Hassel l Hassels Bürgermeister Alf Diedrich war am Mittwoch sowohl überrascht als auch erschrocken zugleich: Zwischen 6 und 7 Uhr „spazierte“ ein Wolf mitten durch den Ort. „Ein Jäger hat ihn auf seinem Weg zur Arbeit gesehen und versucht, ihn fortzutreiben“, sagte Diedrich, der kurze Zeit später ein Video mit dem Hasseler Wolf erhielt. Er nahm sofort mit dem in Iden ansässigen Wolfskompetenzzentrum Kontakt auf. Diedrich und die Einwohner hoffen, „dass schnellstmöglich Maßnahmen ergriffen werden. Nicht, dass irgendwas passiert.“ Der Bürgermeister ist in Sorge.

Die Verantwortlichen des Wolfskompetenzzentrums versuchen dagegen, die Lage zu beruhigen. Eine Kollegin machte sich noch gestern auf den Weg nach Hassel, um eventuelle Spuren nachzuverfolgen. „Wir haben ihn erst einmal als Sichtung im Protokoll aufgenommen“, sagt Michael Unger vom Wolfskompetenzzentrum. Obwohl „Wölfe in Dorfnähe nicht gewollt“ seien, lasse es sich nicht ausschließen. Gerade Jungwölfe würden „öfter in Ortschaften stromern“, weiß Unger. Für die Altmark und generell für den deutschen Raum seien Angriffe auf Menschen aus den vergangenen Jahren nicht bekannt. Davon geht Unger auch zukünftig aus. Das liege nicht in der Natur von Isegrim, der sich seit circa zehn Jahren wieder in der Altmark angesiedelt hat. Jungwölfe seien im Gegensatz zu ihren älteren Verwandten neugierig. Im Normalfall würde sich das Tier von Menschen zurückziehen. „Jetzt müssen wir beobachten, ob er verhaltensauffällig ist“, betont der Wolfsexperte. Verhaltensauffällig wäre der Wolf, wenn er öfter durch den Ort stromere. Er rät Bürgern, die dem Raubtier begegnen würden, sich laut bemerkbar zu machen.

Kritischer sieht Markus Reister die Situation. Der Vorsitzende der Kreisjägerschaft betrachtet die Lage in Hassel mit dem durch den Ort ziehenden Wolf als „ein Alarmzeichen“. Das sei schon ungewöhnlich. Für ihn stehe fest: „Es wird der Tag x kommen, an dem es einen Überfall auf den Menschen geben wird.“ Er kenne den Ort durch seine in Hassel wohnende Tochter und weiß, dass es dort auch viele Hundebesitzer gibt. „Das ist ein großes Problem“, schätzt der Jäger und Landwirt ein. Wölfe betrachten den Hund entweder als Konkurrent oder als Beute. „In diesem Fall ist die Hemmschwelle für den Wolf deutlich geringer als beim Menschen.“ Für Reister sei es bedenklich, den Wolf in der urbanen Landschaft Deutschlands anzusiedeln. „Das ist kein artgerechter Lebensraum für ihn.“

Im Monitoringjahr 2019/20 wurden in den 21 bestätigten Territorien Sachsen-Anhalts mindestens 43 adulte, potentiell reproduktionsfähige Tiere gezählt, von denen 36 Welpen aufgezogen haben. In den vier grenzübergreifenden Rudeln leben acht weitere adulte Individuen in vier Territorien. Insgesamt wurden mindestens 61 Welpen in Sachsen-Anhalt geboren (7 verstarben), heißt es im Monitoringbericht.