Vergessene Orte

Ein Dorf als stummer Zeuge

1970 verschwand das Dorf Jahrsau bei Salzwedel endgültig von der Landkarte. Dem DDR-Regime lag der Ort zu nah an der innerdeutschen Grenze.

Von Alexander Rekow 25.01.2018, 14:01

Salzwedel/Jahrsau l Auf dem Ortsausgangsschild des Dorfes Jeebel bei Salzwedel steht: Jahrsau, drei Kilometer. Wer auf dem holprigen Kopfsteinpflaster an Feldern und Obstbäumenen vorbeifährt, kommt dort aber nie an. Von Jahrsau ist weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen stehen dort Informationsschilder mit der Aufschrift: „Wüstung Jahrsau“. Das Dorf Jahrsau gibt es nicht mehr. Die deutsche Teilung machte ihm 1970 ein Ende.

1375 wurde das Rundlingsdorf urkundlich erwähnt. Versteckt zwischen Auenwäldern und Sumpfwiesen, hatte der Ort mehrere Kriege überstanden, bis die DDR ihm den Garaus machte. Bereits bei der Aktion „Ungeziefer“ 1952 hatte das Regime drei Familien zwangsumgesiedelt. Grund: Jahrsau lag zu nah an der Zonengrenze. Damit war das Schicksal des Dorfs besiegelt. 1961 zwang die DDR-Regierung schließlich auch die verbliebenen Dorfbewohner, ihre Heimat endgültig zu verlassen. Doch nicht nur sie mussten weichen. Neun Jahre später rückten die Abrisskommandos an. Nur die Kirchenglocke überlebte – in der Kirche des benachbarten Klein Chüden.

Heute sind Jahrsaus Überreste ein stummer Zeuge der wechselhaften deutschen Geschichte. Sie erinnern an die Zwänge, denen die Menschen ausgeliefert waren. Das Landesamt für Denkmalpflege hat die Wüstung Jahrsau samt Zaunabschnitt der ehemaligen Grenze als Zeugnis der Teilung in die Liste der Denkmale des Landes aufgenommen.