Arendsee l See-Einbruch, Erdfall, Seefall – es gibt mehrere Begriffe für Entwicklungen, die eines der größten Gewässer in Norddeutschland vom Ausmaß und der Tiefe her geprägt haben. Zwei davon sind historisch belegt. Das Ereignis von 822 nimmt eine Sonderstellung ein. Und zwar deshalb, weil es erstmals in schriftlicher Form festgehalten wurde und somit der Nachwelt überliefert werden konnten.

Bei Städten und Dörfern wird so etwas als erste urkundliche Erwähnung bezeichnet. Danach werden Jubiläen ausgerichtet. Und das, obwohl die Siedlungsgeschichte vielfach weiter zurück reicht. Auch die Entstehungsgeschichte des Arendsees ist noch um einiges älter. Aber die Blaue Perle, so wie sie viele Generationen kannten, kennen und kennen lernen werden, entstand größtenteils vor inzwischen knapp 1200 Jahren.

Es gibt nur wenige Aufzeichnungen

Die öffentlich verfügbaren Fakten dazu sind überschaubar. Über die Entstehungsgeschichte ist im Arendseer Chronikbuch zu lesen. Dort wird auch kurz auf den See-Einbruch eingegangen: „Offenbar hat der für 822 bezeugte Erdfall dem See nahezu seine heutige Ausdehnung und Tiefe verliehen.“ Die Volksstimme fragte beim Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt nach, ob dieses Datum nachvollziehbar ist und es weitere Fakten dazu gibt.

Dort wurde das bevorstehende Arendsee-Jubiläum bestätigt. Das Amt hatte es aber bislang nicht auf dem Schirm. Wie Dr. Sven Thomas informierte, wurde der Erdfall von 822 auch in anderen Chroniken vermerkt. So detaillierte Aufzeichnungen mit Datum und Uhrzeit wie beim Seeeinbruch von 1685 gibt es allerdings nicht. Damals versanken zehn Kohl- und Krautgärten sowie eine Windmühle in den Fluten. Die Gesamtfläche betrug im Durchmesser etwa 850 Meter.

Einst existierten Inseln

Mehr Auswirkungen, insbesondere auf die Tiefe, hatten wohl die Ereignisse von 822. Denn davor handelte es sich vermutlich um einen Flachwassersee. Es soll einst auch Inseln gegeben haben – die vielleicht bebaut waren. Und die Archäologen wollen noch mehr ins Detail gehen. Wie bereits berichtet, stehen im kommenden Sommer weitere Forschungen an. Das Landesamt arbeitet dabei mit dem Fraunhofer IOSB-AST (Institut für angewandte Systemtechnik) zusammen. Taucher und Tauchroboter werden für eine längere Zeit eine nahezu kreisrunde Anhöhe im Arendsee untersuchen.

Sven Thomas verriet nun weitere Details. So soll im Mai und im Juni geforscht werden. Eventuell gibt es eine zweite Mission direkt danach. Vieles hängt davon ab, was entdeckt wird. Die Anhöhe befindet sich in einer Tiefe von 35 Metern. Die Vermutung, die aber noch nicht bestätigt ist: Es könnte sich eventuell um erhaltene Überreste handeln, die vor dem Erdfall 822 auf dem Trockenen standen. Was genau, ist derzeit unklar. Der Unterwasser-Archäologe kündigte im Gespräch an: Die Ergebnisse sollen seitens des Landesamtes im Jubiläums-Jahr 2022 der Öffentlichkeit näher gebracht werden. In welcher Form, das ist noch unklar. Sven Thomas hat zudem vor, einen Brief an den Arendseer Bürgermeister Norman Klebe zu schicken. Darin soll ganz offiziell auf das bevorstehende See-Jubiläum hingewiesen werden.

Eine Geburtstagsparty für einen See?

Dies könnte eine Diskussion auslösen, ob 1200 Jahre Arendsee eine Feier beziehungsweise eine größere Informations-Veranstaltung mit historischen Fakten wert ist. Noch bleibt reichlich Zeit, etwas auf die Beine zu stellen. Und die Chancen, eine Veranstaltung ohne größere Pandemie-Einschränkungen 2021 organisieren zu können, sind vorhanden. Es handelt sich immerhin um ein außergewöhnliches Ereignis und wirkt über den Luftkurort hinaus. In der altmärkischen Tourismusbranche wird gerne das Wort Alleinstellungsmerkmal verwendet. Eventuell könnten auch finanzielle Mittel beim Land beantragt werden. Denn der See gehört Sachsen-Anhalt im nächsten Jahr ein Vierteljahrhundert lang – ein kleines Jubiläum.

Das letzte größere Stadtfest liegt inzwischen auch schon über zehn Jahre zurück. Es wurde zum 825-jährigen Bestehen des Ortes 2009 umfangreich organisiert. Und dies damals trotz schwieriger städtischer Finanzlage. Ehrenamtliche und Sponsoren brachten sich ein. Was das Hervorheben von heimischen Details angeht, bietet auch das altmärkische Heimatfest eine mögliche Plattform. Die Veranstaltungsorte werden immer wieder gewechselt. Das altmärkische Heimatfest wurde in Arendsee zuletzt 1993 organisiert. Für die Marketing-Strategien ergeben sich zudem neue Möglichkeiten. Auf Messen könnte es neben „Besuchen Sie die Perle der Altmark“ beispielsweise in Zukunft heißen: „Besuchen Sie doch mal einen 1200-Jährigen“.