbauer neben der Kirche“ folgte die Lehre bei Rechtsanwalt Niesar in der früheren Moltke-, der heutigen Naumannstraße. Zur Fachschule ging’s nach Stendal. Und schließlich, im Krieg 1943, stand da dieser junge Mann vor ihr. Hans Gropp aus Nürnberg. Er war verwundet im Lazarett im Osterburger Schützenhaus. Und die beiden machten sich schöne Augen. So schön, dass sie bald einander versprachen. Hans Gropp geriet in der Normandie in Kriegsgefangenschaft. „Die ganze Kriegsgefangenenpost habe ich heute noch.“

Hildegard Gropp war im Arbeitsdienst in Schloss Gänsefurth bei Staßfurt, nach der Kapitulation kam sie von dort aus nach Osterburg zurück. „Zu Fuß, es dauerte neun Tage.“ Ihre Familie war noch in der Kirchstraße, aber die junge Frau blieb nicht lange, konnte in Wernigerode bei einem Kunsthandwerker in Anstellung gehen. „Ich habe alles gearbeitet, was Geld einbrachte.“ Dann die Nachricht von Hans und Hildegard Gropp machte sich auf den Weg nach Nürnberg. Zu ihm. Drei Zentner Kartoffeln hatte sie vorher schon bei Elend mit einem Leiterwagen über die Grenze gebracht und mit der Post aufgegeben. „Das war mein Heiratsgut.“ Und Nürnberg war zerstört, aber zwei junge Menschen trafen sich wieder. Das war Weihnachten 1947, im Mai darauf haben Hildegard Kaehren und Hans Gropp geheiratet. „Wir fingen ganz klein an.“

WM 1954 vorm Radio in der Kirchstraße erlebt

Zehn Jahre hat es gedauert, bis das Heimweh nachließ. Manchmal, wenn es zu schlimm war, ging Hildegard Gropp vor lauter Sehnsucht zum Nürnberger Hauptbahnhof. „Ich schaute den Zügen nach, die nach Norden fuhren.“ Irgendwann wurde es besser, und Hildegard Gropp besuchte ihr Osterburg so oft sie konnte. Sie erlebte die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 vorm Radio in der Kirchstraße 11. Und ging bei jedem Besuch auch in ihre Kirche, „damals wollte ja gar keiner etwas davon wissen“. Hildegard Gropp aber entstammt einer Pfarrersfamilie, „vier Generationen von uns liegen auf dem Friedhof in Erxleben“. So hatte Hildegard Gropp schon qua Geburt einen Bezug zur Kirche. Und während ihrer Osterburg-Besuche zu DDR-Zeiten im Übrigen immer das Gefühl, dass sie beobachtet wird. „Und das war auch so, wie sich später herausstellte.“

Aus der Ferne Jubel-Konfirmationen organisiert

Es war dann auch Hildegard Gropp, die in Osterburg die goldene und diamantene Konfirmation ihres Jahrgangs organisierte. Letztere fand im Jahr 2000 in St. Nicolai statt, noch 18 Personen nahmen daran teil. Mittlerweile hätten sich die Reihen aber sehr gelichtet. Hildegard Gropps Mann Hans ist vor 17 Jahren im Alter von 84 Jahren gestorben. Aber da sind ja noch ihre zwei Kinder, die in der Nähe wohnen, ihre drei Enkelkinder und fünf Urenkelkinder. Der 90. Geburtstag ihrer Mutter, Oma und Uroma wurde groß gefeiert. Rund 50 Leute stießen mit an, sogar Besuch aus Amerika, vom Chiemsee, aus Augsburg, aus Fürth, Mecklenburg – und Osterburg. Manche hatten sich 30 Jahre nicht gesehen. „Es war wunderschön.“ Ihren 95. Geburtstag wollte Hildegard Gropp wieder üppig feiern, dann kam aber die Pandemie. Doch Hildegard Gropp, geboren 1925 in der Kirchstraße 11 Osterburg, hat einen neuen Plan: „Ich stelle zu meinem Hundertsten ein Bierzelt auf und hole eine Blaskapelle.“

Hildegard Gropp (14), damals noch Kaehren, im Jahr 1940 zur Konfirmation in Osterburg.
Hildegard Gropp (14), damals noch Kaehren, im Jahr 1940 zur Konfirmation in Osterburg.
Foto: Gropp
Hildegard Gropp an ihrem 90. Geburtstag vor fünf Jahren. Mit Glückspfennig-Kette.
Hildegard Gropp an ihrem 90. Geburtstag vor fünf Jahren. Mit Glückspfennig-Kette.
Foto: Kiehn
Kirchstraße 11 in Osterburg, etwa 1938. Aus dem Fenster schaut eine der vier Schwestern von Hildegard Gropp.
Kirchstraße 11 in Osterburg, etwa 1938. Aus dem Fenster schaut eine der vier Schwestern von Hildegard Gropp.
Foto: Gropp
Ungefähr hier war die Nummer 11, sie existiert heute nicht mehr. Links das Therapiehaus.
Ungefähr hier war die Nummer 11, sie existiert heute nicht mehr. Links das Therapiehaus.
Foto: Karina Hoppe