Salzwedel l 400 Meter liegen zwischen Freud und Leid. Während bei Silke Kräuter in der Neuperverstraße die Korken knallen, herrscht bei Sylbille Zinke in der Burgstraße Katerstimmung. Ein Kontrast, der kaum härter sein könnte.

„Ich wollte es mal mit Laufkundschaft probieren“, sagt Silke Kräuter. Die Geschäftsfrau hat in Salzwedels Altperverstraße einen Laden für Sport und Freizeitwaren. Beklagen kann sie sich nicht. Selbst aus der Börde kommen Kunden. Denn Silke Kräuter vertreibt auch Zubehör für Modellbahnfreunde. „Wer zu uns kommt, möchte zumeist etwas Bestimmtes“. Aber Laufkundschaft? Fehlanzeige. Silke Kräuter hat auch einen Grund dafür ausmachen können: Der Zustand der Altperverstraße. „Wenn Ortsunkundige aus der Burgstraße kommen und nur um die Ecke in die Altperverstraße blicken, drehen sie häufig schon ab.“ Ihr Geschäft in der einstigen Einkaufsmeile steht zwischen maroden Fachwerkhäusern und Ruinen, aus denen teils Bäume wachsen. Einzig noch in der Buchhandlung von Deutschlands ältester Buchhändlerin Helga Weyhe und im Gemeinschaftsladen der „Hansenbande“ können dort Kunden shoppen. Die drei verbliebenen Geschäfte hätten ihren Charme. „Nur sind wir einfach zu weit ab vom Schuss.“

Seit 1991 existiert das Sport- und Freizeitgeschäft von Silke Kräuter. Sportvereine und Stammkundschaft geben sich dort die Klinke in die Hand, die Familie ist vielen Salzwedelern vertraut. Nun möchte Silke Kräuter sich mit einer zweiten Filiale in der Neuperverstraße eine weiteres Standbein schaffen. An dem neuen Standort vertraut sie nun auf Laufkundschaft und setzt auf ihr Geschäftsmotto: „Service“. „Nur so kann man gegen Internetriesen wie Amazon bestehen“, ist sie sich sicher.

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Entscheidung fiel nicht leicht

Sybille Zinke kann genau das nicht mehr. Zum 30. Juni schließt sie ihren Handarbeitsladen für immer. „Die Entscheidung fiel mir nicht leicht.“

Seit 2006 ist sie mit ihrem Laden in Salzwedel verwurzelt. Anfangs noch in der Reichestraße und seit 2012 in der Burgstraße. Doch der letzte lang anhaltende Sommer hat ihr finanziell das Genick gebrochen. „Acht Monate Sommer und vier Monate Winter – das war tödlich“, sagt sie. Ihr Geschäft ist unter anderem auf von Hand gefertigte wärmende Kleidung ausgelegt. Dafür arbeitete sie 60 Stunden die Woche – vergeblich.

Preis als Grund genannt

Kunden hätten manches Mal bei Preisen die Nase gerümpft. Ein günstiger Reißverschluss im Internet würde etwa vier Euro Kosten. Sie habe welche für sechs Euro, dafür in guter Qualität. Aber nein, das wäre vielen zu teuer und sie greifen auf das Internet zurück. „Klar, bei einigen Senioren mit geringer Rente kann ich das verstehen“, sagt sie. Doch es seien oft junge Frauen gewesen, die bei zwei Euro mehr die Augen verdrehten. „Heute haben viele Kunden hohe Ansprüche, wollen aber nichts ausgeben“, ärgert sie sich: „Die Billigläden überleben dafür.“ Sie hingegen würde oft am Monatsende nicht wissen, ob für sie etwas im Portemonnaie bleibt. An Urlaub war schon gar nicht zu denken.

Es waren aber auch die Rahmenbedingungen, die Zinkes Entscheidung untermauerten. So gab es beispielsweise beim Weihnachtsmarkt Ärger mit der Hansestadt, weil Sybille Zinke vor ihrem Laden Waffeln für die Schülerkasse der Enkelin verkaufen wollte. „Es hieß, ich sei Konkurrenz zum Markt,“ wunderte sie sich. Zinke tat es trotzdem und stellte eine Spendendose auf. Ärgerlich ist sie auch über das mangelnde Entgegenkommen der Stadt. Zinke muss die Standgebühr für ihre Warenkörbchen vor dem Schaufenster jährlich zahlen. Und das auch zum vollen Preis in diesem Jahr, obwohl sie zum 30. Juni schließt. Nun habe das ein Ende.

Auch wenn sie anfangs sehr daran zu knabbern hatte, Sybille Zinke hat schweren Herzens mit ihrem Laden abgeschlossen. Sie hat bereits einen neuen Job. Einzig um ihre fünf Handarbeitsgruppen, die sich täglich hinten in ihrem Geschäft treffen, tut es ihr leid. „Manche haben geweint, als ich von der Schließung berichtete“, sagt sie. Nun müssen sich die Gruppen aufteilen. Stricken, Häkeln und Sticken werden sie ab Juli bei der Volkssolidarität oder Urania.