Ben Engels aus Meseberg lebte und arbeitete ein Jahr in der kolumbianischen Millionenstadt Cali

Schulunterricht im Zweischicht-Betrieb

Von Nico Maß

Ein Jahr lebte Ben Engels in Kolumbien. In Cali arbeitete der 21-Jährige in einer Schule. Als er jetzt in die Altmark zurückkehrte, nahm er wertvolle Erfahrungen mit sich. "Kolumbien hat mir viel gegeben", ist er überzeugt.

Meseberg l Es gab den Moment des Zweifelns. Den Augenblick, in dem sich Ben Engels die Frage stellte: Warum bin ich eigentlich hier? "Das war gleich am ersten Tag nach meiner Ankunft in Cali der Fall. Ich konnte überhaupt kein Spanisch und kam mir ziemlich orientierungslos vor. Und dann der erste Blick auf meine Schule. Dort wurden an diesem Tag direkt vor dem Eingang irgendwelche Abfälle verbrannt, das wirkte einfach nur trostlos auf mich. In der anschließenden ersten Nacht bei meiner Gastfamilie habe ich länger wach gelegen und darüber gegrübelt, was ich in Cali mache", blickt der 21-Jährige zurück. "Aber die Zweifel waren am nächsten Tag verflogen. Zum Glück. Denn das Jahr in Kolumbien hat mir sehr viel gegeben", fügt er hinzu.

Als sich der Meseberger 2010 über den Jugendaustauschdienst AFS und Weltwärts, einem Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, um eine einjährige Tätigkeit in einem südamerikanischen Land bewarb, verfügte er bereits über Auslandserfahrung. Engels hatte von Sommer 2007 bis Sommer 2008 als Gastschüler in Atlanta gelebt. Diese Zeit in den Vereinigten Staaten "war eine super Erfahrung. Und bestärkte mich sicher auch darin, nach dem Abi noch einmal für ein Jahr ins Ausland zu gehen."

Von Anfang an stand dabei fest, dass Engels in einem südamerikanischen Land leben und arbeiten wollte. "Ich war neugierig auf diesen Kontinent, auf die Mentalität der Menschen. Kolumbien war dabei nicht unbedingt mein absoluter Favorit. Aber als ich die Chance bekam, in dieses Land zu gehen, habe ich sie ergriffen."

Ab Januar 2011 avancierte Cali (eigtl. Santiago de Cali) für die Dauer von zwölf Monaten zum Arbeits- und Wohnort des Mesebergers. In der drittgrößten Stadt Kolumbiens, die rund 2,06 Millionen Einwohner zählt, arbeitete er als unterstützende Lehrkraft an einer staatlichen Schule. "Dabei handelte es sich um die INEM Jorge Isaacs", sagt Engels. Eine Bildungsstätte, die täglich von tausenden Kindern und Jugendlichen besucht wird. "Der Schulbetrieb läuft in zwei Schichten. Von morgens um 7.30 Uhr bis mittags gegen 12 Uhr werden rund 3500 Mädchen und Jungen unterrichtet, am Nachmittag drücken dann weitere 3500 junge Kolumbianer in der INEM die Schulbank", berichtet der Meseberger. Und fügt hinzu: "An dieser Schule lernen die Kinder und Jugendlichen nur bis zur achten Klasse zusammen. Danach beginnt eine Spezialisierung. So können sich die Jugendlichen zum Beispiel ab der neunten Klasse auf Sprachen und Tourismus konzentrieren. Das war der Bereich, in dem ich gearbeitet habe."

Ben Engels unterstützte hauptsächlich die Englisch- und Deutschlehrer in den neunten bis elften Klassen. Unter anderem leitete der Altmärker an der Schule zwei Englisch-Clubs. In der Bildungsstätte gab es neben ihm auch noch eine andere deutsche Helferin. "Dabei handelte es sich sogar um eine Altmärkerin. Und zwar Josie aus Pretzier, die die gleiche Zeit wie ich an der INEM verbracht hat", berichtet Ben Engels.

Für ihre Arbeit in der Schule bekamen die deutschen Helfer ein monatliches Taschengeld von rund 800000 Peso. "Umgerechnet sind das ungefähr 320 Euro. Mit diesem Betrag konnte man nicht wirklich über die Runden kommen", erzählt Engels. Für ihn zahlte es sich daher umso mehr aus, dass er in einer Gastfamilie untergebracht war. "Das wollte ich von Anfang an, weil es mir ungemein wichtig war, Land und Leute kennenzulernen", erzählt Ben Engels. Zu seiner zur kolumbianischen Mittelschicht gehörenden Gastfamilie gehörten Carmenza und Lucho sowie ihr 19-jähriger Sohn David. "Ich bin sehr gut aufgenommen worden und habe mich in der Familie auch wohl gefühlt", erzählt Ben Engels.

"Nach und nach lernte ich auch zahlreiche Verwandte kennen. Die Kolumbianer besitzen einen ausgeprägten Familiensinn und messen dem Zusammenhalt unter der Verwandtschaft einen sehr hohen Wert bei. Demzufolge gibt es auch regelmäßig Familientreffen, bei denen alle Verwandten der väterlichen Seite zusammenkommen. Die Familie steht für die Kolumbianer an erster Stelle - und dieser Zusammenhalt, den viele Familien auch tatsächlich leben, empfand ich schon als sehr beeindruckend", sagt der Altmärker. Deutlich schwieriger war für Ben Engels einzuordnen, dass viele Menschen in dem südamerikanischen Land noch einem traditionellen Klassen- und Rollenverständnis verhaftet seien. "Wer zur Mittelschicht zählt, bewegt sich auch fast ausschließlich in einem derartigen Umfeld", nennt Engels ein Beispiel.

Streng reglementiert sei zudem der Umgang mit dem anderen Geschlecht. "Wenn ich mit meiner Freundin bei mir im Zimmer war, musste die Tür offen bleiben. Wir standen also quasi immer unter Kontrolle. Und bei der Familie meiner Freundin verlief das ähnlich. Es ist in Kolumbien nicht üblich, Intimität und Nähe zwischen Paaren zuzulassen, wenn sie noch nicht verheiratet sind. Junge Kolumbianer müssen sich also andere Plätze als die Wohnungen ihrer Familien suchen, wenn sie sich näher kommen möchten", erzählt Ben Engels. Dass dabei etwas Wehmut in seiner Stimme mitschwingt, hat einen einfachen Grund. Denn als der Altmärker die Heimreise antrat, ließ er auch seine Freundin in Kolumbien zurück. "Wir haben regelmäßig über das Internet Kontakt. Aber ich hoffe, dass sie mich bald hier in Deutschland besucht", sagt der Altmärker. Seine eigene Zukunft sieht der Meseberger auch erst einmal in seinem Heimatland. "Ich will studieren, möglichst internationales Management oder Business. An einer deutschen Uni. Aber es ist sicher nicht ausgeschlossen, dass ich während meines Studiums für ein Semester ins Ausland gehe", erzählt er schmunzelnd.