NaturAlt wie ein Baum?

Von der Stadtverwaltung Salzwedel ernst genommen zu werden, ist auch nach 20 Jahren der Wunsch von „Pro Baum“.

Von Cornelius Bischoff 28.03.2020, 02:00

Salzwedel l Die Bürgerinitiative um den Botaniker Günter Brennenstuhl blickt in diesem Jahr auf ihr 20-jähriges Bestehen. „Mehr oder weniger“, schmunzelt Günter Brennenstuhl. Salzwedeler Bürger waren schon 1998 für ihre Bäume auf die Straße gegangen. In einer Nacht- und Nebel-Aktion habe die Verwaltung damals zwei alte Pyramideneichen auf dem Rathausplatz gefällt. „Es gab“, erinnert sich der gelernte Apotheker, „in der Wendezeit eine Vielzahl Pläne, Salzwedel an dem ‚goldenen Zeitalter‘ zu beteiligen, das nun beginnen sollte.“ Einer dieser Pläne hatte vorgesehen, ein Kaufhaus auf dem brach liegenden Platz im Herzen der Stadt zu errichten. „Als dann klar wurde, dass der Investor kein Geld hatte, war es für die Eichen zu spät“, sagt Brennenstuhl. Mit Kreuzen und Mahnwachen hatten die Salzwedeler damals versucht, ein Zeichen für den Erhalt ihres grünen Stadtbildes zu setzten. Vergeblich. Das „Fass zum Überlaufen“ habe schließlich der Kahlschlag mehrerer alter Bäume auf dem Gelände des ehemaligen Klosters gebracht. In Leserbrief-Aktionen hatten Aktivisten versucht, die Öffentlichkeit auf den „Ausverkauf“ der ältesten Bewohner der Stadt zu lenken. Im Jahr 2001 schließlich hatte es Karl-Heinz Fliegner in die Hand genommen, dem Engagement der Einzelnen eine Struktur zu geben. „Das war die Geburtsstunde unserer Bürgerinitiative“, erzählt Brennenstuhl.

„Was für Autofahrer aussieht, wie ein Baum am Straßenrand, ist ein komplexes Lebewesen“, sagt der Botaniker, der Wert darauf legt, nicht aus der „esoterischen Ecke“ zu kommen. „Ich habe mein Lebtag keine Bäume umarmt“, unterstreicht Brennenstuhl. Eine Tatsache aber sei, dass Bäume einen wichtigen Beitrag zum Mikroklima, zu Lärmminderung und Luftqualität leisten. Es sei darum sinnvoll, darauf zu achten, dass die Lebensbedingungen, die einem jungen Baum geboten werden, geeignet sind, ihm ein langes, gesundes Leben zu ermöglichen. Junge Bäume in Löcher zu stecken, die zur Hälfte mit Bauschutt gefüllt sind, sei sinnlos. Brennenstuhl: „In vielen Fällen ist der Mutterboden, der – etwa nach Straßenarbeiten – das Pflanzloch bedeckt, reine Dekoration“. Eine Erklärung für dieses achtlose Vorgehen, hat der Botaniker nicht: „Einen Baum zu setzten, kostet rund 100 Euro, rechnet Brennenstuhl: „In Salzwedel steht eine Menge Geld auf Plätzen, an Straßen und Wegen.“ Auf Nachfrage bestätigt ein Sprecher der Stadtverwaltung, dass rund 12 000 Bäume die innerörtlichen Bereiche des Stadtgebietes und der Ortsteile bevölkern. In die Pflege der grünen Mitbewohner habe die Stadt im vergangenen Jahr rund 170 000 Euro investiert.

„Das ist viel Geld“, sagt Günter Brennenstuhl, der vermutet, dass die Verwaltung deshalb mit Zurückhaltung auf das Angebot von Spenderbäumen reagiert. Letztere stellen Freunde und Förderer von „Pro Baum“ der Stadt kostenlos zur Verfügung. Diese aber sei für die Folgekosten verantwortlich. Das könnte, so Brennenstuhl, ein Grund dafür sein, warum die Verwaltung nur in seltenen Fällen einen attraktiven Platz für die jungen Bäume finde. Dieser Einschätzung widerspricht die Stadtverwaltung: Die Leiterin des Bauamtes, Martyna Hartwich, stehe den Mitgliedern der Bürgerinitiative als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Bei gemeinsamen Sitzungen hätten Mitglieder von „Pro Baum“ alle zwei Monate Gelegenheit, ihre Anliegen mit der Verwaltung zu besprechen. Für zusätzliches Expertenwissen sorge der städtische Baumwart, Wulf Ohlmeyer. Vor jeder Neupflanzung werde geprüft, ob der angebotene Lebensraum den Ansprüchen der jeweiligen Baumart entspricht.

Davon, dass die bisherigen Bemühungen der Stadt um eine Zusammenarbeit mit der Bürgerinitiative nicht ausreichen, ist Günter Brennenstuhl überzeugt: Angesichts einer „massiven Entnahme“ alter Bäume müsste sich die Verwaltung eigentlich über jeden Neuzugang freuen. „Seit der Wende sind in Salzwedel über 500 alte Bäume verschwunden“, rechnet der Botaniker und fragt nach einem Ausgleich, wie ihn die Baumschutzverordnung der Stadt fordert. Die Vorschrift regelt unter anderem Zahl und Umfang von Neupflanzungen, mit denen ein Ausgleich für jeden gefällten Baum geschaffen werden muss.

Nach Angaben der Stadtverwaltung gäbe es – gemäß der Baumschutzverordnung – für jeden gefällten Baum eine Nachpflanzung. Im Jahresdurchschnitt würden zehn bis zwölf Bäume gefällt. Die Trockenheit der vergangenen Jahre habe die Statistik jedoch zu Ungunsten der Bäume verschoben: Im vergangenen Jahr seien 21 Bäume geschlagen worden, darunter zwölf Baum-Veteranen. Jeder Einzelne sei durch eine Neupflanzung ersetzt worden. Neben drei Rotdornen hätten vor allem Linden in der Hansestadt Einzug gehalten, heißt es.

„Das ist ein schwacher Ersatz“, sagt Brennenstuhl und verweist darauf, dass der Rotdorn, selbst mit einem hohem Stamm, keinen alten Baum ersetzen könne. Außerdem hänge die Zahl der zu pflanzenden Bäume vom Umfang des jeweiligen Vorgängers ab. Fraglich sei schließlich, ob die Verordnung bei Fällungen auf privatem Grund durchgesetzt werde. Dort sei eine Kontrolle beinahe unmöglich. „In vielen Fällen regiert das pures Unverständnis“, zeigt sich Brennenstuhl verärgert. Dieses äußere sich auch bei den Baumschnitten, die in vielen Fällen ohne erkennbaren Anlass und gegen die Natur des jeweiligen Baumes durchgeführt würden. Der Botaniker erklärt:

„Der Schnitt von Obstbäumen ist sinnvoll, um den Ertrag zu steigern.“ Bei anderen Bäumen aber reguliere der Baum selbst das Verhältnis zwischen Krone und Wurzel. Ein widernatürlicher Schnitt sei mit einem Kraftsportler vergleichbar, der gezwungen werde, sich nur von Wasser und Zwieback zu ernähren. Anfragen der Bürgerinitiative bei der Verwaltung würden meist gleichlautend, mit dem Hinweis auf die Gefährdung des Öffentlichen Raumes, etwa durch verdorrte Äste, beantwortet. Zuständig für die Beurteilung der Bäume ist Baumwart Ohlmeyer. In der Praxis greifen Mitarbeiter des städtischen Bauhofs zur Säge. In den Ortsteilen würden meist externe Dienstleister mit den Pflegearbeiten beauftragt, heißt es in einer Stellungnahme der Stadt.

„Es bleibt viel zu tun“, sagt Günter Brennenstuhl und schaut besorgt in die Zukunft der Bürgerinitiative: „Wie sind mehr oder weniger dieselben sechs Leute, die wir schon vor 20 Jahren waren – nur 20 Jahre älter.“ Langsam falle es schwer, Wasserkannen zu schleppen und Pflanzlöcher von Hand auszuheben. Unterstützung bei körperlichen Arbeiten finden die Mitglieder der Bürgerinitiative bei den Beschäftigten des städtischen Bauhofs. Diese helfen den, in die Jahre gekommenen, Aktivisten bei ihrem Versuch, den Bäumen der Stadt eine Zukunft zu geben.