Salzwedel l Ein leises Brummen ist zu hören – zu sehen ist nichts. Ein paar Passanten blicken in die Luft, versuchen, die Herkunft des Geräuschs zu orten. „Da oben“, sagt ein junger Mann im Vorbeigehen zu seinem Kind. Er hat die Ursache ausmachen können. Eine Drohne vor der Altperverstraße 11 in Salzwedel im Sinkflug. Das futuristische Flugobjekt filmt den Buchladen von Helga Weyhe. An der GPS-Funksteuerung des kleinen Brummers steht Marco Berger vom TV-Sender arte. Er und seine Kollegin Nathalie Daiber sind an diesem Tag im Dezember aus Berlin nach Salzwedel gekommen, um einen Bericht über Deutschlands älteste Buchhändlerin Helga Weyhe zu drehen.

Marco Schröder aus Groß Apenburg steht vor verschlossener Tür. Es ist kurz nach 15 Uhr. Der Laden sollte vor wenigen Minuten öffnen. „Sie ist 95 Jahre alt. Da kann man das machen“, sagt Schröder: „Da ziehe ich sowieso meinen Hut vor, dass sie in dem Alter noch im Laden steht.“ Marco Schröder möchte bei Helga Weyhe ein Rezeptbuch für seine Schwiegermutter kaufen. Dann ist Helga Weyhe in ihrem Buchladen von 1871 zu sehen. Langsam kommt sie durch den Raum, sucht noch dem richtigen Schlüssel für die Eingangstür zum alten Fachwerkhaus.

Problem mit Ordnungsamt

„Ich würde gern ihre Erlaubnis sehen“, sagt Eiko Petruschkat vom Ordnungsamt der Stadt Salzwedel. Gemeint ist Drohnenflieger Marco Berger von arte. „Sie sind direkt vor meiner Motorhaube gestartet“, ärgert er sich. Einen Führerschein für das Flugobjekt hat Berger, eine Erlaubnis, um diese über den Dächern der Hansestadt zu steuern, hingegen nicht. Berger landet den Brummer und packt zusammen.

Bilder

Marco Schröder hat derweil ein Buch gefunden, im Schaufenster. Kurzerhand klettert Helga Weyhe mit ihren 95 Lenzen in das kleine Schaufenster und greift zielsicher zu – alles Routine. Nur ihre Füße gucken noch heraus.

Während die Buchhändlerin an der Kasse ihrem Geschäft nachgeht, kommt auch Bergers Kollegin von arte, Nathalie Daiber, in den Laden. Zuvor hat sie sich auf der Suche nach Zigaretten in Salzwedels Innenstadt etwas verlaufen, sagt sie. Gefunden hat sie keine. Wenig später gehen die beiden Journalisten mit Helga Weyhe in ihr Büro – verkabeln sie für den Ton. „Darf ich Ihnen das Mikrofon hier ran machen?“, fragt Berger und greift in Richtung Hals. „Jetzt geht‘s mir wohl an den Kragen“, witzelt die Buchhändlerin, als Berger das kleine Tongerät anschließt.

„Ich habe Sie im Deutschlandfunk gehört. Danach war Frau Weyhe ja überall präsent - hinzu kommt der Sonderpreis des Deutschen Buchhandels im August“, sagt Daiber. Grund genug, die 95-Jährige in Salzwedel zu besuchen, ein kleines Portrait für den Kultursender zu produzieren.

Aus dem Harz gekommen

Während sich das Team von arte für ein Interview in das Büro zurückzieht, läutet die Türglocke. Eine Kundin ist extra aus dem Harz mit ihrem Sohn nach Salzwedel gekommen. „Ich war noch nie in der Altmark“, gesteht sie. Auch sie hat im Radio von Helga Weyhe erfahren und wollte sich selbst ein Bild von der rüstigen Buchhändlerin und ihrem Laden machen. Bedächtig gehen Mutter und Sohn durch den Raum. Schauen sich um, nehmen zahlreiche Bücher in die Hand. Sie warten auf Helga Weyhe, wollen die Salzwedelerin persönlich kennenlernen.

Ob sie denn alle Bücher selbst auch liest, möchte Daiber von der Buchhändlerin wissen. Reingelesen hat sie in alle, verrät die 95-Jährige. „Wenn ich mal zur Ruhe komme, lese ich Bücher auch durch. Aber dazu fehlt die Zeit“, gesteht Helga Weyhe. Außer „Allerwelts-Krimis“, die findet die Buchhändlerin scheußlich. Und überhaupt: „Buchhändler lesen anders!“

Weitere TV-Sender angemeldet

Dann widmet sich die 95-Jährige den beiden Kunden aus dem Harz zu. Mit gezielten Fragen fühlt Helga Weyhe den beiden auf den Zahn, möchte mehr über ihre Vorlieben bei Lektüre erfahren. Doch so richtig voran kommt Helga Weyhe in diesem Fall nicht. Beide Kunden hat sie schnell als Lesemuffel identifiziert, wird sie später sagen. Trotzdem bleibt sie dran. „Was mag denn ihr Mann? Geschichte?“. Schlussendlich gelingt es der Buchhändlerin, fünf passende Bücher für 198,59 Euro zu finden – die Kamera immer dabei. Langsam geht sie in Richtung der Kasse: „Ich werde mal einen großen Beutel für Sie suchen.“ „Können Sie die Bücher bitte signieren?“, fragt die Harzerin „Ich schreib meinen Namen rein“, antwortet die 95-Jährige. „Ist es nicht schön, so bekannt zu sein?“, will arte-Redakteurin Daiber wissen. „Ach, das hat auch seine Tücken“, sagt Weyhe. Schließlich haben sich auch noch der NDR und das ZDF angemeldet. Noch während sie signiert, klingelt das Telefon aus dem Büro. Ein weiterer Kunde möchte sich anmelden. „Kommen Sie im neuen Jahr, da ist weniger los“, sagt Weyhe und tütet weiter die Bücher ein.

Helga Weyhe geht in ihr Büro, will sich hinsetzen und etwas ausruhen. Sie sitzt noch nicht lange, da klingelt erneut die Tür. „Ich habe Bananen mitgebracht“, sagt Mechthild Bair aus Berlin. Sie kommt einmal im Jahr in die Buchhandlung. „Kommen Sie mit zum Beraten?“, fragt Berger. Er braucht ein passendes Bild. „Nein!“, antwortet Weyhe: „Die Kundin schaut selbst und weiß, was sie will.“ „Meine Mutter hat Vorfahren in Salzwedel“, sagt Bair. So war ihre Tante hier Postsekretärin und hat später im Buchhandel bei Helga Weyhe mitgearbeitet. Perfekte Protagonistin für das arte-Team – alles ist im Kasten. Helga Weyhe bedient derweil wieder einen Kunden.

Update: Der Beitrag läuft am 5. Januar um 12.50 Uhr und am 7. Januar um 19.10 Uhr. Jeweils im Rahmen der Sendung „arte Journal“.