Seehausen l Das Übel wird beim Blick ins Wasser sichtbar. Auf dem Betonabsatz zwischen den Startblöcken Nummer 5 und 6 hat sich ein Riss von gut einem Meter Länge aufgetan. Walter Fiedler, der Vorsitzende des Seehäuser Waldbadfördervereins, erhielt die Nachricht am Montag. Abends berichtete er davon im Wirtschaftsausschuss der Hansestadt, sprach von einem „massiven Dämpfer“, von „blankem Entsetzen“. Denn die Hiobsbotschaft kommt erst recht zur Unzeit. Schließlich sollte das Waldbad jetzt trotz der Corona-Krise rechtzeitig sowie mit neuem Planschbecken öffnen und die Saison in die Vollen gehen.

Doch es nützt alles nichts, der Schaden muss repariert werden. „Es droht dort eine Wand wegzubrechen, es ist eine Frage der Sicherheit“, sagt Walter Fiedler. Das Wasser, das für die Schadensbehebung wieder abgelassen werden muss, ist aber bereits gechlort, weswegen es zunächst eines Antrags beim Umweltamt bedarf. Wie Fiedler ferner einschätzt, werde der Schaden auch nicht mit der ehrenamtlichen „Seniorenbrigade“ zu beheben sein. „Da brauchen wir ganz sicher Bauhilfe.“ Ist diese gefunden und geleistet, muss der Beton erst mal acht Tage trocknen. Dann folgen der Anstrich und der Wassereinlass samt Aufbereitung. „Der Saisonstart verzögert sich um mindestens drei Wochen.“

Der Schock sitzt tief und doch ist „nur“ passiert, was seit Jahren wie ein Damoklesschwert über der von der Wittenberger Bäder GmbH betriebenen Einrichtung hängt. „Unsere Flickarbeiten sind eben nur Flickarbeiten“, so Fiedler. Der Riss kam an einer Stelle, den die „Seniorenbrigade“ gar nicht auf dem Schirm hatte. Das vor zwei Jahren von einer Hamburger Firma erstellte Gutachten sei aber auch nicht umsonst so negativ ausgefallen. Im Waldbad Seehausen tickt die Zeit. Nach wie vor fehlt aber leider das große Geld, um mit einer Beckenerneuerung Ruhe in die Einrichtung zu bekommen. Abermals läuft ein Förderantrag der Stadt Seehausen, die Gesamtinvestition ist darin mit 1,6 Millionen  Euro beziffert. Die Jury für das Bundesförderprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus 2020“ wollte eigenlich im April ihre Entscheidungen treffen, „aber auch da wird Corona einiges durcheinandergebracht haben“, sagt Seehausens Wirtschaftsförderin Lisa Weigelt. Fällt der Bescheid positiv aus, müsste die Stadt zehn Prozent Eigenanteil berappen.

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Zunächst müssen die Seehäuser aber noch mal flickschustern. Trotz Riss-Schocks sollte gestern Nachmittag ein Treffen unter der Überschrift „Badesaison unter Corona-Bedingungen“ über die Bühne gehen. Abermals ist es der Optimismus, der über Wasser hält. Auf keinen Fall soll das mehr als 80 Jahre alte Waldbad Seehausen seine Türen für immer schließen. Dieses Schicksal blühte seit 2000 jedem fünften Freibad in Sachsen-Anhalt. Die Landesregierung bezifferte den Sanierungsstau in Freibädern im vergangenen Juni mit gut 36 Millionen Euro. Der Seehäuser Betonriss steht so symbolisch für eine ganze „Branche“. Seine Reparatur hoffentlich auch.

Am Dienstag nach Pfingsten soll das neue Planschbecken fertig sein. Die Saisoneröffnung war für den 6. Juni avisiert. Der neue Termin steht noch in den Sternen.