Fernsehproduktion

Einen Tag in Berlin bei Ingmar Stadelmann

Der gebürtige Salzwedeler Ingmar Stadelmann hat seinen Traum erfüllt: Beim RBB hat er eine eigene Satire-Show. Die Volksstimme sprach mit dem Comedian an einem Produktionstag und schaute hinter die Kulissen.

Von Alexander Rekow
Der gebürtige Salzwedeler Ingmar Stadelmann am Studiotisch seiner „Abendshow“ im Funkhaus des TV-Senders RBB in Berlin. Die Volksstimme schaute dem Comedian bei der Produktion seiner Live-Show einen Tag über die Schulter.
Der gebürtige Salzwedeler Ingmar Stadelmann am Studiotisch seiner „Abendshow“ im Funkhaus des TV-Senders RBB in Berlin. Die Volksstimme schaute dem Comedian bei der Produktion seiner Live-Show einen Tag über die Schulter. Foto: Alexander Rekow

Berlin/Salzwedel - „Der Letzte macht das Licht aus“, steht auf einem Stück Berliner Mauer. Darauf zu sehen: Erich Honecker, ehemaliger Vorsitzender des Staatsrates der DDR, der vor einem schwarzen Loch steht, das ins Unbekannte führt. Das steinerne Segment steht vorm imposanten RBB-Fernsehzentrum im Berliner Westend, dem Arbeitsplatz von Ingmar Stadelmann. Der gebürtige Salzwedeler führt seit 2019 wöchentlich live durch die Satire-Sendung Abendshow. Er verarbeitet ab 22 Uhr eine halbe Stunde mit Witz und Ironie die großen und kleinen Probleme der Woche. Auch an diesem Freitag.

Mit brauner Lederjacke, Sneaker, blauer Jeans und schwarzem Basecap kommt Ingmar Stadelmann am Nachmittag im Fernsehzentrum an. In 1,5 Stunden sollen die Proben beginnen. Noch aber ist Zeit für ein Getränk und Gespräche. „Wir fahren hoch“, sagt Aufnahmeleiterin Beatrix Frost. In den 14. Stock, mit Weitblick über Berlin und einem Energy-Drink zum Wachhalten. „Das ist der Stadelmann-Drink“, verrät sie. Ohne Zucker, ohne Fett – aber höllisch süß. „Der ist gewissermaßen gesundheitsfördernd“, witzelt der Comedian, der mit diesem Getränk jeden Produktionstag beginnt.

Das ist die Show die ich immer wollte

Ingmar Stadelmann

„Das ist die Show, die ich immer wollte“, beginnt der Wahl-Berliner zu erzählen, dessen Karriere im kleinen Salzwedel, im Norden Sachsen-Anhalts, begann. Beim Offenen Kanal der Heimatstadt hat er die ersten Gehversuche vor der Kamera gemacht. „Schon damals saß ich an einem Schreibtisch.“ Von da an ging es für den heute 40-Jährigen medial in diversen Formaten eigentlich nur noch bergauf. Über das Format Comedy Central News (CC:N) von 2017 bis 2019 gelang ihm schließlich der große Sprung zur eigenen Satire-Sendung. „Das war die Basis für die Abendshow beim RBB.“ Und davon habe er nun schon etwa 70 Folgen produziert.

Im Berufsleben von Ingmar Stadelmann gibt es nur eines, das er noch lieber mag: Mit seinem eigenen Bühnenprogramm auf Tour durch Deutschland sein. Das „Beste“ sei das, fasst er es kurz und knapp zusammen. Für einen Künstler gehe es nicht besser, als in den großen und kleinen Hallen der Republik das Publikum zu unterhalten. „Da hast du Adrenalin von Stadt zu Stadt.“ Egal, ob in einem kleinen Ort oder der Metropole, wobei es durchaus nennenswerte Orte gebe. In Hannover gebe es ein wahnsinnig tolles Publikum, in Berlin habe er Heimspiel, Cottbus sei Cottbus und Salzwedel eine Wohlfühloase. Denn „in der Heimat sind immer die Gleichen“, sagt der Mann mit Rauschebart. Eltern ehemaliger Mitschülern, einstige Lehrer, Freunde vom Bolzplatz. „Deswegen komme ich auch immer wieder gern in die Altmark, man kennt und trifft sich.“ Es ist gewissermaßen ein Klassentreffen mit Schenkelklopfern, ein Abtauchen in die eigene Vergangenheit. „Viele Wegbegleiter meiner Schulzeit sind ja weggezogen.“

Eigentlich fehlt mir nur noch Wolfgang Joop.

Ingmar Stadelmann

Wen Ingmar Stadelmann auch trifft, sind Promis. Komiker, Politiker und Sternchen aus der Welt des Internets. In seiner Abendshow geben sie sich die Klinke in die Hand. Beispielsweise Torsten Sträter. „Der muss nur einen Satz in seiner unnachahmlichen Tonlage sprechen, schon fange ich an zu lachen.“ Oder Gregor Gysi, der ein herausragender Rhetoriker sei und auch wisse, wie Menschen unterhalten werden. „Eigentlich fehlt mir nur noch Wolfgang Joop“, sagt Stadelmann, „der ist Premium.“

Mittlerweile ist es nach 16 Uhr. Der 40-Jährige muss sich auf seinen Auftritt vorbereiten, die Probe steht in 15 Minuten an. Im Studio des Erdgeschosses. Wieder geht es zum Fahrstuhl. Doch dieses Mal gibt es Probleme. „Ich glaube, ich bin stecken geblieben“, ruft Ingmar Stadelmann hinter der verschlossenen Doppeltür. Ein kleines rotes Lämpchen mit der Aufschrift „außer Betrieb“ bestätigt seine Vermutung. Unruhe macht sich breit. Nicht beim Comedian, sondern seiner Aufnahmeleiterin. Der ganze Tag sei ein gebrauchter, sagt sie. Erst der zähe Verkehr in Berlin und nun das. „Wir kommen wohl etwas später“, informiert sie vorsichtshalber den Produktionsleiter unten im Studio.

Aufnahmeleiterin Beatrix Frost befreit Ingmar Stadelmann aus dem Aufzug.
Aufnahmeleiterin Beatrix Frost befreit Ingmar Stadelmann aus dem Aufzug.
Foto: Alexander Rekow

Nur noch fünf Minuten, dann soll es eigentlich losgehen. Nervös mit dem Smartphone in der Hand geht Beatrix Frost den Flur vor den Fahrstühlen auf und ab, prüft im Sekundentakt die Uhrzeit. Durch einen kleinen Spalt zwischen den Türen spricht sie mit Stadelmann und versichert, dass Hilfe naht. Doch es dauert ihr offensichtlich zu lang. Die Aufnahmeleiterin nimmt die Situation selbst in die Hand. Die zierliche Frau drückt die Aufzugtüren auseinander, als hätte sie nie etwas anderes getan. Im Fahrstuhl steht aber kein nervöser Comedian, sondern sitzt ein entspannter Ingmar Stadelmann mit einem Salzwedeler Baumkuchen auf dem Schoss gemütlich am Boden. „Tja, was willst’e machen“, sagt er und nimmt nun sicherheitshalber mit dem heimischen Edelgebäck in der Hand die Treppen nach unten. „Zum Glück geht’s nur runter.“ Im Eiltempo geht seine Aufnahmeleiterin voraus.

Etwas verspätet kann die Probe beginnen. Noch einmal den Ablauf durchspielen, die Kameras ausrichten, das Licht justieren. Die Konzentration ist hoch. Dabei sein darf niemand, außer jenen, die in die Produktion eingebunden sind.

Dann beginnt das Warten auf die Live-Show. Aufgrund der Pandemie nicht gemeinsam. Stadelmann bezieht allein eine Kabine.

21.30 Uhr wird es schließlich ernst. Noch 30 Minuten, bis die Sendung live im RBB-Fernsehen ausgestrahlt wird. Doch von Anspannung keine Spur. „Wieder mal ein schöner Tag“ kommt es von den Musikern Sido und Gentleman aus den Studio-Boxen. Ein letztes Mal werden ein paar der gefühlt mehr als 100 Deckenlichter ausgerichtet. Der Produktionsleiter poliert noch einmal selbst den Studiotisch seines Künstlers. Nichts soll dem Zufall überlassen werden. Gesprächspartner des Abends ist Instagram-Star Aurel Mertz, der mittlerweile angekommen ist und verkabelt wird.

Müssen wa' eigentlich mal gucken, was wir hier kaputtmachen.

Aurel Mertz

Unterdessen steht fest: Es wird nicht mehr viele Folgen der Show geben. Die Nachricht macht die Runde. Der Sender setzt die Abendshow am 24. September ab. „Dabei hat es gerade erst angefangen, Spaß zu machen“, schreibt Ingmar Stadelmann auf seinem Instagram-Profil. Aber: The show must go on. Trotz der Botschaft. Und so steht der Comedian 15 Minuten vor Beginn im Studio. Dieses Mal ohne Basecap und Sneaker, dafür im grauen Anzug mit Lackschuhen. „Willkommen auf dem Riverboat der guten Laune“, beginnt Stadelmann einleitend und stichelt damit in Richtung des RBB, der ab Herbst statt der Abendshow- Folgen der Talkrunde „Riverboat“ übertragen will. Es wird nicht die einzige Spitze der halbstündigen Show gegen den TV-Sender bleiben. „Denn wissen Sie, wer diese Woche den Vogel abgeschossen hat?“, will Stadelmann von den Zuschauern wissen, „der RBB-Unterhaltungschef“. Und Aurel Mertz bietet ob der Nachricht an: „Müssen wa’ eigentlich mal gucken, was wir hier noch kaputtmachen.“ Doch bis zum Herbst geht Ingmar Stadelmann freitags noch live auf Sendung, weshalb er Mertz anbietet, das am 24. September nachzuholen.

Dann wird der Letzte für die Abendshow tatsächlich das Licht ausmachen. Nicht aber für Ingmar Stadelmann: Der will auf große Jubiläumstour gehen und unter anderem einen Abstecher in seine Heimat Salzwedel machen.

Ein Blick hinter die Kulissen beim RBB: Hier laufen gerade die letzten Vorbereitungen für die Live-Show im Studio.
Ein Blick hinter die Kulissen beim RBB: Hier laufen gerade die letzten Vorbereitungen für die Live-Show im Studio.
Foto: Alexander Rekow