Salzwedel l Eingemummelt in einer Decke sitzt Lisa Kramp in ihrem braunen Ledersessel. Die Heizung steht auf fünf. Ihr Blick schweift ziellos aus dem Fenster. Die 90-Jährige ist in sich gekehrt, knetet mit ihrer linken Hand ein Taschentuch. Kleine Rentiere, Tannenbäume und ein plüschiger Weihnachtsmann auf der Kommode schmücken ihr Zimmer. Vom Flur ist leise Weihnachtsmusik zu hören. Lisa Kramp wohnt seit 2015 im Salzwedeler Pflegeheim Birkenhof. Und so, wie sich ihre Wohnsituation änderte, tat es auch das Weihnachtsfest. Ein Blick in die Vergangenheit.

Geboren im Tagelöhnerhaus

Lisa Kramp ist 1929 in einem Tagelöhnerhaus in Winterfeld geboren. „Meine Mutter war eine Magd, mein Vater in der Landwirtschaft“, beginnt sie zu erzählen. Viel haben ihre Eltern für die harte Arbeit nicht bekommen. Ihre Mutter erhielt zehn Reichsmark in der Woche, der Vater nicht viel mehr. 1932 zog die Familie einige Kilometer weiter nach Kakerbeck in ein Haus mit angrenzendem Acker. Ein eigenes Fuhrwerk aber fehlte der jungen Familie. „Wenn der Acker bestellt wurde, haben wir uns ein Gespann von dem Bauern geliehen, bei dem meine Mutter als Magd arbeitete.“ Für ein Wochengehalt der Mutter. Daher war Sparen an der Tagesordnung, alle mussten bei der Bewirtschaftung mit anpacken.

Lisa Kramp blickt wieder aus dem Fenster. Mittlerweile hat es eine Pflegekraft angekippt. Die 90-Jährige steckt ihre Hände unter die warme Decke. „Ich friere wie ein Schneider.“ Die Heizung böllert noch immer.

Schneeballschlacht statt Spargel stechen

Als junges Mädchen mochte sie den Winter, sagt sie. Denn dann musste sie nicht nach der Schule in den Stall oder auf dem Acker helfen. „Dann war ich davon befreit.“ Stattdessen durfte sie mit den anderen Kindern spielen. Auch daher war die Adventszeit etwas besonderes. Schneeballschlacht statt einen halben Morgen Spargel stechen.

Spätestens mit einer Tanne in der Wohnstube begann für Lisa Kramp die Weihnachtszeit. Doch Händler, die die Bäume auf Parkplätzen von Discountern anbieten, gab es noch nicht. Die 90-Jährige erinnert sich noch, wie ihr Vater 1936 einen besorgte. „Er ist mit einem Nachbarn aus Kakerbeck in den Klötzer Forst gefahren“, sagt sie. Wald besaßen beide nicht, doch ein Weihnachtsbaum musste her. An einem Sonntag, noch vor dem Gottesdienst, fuhren die beiden Männer los. „Ich habe gespannt zuhause gewartet“, erinnert sie sich. Und das Warten hatte sich gelohnt. Es sei ein schöner Weihnachtsbaum gewesen. „Die haben den einfach gefällt und mitgenommen.“ Im Elternhaus wurde er schließlich festlich geschmückt. „Mit echten Kerzen und Lametta“, erinnert sie sich. Sogar ein paar Weihnachtskugeln habe ihre Mutter auftreiben können.

Stulle statt Kartoffelsalat

Lisa Kramp kullern ein paar Tränen über die Wangen, als sie an Heiligabend vor 83 Jahren denkt. Kindheitserinnerungen werden wach, während sie abermals aus dem Fenster blickt. „17 Uhr sind wir in die Kakerbecker Kirche zum Gottesdienst gegangen“, erzählt sie. Das gehörte immer dazu. Ebenso wie das gemeinsame Abendbrot vor der Bescherung. Doch während heute auf vielen altmärkischen Tischen Kartoffelsalat und Bockwurst oder Fisch stehen, gab es bei Lisa Kramp dasselbe wie sonst auch: „Stulle“. Umso größer war die Freude, wenn sie ihr Weihnachtsgeschenk bekam. Und das war 1936 eine Puppe. Ein Jahr zuvor gab es den passenden Wagen und in den Folgejahren Kleidung für die Puppe. „Damit war ich glücklich“, sagt sie. Heute sei das bei vielen Kindern anders. Bei ihnen würden sich Berge an Geschenken unter dem Weihnachtsbaum stapeln.

Dadurch, dass Lisa Kramp ein Einzelkind war, hatte sie auch immer etwas zu Weihnachten bekommen. Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite ihres Elternhauses, sah das schon anders aus. „Die hatten fünf Kinder.“ Dort mussten sich die Sprösslinge die Geschenke teils teilen. Daher liegt ihr Klagen völlig fern. Überhaupt: „Die Jugend war die schönste Zeit.“

Der Glaube an den Weihnachtsmann

Auch würden heute viele Kinder schon frühzeitig nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben, bedauert die Seniorin. Sie selbst habe bis zu ihrem 12. Lebensjahr daran geglaubt, bis auch ihr eine Freundin die Illusion nahm. „Sie sagte, das machen die Eltern und ich soll im Haus nach Geschenken schauen.“ Im Schlafzimmerschrank der Eltern wurde sie fündig. An diesem Weihnachten stand ein Handarbeitskästchen im elterlichen Schrank. Dementsprechend mäßig war die Freude beim Auspacken. Die Überraschung war dahin. „Ich habe mich quasi selbst beschwindelt.“

Die Weihnachtstage der Kindheit hat sie noch in der Nase: wenn es im ganzen Haus verführerisch duftete. Ihre Mutter habe immer zwei Sorten Plätzchen und einen Honigkuchen gebacken. Ganz einfache Teeplätzchen seien es gewesen. „Mürbeteig, Zucker drüber und fertig – das musste reichen.“ Der Honigkuchen war Pflicht, den habe ihr Vater geliebt.

„Am 1. Weihnachtsfeiertag haben wir viel gespielt“, sagt sie. Gesellschaftsspiele mit den Eltern und natürlich mit den anderen Kindern im Schnee. Jeder wollte schließlich wissen, was der Weihnachtsmann den anderen brachte. Mittags kam dann die Weihnachtsgans auf den Tisch. Natürlich aus eigener Aufzucht. Dazu Grünkohl und Kartoffeln vom Acker hinterm Haus. „Am 2. Tag haben wir dann die Reste vom Vortag gegessen.“ Nichts wurde weggeschmissen, alles verbraucht. Was dann noch übrig war, erfreute Schweine oder Federvieh.

Die Lichter der Stadt

Woran sich Lisa Kramp auch noch gut erinnern kann, war ihr erster Besuch in Kalbe zur Weihnachtszeit. Wie sie staunend zum ersten Mal die vielen Lichter sah. Zu der Zeit war sie schon erwachsen und verheiratet. „Es hat überall geleuchtet.“ Lichterketten über den Straßen, Schwibbögen in den Fenstern. Das kannte sie vom Dorf nicht. „Nicht mal die Bauern hatten sowas.“ Vielleicht war es andernorts auch so, aber das wisse sie nicht. „Ich kam ja nicht weg.“ Salzwedel, Gardelegen, Kalbe – weiter sei sie nie gekommen.

Lisa Kramp ruckelt etwas in ihrem Sessel umher. Sie hat Schmerzen, knetet wieder ihr Taschentuch. Es sind die Folgen einer Krankheit, die sie in ihrer Bewegung einschränken. Früher war das anders. Als Erwachsene ist sie regelmäßig zum Tanz gegangen – auch und gerade an Weihnachten. Foxtrott, Walzer, Tango: Lisa Kramp beherrschte sie alle und war auf der Tanzfläche eine gefragte Partnerin. Ob am 1. Weihnachtsfeiertag in Kakerbeck oder am 2. in Cheinitz. Schwofen gehörte zum Fest. Sie weiß noch, als sie zum Tanz von einem ebenso guten Tänzer aufgefordert wurde. „Ihm fiel auf, dass ich Walzer links und rechts herum tanzen kann.“ An diesem Weihnachtsfeiertag eroberten beide das Parkett.

Weihnachten im Pflegeheim

Wieder blickt die 90-Jährige aus dem Fenster. Ihre Stimmung ist melancholisch. „Heute brauche ich kein Weihnachten mehr“, sagt sie mit Tränen in den Augen und zitteriger Stimme. „Früher war ich Heiligabend bei meiner Jüngsten, am 1. bei der Ältesten und am 2. bei der Mittleren.“ So war es zumindest mal. „Ich glaube, Weihnachten 2019 bleibe ich wohl hier. „Die haben alle Treppen.“ Ein Treppenaufstieg sei für sie nicht mehr möglich. Außerdem komme sie auch nicht mehr ins Auto. Nur am Rollator und auf ebenen Wegen könne sie noch etwas laufen. Heute, im hohen Alter, sei der Zauber der Weihnacht daher verloren gegangen. Es ist schwer erträglich für die 90-Jährige.

Doch auch die Pflegeeinrichtung sorgt für ein festliches Haus. Zum einen ist die Einrichtung weihnachtlich geschmückt worden, zum anderen kamen Kinder zum Singen vorbei. Auch das Festtagsmenü, welches die Senioren selbst wählten, steht fest: Am 1. Feiertag gibt es die klassische altmärkische Hochzeitssuppe, gefolgt von Entenkeulen mit Kartoffelklößen und Apfelrotkohl. Brokkoli-Rahmsuppe als Vorsuppe, Rinderroulade mit Klößen und Rotkohl als Hauptgang stehen am 26. Dezember auf dem Speiseplan.

Auch wenn Lisa Kramp das Fest nicht mehr bei ihrer Familie verbringt, an andere denkt sie trotzdem: „Ich wünsche mir, dass alle Kinder ein schönes Weihnachten haben. So wie ich früher.“ Dann legt sie ihre Hände wieder unter die Decke und schaut zum Fenster hinaus.