Gieseritz/Mehmke l Etwa 6400 Meter lang ist die Erdgasleitung, die derzeit im Auftrag der Firma Neptune Energy zurückgebaut werden soll. Sie führt durch die Gemarkungen Gieseritz, Heidberg, Bierstedt und Mehmke. Dass diese Arbeiten notwendig sind, das wissen die Waldbesitzer. Was sie erzürnt, ist jedoch die Ausführung. Denn sie sind im Vorfeld nicht ausreichend über das Vorhaben informiert worden.

Gordon Preetz, einer der Waldeigentümer, ist durch benachbarte Besitzer darauf aufmerksam gemacht worden, dass teilweise in einem etwa zehn Meter breiten Streifen in Nachbarschaft der Leitung Bäume gerodet worden seien. „Das war Mitte August. Da galt die Waldbrandgefahrenstufe 5, so dass ich nur selten im Wald war und es nicht selbst bemerkt habe“, erinnert er sich. Als er das Ausmaß gesehen habe, seien ihm die Augen schon feucht geworden. Denn im Bestand habe es durchaus Bäume gegeben, die vor gut 100 Jahren gepflanzt worden seien – noch vorm Fördern des Erdgases in der Region. Einige dieser Exemplare seien nun gefällt.

Kronenabschnitte im Hochwald gelagert

Das Gros der Eigentümer habe per Vertrag sein Okay für eine Schutzstreifenfläche entlang der Erdgastrasse gegeben, in der Regel drei Meter breit. Dafür sei eine einmalige Entschädigung gezahlt worden. „Wir sind davon ausgegangen, dass diese Fläche samt des benachbarten Weges ausreicht, um die Leitung aus der Erde zu nehmen. Aber dem war wohl nicht so“, schildert Gordon Preetz. Im Nachgang habe er erfahren, dass der Weg angeblich aus Brandschutzgründen nicht genutzt werden konnte.

Stattdessen seien bis zu zehn Meter breite Trassen entlang der Erdgasleitung freigemacht worden. „Bei mir sind die Kronenabschnitte zudem in den vorhandenen Hochwald gelegt worden, so dass beim Herausziehen durchaus weitere Schäden entstehen können“, verweist er auf ein separates Problem. Das von Neptune Energy beauftragte Subunternehmen würde zudem das Holz selbst vermarkten.

Strafanzeige gestellt

Die Vorstände der Forstbetriebsgemeinschaften Hans-Jochen-Winkel, Altmark-Fleetmark und Heidberg haben sich an den Waldbesitzerverband Sachsen-Anhalt gewandt, der daraufhin Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Stendal und bei der Salzwedeler Polizei gestellt hat. Ausgegangen wird von einem Sachschaden in Höhe von wenigstens 200 000 Euro.

Wenn eine Leitungsstrecke von mehreren Kilometern Länge zurückgebaut werde, müsse immer eine große Anzahl an Landeigentümern kontaktiert werden, sagt Stefan Brieske, Unternehmenssprecher von Neptune Energy, auf Nachfrage der Volksstimme. In dem konkreten Fall sei im Vorfeld der Arbeiten eine Kontaktaufnahme erfolgt. „Dabei ist es leider in Einzelfällen bei Waldbesitzern zu einer fehlerhaften Bauanzeige gekommen. Daher waren diese Eigentümer nicht korrekt über die anstehenden Maßnahmen informiert. Diesen Fehler bedauern wir sehr und möchten uns ausdrücklich dafür entschuldigen“, betont er.

Unternehmen entschuldigt sich

Die Verärgerung der Betroffenen sei völlig nachvollziehbar. „Selbstverständlich erhalten die Besitzer eine angemessene individuelle Entschädigung“, sagt Stefan Brieske. Schnellstmöglich werde der erneute Kontakt zu den Eigentümern gesucht.

Der Unternehmenssprecher verweist darauf, dass bei Leitungsarbeiten dieser Art ein sogenannter Arbeitsstreifen einzurichten sei, der nicht mit dem Schutzstreifen verwechselt werden dürfe. Während der Schutzstreifen für den Erhalt oder Betrieb einer Leitung notwendig sei, werde der Arbeitsstreifen für Wartungen, Reparaturen oder den Ausbau benötigt. Die Breite des Arbeitsstreifens könne bis zu zehn Meter entlang des Trassenverlaufs betragen. „Im Wald versuchen wir, mit einem schmaleren Streifen zu planen, um möglichst wenig Rodungen vornehmen zu müssen. Im Wald bei Gieseritz ist daher nur ein Arbeitsstreifen von acht Metern Breite vorgesehen“, erklärt Stefan Brieske.

Bessere Kommunikation gewünscht

Neptune Energy habe in der Vorwoche zur Klärung der Situation „einen temporären Baustopp verhängt“, teilt der Unternehmenssprecher mit. Jetzt müssten die Arbeiten wieder aufgenommen werden, um Schäden durch Borkenkäfer zu vermeiden und Risiken für Waldbrände zu minimieren. „Es ist gängige Praxis, dass bei unvermeidbaren Rodungen der beauftragte Dienstleister auch gleichzeitig das anfallende Holz vermarktet“, schildert Stefan Brieske. Dafür würden die Besitzer entschädigt. „Unser Unternehmen strebt ausdrücklich eine Einigung im Konsens mit den Waldbesitzern an und bedauert den Vorfall sehr“, betont er.

Gordon Preetz fürchtet wie die anderen betroffenen Eigentümer weitere Schäden auf den Flächen. Denn die jetzt am Rand stehenden Bäume seien Stürme nicht gewöhnt.

Die in Aussicht gestellten Schreiben eines unabhängigen Waldgutachters werden sich die Besitzer intensiv durchlesen. „Der Erdgasförderung stehe ich neutral gegenüber. Aber mit solchen Aktionen wird die Landbevölkerung zu den Erdgasgegnern getrieben“, merkt Gordon Preetz an. Er hofft auf eine einvernehmliche Einigung. Und er wünscht sich, dass künftig die Kommunikation im Vorfeld besser läuft zwischen allen Beteiligten: Denn bis zum Jahr 2032 sind noch zig Kilometer Leitungen zurückzubauen.