Immekath/Salzwedel l „Wir teilen Ihnen mit, dass wir heute den Betriebsrat darüber unterrichten mussten, dass die wirtschaftliche Situation der Fricopan Back GmbH Anlass zur Besorgnis gibt. Wir treten in die Verhandlungen mit dem Betriebsrat über die voraussichtliche Schließung“: Mit diesen dürren Zeilen in einer unauffälligen internen Mitteilung kündigten die Fricopan-Geschäftsführer Marc Saam und Andreas Willner am 4. Mai 2016 das Aus für das Unternehmen an. Am Montag darauf wurde aus der voraussichtlichen eine definitive Schließung zum 31. August 2016. Etwa 500 Mitarbeiter, darunter viele langjährig Beschäftigte, verloren ihren Arbeitsplatz.

„Ich habe die Nachricht im Urlaub bekommen. Der Urlaub, naja, der war dann gleich im A...,“, erinnert sich ein ehemaliger Fricopan-Mitarbeiter. Doch dann habe er beschlossen, er wolle sich auf keinen Fall etwas Schlechtes nachsagen lassen. „Wir sind geblieben bis zum Schluss.“ Die knapp vier Monate von der angekündigten Schließung bis zum letzten Arbeitstag waren für die Fricopaner eine Zeit, angefüllt mit Kampf und Protest, aber auch mit Unsicherheit und Zukunftssorgen. So richtig habe sie erst am letzten Arbeitstag realisiert, dass nun alles vorbei ist, blickt eine andere Fricopan-Mitarbeiterin zurück. „Ich bin durch die Hölle gegangen“, rekapituliert eine Kollegin, „so etwas hatte ich noch nie erlebt. Am Job hängt doch alles.“

Als der Landtagsabgeordnete Andreas Höppner (Die Linke), langjähriger Vorsitzender des Fricopan-Betriebsrates, am Montag im Salzwedeler Burggarten an die Fricopan-Schließung erinnerte, „das ging durch und durch“, sagt sie und wischt eine Träne weg.

30 Bewerbungen geschrieben

Die drei ehemaligen Fricopaner haben inzwischen neue Arbeitsplätze gefunden. „Ich hatte echt saumäßig Glück und konnte nahtlos zu einer neuen Stelle wechseln“, freut sich der Altmärker. Seine beiden Kolleginnen haben in den zurückliegende Monaten viele Bewerbungen geschrieben. „Etwa 30“, schätzt die eine. Aber nur von der Hälfte der angeschriebenen Unternehmen sei überhaupt eine Reaktion gekommen. „Die Ungewissheit in dieser Zeit ist das Schlimmste, wenn man jeden Tag zum Briefkasten geht“, fügt ihre Kollegin hinzu. Schwierig sei es auch gewesen, für den beruflichen Neustart in der Region zu bleiben. „In Hannover oder noch weiter weg wäre das kein Problem gewesen.“

Mitte April waren in den Agenturbezirken Salzwedel und Gardelegen noch 144 ehemalige Fricopan-Mitarbeiter ohne einen neuen Job, bilanziert Markus Nitsch, Chef der Stendaler Agentur für Arbeit. Frühere und jetzt noch arbeitssuchende Fricopaner aus anderen Agenturbezirken seien in der Stendaler Statistik nicht erfasst. Und ein Drittel der früheren Fricopaner habe sich selbst nach einer neuen Arbeitsstelle umgesehen und sich nicht bei der Agentur für Arbeit gemeldet, darunter viele hochqualifizierte Fricopan-Mitarbeiter.

Durch die Agentur seien auch Bildungsgutscheine vergeben worden. Drei Personen würden derzeit im Agenturbereich Gardelegen eine Umschulung absolvieren.

Teilweise nahtloser Übergang

Sein Fazit: „Wir freuen uns, dass bisher 58 Prozent der bei uns gemeldeten Arbeitnehmer von Fricopan eine neue Anstellung gefunden haben. 31 Prozent davon konnten sogar nahtlos in eine neue Beschäftigung übergehen, ohne arbeitslos zu werden.“ Zuletzt haben aus dieser Gruppe Männer und Frauen zum 1. Februar neue Arbeitsplätze angetreten.

Das Aus für Fricopan war für die Region ein herber Schlag, so der Agenturchef. Betrachte man ausschließlich die Zahlen, habe sich die Befürchtung, dass die Fricopan-Schließung die Arbeitslosenzahlen im Altmarkkreis steigen lasse, aber nicht bestätigt. Dazu sieht Markus Nitsch für die Betroffenen, die noch keinen neuen Arbeitsplatz haben, gute Perspektiven.

Allerdings weiß der Agenturchef nur zu gut, dass Statistiken nicht die persönlichen Schicksale widerspiegeln. „Bei meinen Hospitationen erlebe ich das hautnah.“

Arbeiten bei Paradiesfrucht

15 ehemalige Fricopan-Mitarbeiter arbeiten inzwischen für das Salzwedeler Unternehmen Paradiesfrucht GmbH. Anfang dieses Jahres kaufte Paradiesfrucht auch Grundstück und Gebäude des Backwarenherstellers in Immekath. Paradiesfrucht will vor allem die Tiefkühllagerkapazitäten für die wachsende Produktion in Salzwedel nutzen. Paradiesfrucht-Geschäftsführer Bernd Wiesner hatte zusammen mit dem Kauf auch angekündigt, in Immekath neue Arbeitsplätze schaffen zu wollen, aber noch keine konkreten Zahlen genannt. Derzeit laufen die Planungs- und Genehmigungsverfahren für die Umbauten, hieß es auf Volksstimme-Anfrage aus dem Unternehmen.

Auf das Engagement von Paradiesfrucht setzt auch Andreas Höppner seine Hoffnungen. Im vergangenen Jahr hatte er am 5. Mai, am Tag nach der internen Mitteilung am Schwarzen Brett, die Schließungspläne per Twitter öffentlich gemacht. „Ich bin mehr als geschockt“, schrieb er damals.

Ein Jahr danach ist das Kapitel Fricopan für ihn noch nicht abgeschlossen. Bei der Staatsanwaltschaft Halle erstattete er gegen die Fricopan-Konzernmutter Aryzta Anzeige wegen Fördermittelbetruges. Das Land Sachsen-Anhalt hatte den Aufbau des Standortes Immekath mit 13 Millionen Euro gefördert. Die Bindefrist für die Fördermittel war Ende 2015 abgelaufen. Zudem hatte Aryzta 2013 den Backwarenhersteller Klemme in Eisleben übernommen. Die Investition von 100 Millionen Euro in ein neues Werk unterstützte das Land Sachsen-Anhalt ebenfalls mit fünf Millionen Euro. „Die Staatsanwaltschaft Halle ermittelt, das Verfahren läuft noch“, so Höppner zum Stand der Dinge.

Verfahren läuft noch

Umgekehrt hatte auch Aryzta Höppner wegen Unterlassung des Vorwurfs auf Fördermittelbetrug verklagt. Das Verfahren vor dem Landgericht Stendal endete mit einem Vergleich dahingehend, dass Höppner nur noch im Landtag und gegenüber das Staatsanwaltschaft Halle diesen Vorwurf erheben darf. Außerdem klagt Höppner auf seine Kündigung durch Fricopan. Das Werk ist zwar geschlossen, während seiner Zeit im Landtag ruht sein Arbeitsverhältnis nur. Hauptverhandlungstermin ist am 1. September.

Viele Fricopaner halten weiter den Kontakt zueinander aufrecht, schicken sich Nachrichten oder unterstützten sich bei der Jobsuche, Ganze Schichtbesatzungen treffen sich immer wieder regelmäßig.