Schießbefehl und Opfer

In einem Befehl des DDR-Verteidigungsministeriums von 1961 hieß es, die Schusswaffe dürfe eingesetzt werden „zur Festnahme von Personen, die sich den Anordnungen der Grenzposten nicht fügen, indem sie auf Anruf „Halt - Stehenbleiben - Grenzposten!“ oder nach Abgabe eines Warnschusses nicht stehenbleiben, sondern (...) versuchen, die Staatsgrenze der DDR zu verletzen“ und wenn „keine andere Möglichkeit zur Festnahme besteht“.

Einen Schießbefehl als Verpflichtung zum Todesschuss gab es juristisch betrachtet nicht. Aber Belobigungen und Prämien für Todesschützen, ideologische Beeinflussung (...) rückten im Alltag der Grenzsoldaten die Erlaubnis zum Einsatz der Waffe in die Nähe der Pflicht.

Allein an der Berliner Mauer wurden zwischen 1961 und 1989 mindestens 140 Menschen getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben: darunter 100 DDR-Flüchtlinge, 30 Menschen aus Ost und West ohne Fluchtabsichten, acht im Dienst getötete DDR-Grenzsoldaten, die durch Fahnenflüchtige, Kameraden, einen Flüchtling, einen Fluchthelfer oder einen West-Berliner Polizisten getötet wurden. Quelle: https://www.berlin.de/mauer/geschichte/mauertote

Werben/Seehausen l Manchmal, wenn die Werbener Schützen üben, schnürt es Renate Haase die Kehle zu. „Dann kommt sofort der Gedanke, jetzt schießen sie wieder.“ Schüsse sind für die 74-Jährige sofort die Schüsse an der Berliner Mauer. Jene vom frühen Nachmittag des 17. August 1962 in der Zimmerstraße/ Charlottenstraße nahe des Checkpoint Charlie. Abgefeuert auf den Maurergesellen Peter Fechter und den Betonbauer Helmut Kulbeik, beide gerade volljährig. Und beide entschlossen, die DDR ein Jahr nach dem Mauerbau zu verlassen. Zu fliehen.

Renate Haase, die aus Werben stammt, aber in Berlin Pankow aufwuchs, wurde zufällig Zeugin davon. Nachdem sie wegen des Mauerbaus ihre Schneiderlehre in West-Berlin abbrechen musste, arbeitete sie damals 17-jährig ungelernt in der Druckerei des Union-Verlags. Das Gebäude stand so dicht an der Grenze, dass der eigentliche Eingang zum Todesstreifen gehörte, alle Angestellten den Betrieb nur über ein abgeräumtes Trümmerfeld in der Charlottenstraße erreichten.

Dort wartete Renate Haase, damals Pietsch, nach Schichtende auf ihren Freund Wolf-Dieter Zupke. „Er arbeitete auch in der Druckerei.“ Abermals drehte sich die junge Frau von den Grenzposten weg, „sie haben bei Schichtwechsel immer geguckt, was da für Mädchen unterwegs waren“.

Bilder

Junge Männer, die nach der Flirterei von ihren Schusswaffen Gebrauch machten. Denn aus dem Versteck einer Schreinerei heraus liefen Peter Fechter und Helmut Kulbeik wenige Sekunden nach 14.10  Uhr in Richtung Grenzanlage. Auch Renate Pietsch hört damals die Schüsse, die augenblicklich fallen, richtet den Blick gen Mauer. Hört so etwas wie „komm doch, spring doch“ und sieht einen jungen Mann direkt vor der Mauer zusammenbrechen.

Während Helmut Kulbeik es in „den Westen“ schaffte, hielt Peter Fechter im Kugelhagel inne, „offenbar hat ihn geschockt, dass tatsächlich scharf geschossen wurde“, heißt es im Buch „Mord an der Mauer. Der Fall Peter Fechter“, herausgegeben von Thomas Schmid. Erschienen 1992, anlässlich des 50. Todestags von Peter Fechter. Gespickt auch mit den Ein­drücken von Renate Haase – in den Stasiakten fand man ihren Namen und jenen ihres Freundes, suchte den Kontakt zu ihr.

Laut Akteneintrag von Oberst Tschippke hatte Renate Pietsch geäußert, „das ist der Posten, der geschossen hat, den müssen wir gleich fotografisch festhalten.“ Und Renate Haase erinnert sich an noch mehr: Dass sie „der einen Schweinebacke“ zugerufen habe, „du Mörder, du Schwein“. Sie habe ihn mit Füßen getreten und wurde zurückgehalten. Dies unter dem Eindruck, dass Peter Fechter immer wieder rief „helft mir doch, helft mir“. Erst nach 50 Minuten trugen Grenzposten den mittlerweile Verstummten von der Mauer weg. „Sie warfen ihn auf einen Planwagen, wie ein Stück Vieh.“

Peter Fechter ist zwischen den Fronten des Kalten Krieges verblutet. Eine der insgesamt 34 Stahlgeschosse (Kaliber 7,62)  durchschlug seine rechte Beckenschaufel, zerriss Dickdarm und Dünndarm. Von keiner Seite erreichte ihn Hilfe.Die zufälligen Zeugen Renate Pietsch und ihr Freund auf der Ostseite wurden abgeführt, sie bis nachts um 2  Uhr verhört. Dazu gehörte auch eine Leibesvisite „in allen Körperöffnungen“.

Während man ihren Freund gleich wieder laufen ließ, hielt man Renate Pietsch drei Tage fest. „Die wollten mir einen Denkzettel verpassen.“ Natürlich, so sagt sie, waren alle Handelnden Kinder ihrer Zeit. „Aber jeder hat immer einen kleinen Handlungsspielraum. Hätten sie ihm doch auf die Beine geschossen.“ Dieses Ohnmachtsgefühl, Renate Haase spürt es heute noch. „Das wirste nicht mehr los.“

Die Veranstaltung „Flucht über die Elbe. Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes im Raum Seehausen“ beginnt Montag, 20. Mai, um 18 Uhr in der Salzkirche. Mit Vortrag und Podiumsgespräch.