Salzwedel l Wenn bis in den Herbst nicht noch ein kleines Wunder geschieht, dann gibt es in Salzwedel nur noch eine Praxis für Kinderheilkunde. Schon jetzt sind die Wartezimmer an vielen Tagen mehr als voll, nehmen Ärzte im Umland (Klötze, Lüchow) nur noch begrenzt neue Patienten auf. Die Situation erscheint mehr als prekär. Dazu kommen Entscheidungen der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA), die bei Medizinern vor Ort für Verwunderung sorgen.

Im vergangenen Jahr zog eine junge Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin (Name ist der Redaktion bekannt) mit ihrer Familie nach Diesdorf. Die gebürtige Altmärkerin hatte den festen Vorsatz, sich dort mit einer Praxis niederzulassen. Zu diesem Zeitpunkt las sie eine Anzeige im Bundesärzteblatt, dass in Salzwedel die Stelle eines Kinderarztes neu zu besetzen sei.

„Da habe ich telefonisch bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Magdeburg nachgefragt, ob sich dieser Arztsitz auch nach Diesdorf verlegen lasse“, berichtet die 34-Jährige, die an der renommierten Berliner Charité ausgebildet wurde. Als Antwort kam zunächst nur die knappe Aussage, dass dies geprüft werden müsse. Nach ein paar Wochen kam dann die Antwort per E-Mail, die der Kinderärztin noch heute die Sprache verschlägt.

Kategorische Ablehnung

In dem mehrseitigen Schreiben begründet die KVSA ausführlich, warum in Diesdorf keine Kinderarztpraxis eröffnet werden könne. Es werden Geburtenprognosen und Kinderzahlen für den gesamten Altmarkkreis und die lange Busfahrtzeit von Salzwedel nach Diesdorf (eine Stunde) aufgezählt. Die Praxis wäre nicht wirtschaftlich, und zudem wäre die Region überversorgt. „Das sind derzeit 4 Stellen, das Soll liegt bei 3,5“, weiß die gut ausgebildete Altmärkerin. Sie fügt hinzu: „Damit habe ich nicht gerechnet. Das hat meine ganze Lebensplanung über den Haufen geworfen.“

Dabei hatte die heutige Diesdorferin bei vielen Anlässen immer wieder, auch von Politikern, die Frage gehört, ob sie nicht in die Region zurückkommen wolle. „Doch das war eine kategorische Absage“, stellt sie mit Enttäuschung fest. „Ich war hochmotiviert und dann das.“

Ärztin orientiert sich um

Nun hat sich die junge Mutter umorientiert und eine Stelle in Niedersachsen angetreten. Jeden Tag fährt sie fast 120 Kilometer, um in einer anderen Praxis zu arbeiten. Genau diese Wege nehmen ihrer Kenntnis nach auch viele Patienten aus der Altmark auf sich, weiß die Diesdorferin aus Gesprächen. „Die fahren zum Kinderarzt nach Uelzen oder Lüchow-Dannenberg“, berichtet sie. Regelmäßig werde sie im Ort auch angesprochen, warum sie denn dort keine Praxis eröffnen könne.

Dr. Waltraud Behrens, langjährige Kinderärztin in Salzwedel, ist über diesen Ablauf ebenfalls sehr verärgert. „Da will jemand etwas bewegen und dann sowas“, versteht Behrens die Welt nicht mehr. Doch das Problem bleibt: Seit rund drei Jahren sucht die 64-Jährige einen Nachfolger für ihre pädiatrische Praxis. Frühzeitig meldete sie ihren Vorsatz, in diesem Jahr in Rente zu gehen, auch bei der KVSA an.

Schließung zum 30. September

„Es ist eine gut laufende Praxis mit überdurchschnittlich vielen Patienten“, erklärt Behrens im Gespräch mit der Volksstimme. Dies bestätigten auch mehrere Eltern gegenüber unserer Zeitung, deren Kinder dort in Behandlung sind. „Ich weiß manchmal nicht, wo mir der Kopf steht“, beschreibt Behrens die große Arbeitsbelastung. Doch bisher konnte kein Arzt für Kinderheilkunde gefunden werden, der den frei werdenden Standort Salzwedel übernimmt. Die Anfrage aus Diesdorf wurde ja bekanntlich abgelehnt.

Am 30. September will Behrens nun die Türen ihrer Praxis für immer schließen. Da sie in einem Privathaus praktizierte, werde an dieser Stelle in Zukunft auch keine Praxis mehr öffnen können. Diesen Umstand teilte Waltraud Behrens ebenfalls der KVSA mit. Dennoch schickte die Kassenärztliche Vereinigung zuletzt eine weitere Interessentin, die davon ausging, die Räume nutzen zu können. Weitere Bewerber gibt es nach Kenntnis von Behrens derzeit nicht. „Es wird keine Nachfolge geben“, glaubt die Ärztin.

KVSA widerspricht

Dieser Aussage widerspricht die KVSA auf Anfrage der Volksstimme. „Derzeit finden Gespräche mit einem potenziellen Leistungserbringer statt“, schreibt Janine Krausnick, zuständige Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit, im Auftrag des KVSA-Vorstandes. Krausnick erklärt weiter, dass für den Standort Salzwedel „eine dringlich zu besetzende Sicherstellungspraxis für Kinderheilkunde“ ausgeschrieben worden sei. Dies sei auch bundesweit im Deutschen Ärzteblatt veröffentlich worden.

Zum Vorgang in Diesdorf äußert sich die Kassenärztliche Vereinigung nur mit einem knappen Satz: „Wir können den vorgetragenen Sachverhalt nicht bestätigen. Der Geschäftsstelle des Zulassungsausschusses Sachsen-Anhalt ist keine dementsprechende Antragstellung bekannt“, schreibt nun Bernd Franke aus der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für den KVSA-Vorstand. Eine Antragstellung war nach der Ablehnung per E-Mail durch die Diesdorfer Ärztin aber auch nie erfolgt.

Damit ist der Altmarkkreis Salzwedel nach dem 30. September 2019 auch bei Ärzten für Kinderheilkunde unterversorgt. Die Stellenzahl liegt dann bei 3, das Soll wohl weiter bei 3,5. Diese drei Ärzte müssen dann die Versorgung von rund 13 000 Kindern sicherstellen. Die Diesdorfer Ärztin wünscht sich nun für die Zukunft, dass sich die Zusammenarbeit mit der KVSA wieder verbessert.