Salzwedel l Seit 2005 steht Angela Merkel als erste Bundeskanzlerin an der Spitze der deutschen Regierung. Was heutzutage – mehr als zehn Jahre später – völlig normal erscheint, war damals nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich ein absoluter Triumph. Bis dahin war es ein weiter Weg des weiblichen Geschlechts, sich sozial, politisch und gesellschaftlich ernst genommen, unabhängig und gleichgestellt gegenüber des männlichen Geschlechts zu fühlen. „Wenn Frauen theoretisch und praktisch die gleichen Möglichkeiten wie Männer haben, ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten – dann sind Frauen gleichgestellt“, erklärt Claudia Masuch, Gleichstellungsbeauftragte des Altmarkkreis Salzwedel. Und das juristisch, sozial und beruflich.

„Die Basis für Unabhängigkeit ist Bildung“, weiß Dietrich von Gruben. So sei das ehemalige Lyzeum und heutige Kunsthaus für viele Altmärkerinnen bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts ein Sprungbrett in ein selbst bestimmtes, geschlechtlich gleichberechtigtes Leben gewesen.

Andere Ziele mit Abitur

„Im Jahr 1941 habe ich Abitur gemacht. Wir waren 11 junge Frauen, die das Lyzeum mit dieser Prüfung abschlossen“, erinnert sich Helga Weyhe, Buchhändlerin und ehemalige Schülerin der Mädchenschule, zurück. Gestartet seien sie damals mit 50 Schülerinnen in zwei Klassen. Vor der Abiturprüfung seien dann viele von der Schule abgegangen. „Einige kamen vom Hof, die gingen dann auf Schulen für Landwirtschaft, um zu lernen, wie ein Hof geführt wird“, erzählt Weyhe.

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Die Schülerinnen mit Abitur verfolgten andere Ziele. „Einige sind Lehrerinnen geworden. Eine wurde Zahnärztin, eine andere ehemalige Mitschülerin habe das Unternehmen des Vaters übernommen. Die Schule sei für die jungen Frauen eine Anregung gewesen. „Das Lyzeum hat eher Gedanken gelehrt. Das System war anders als heute“, erklärt die älteste Buchhändlerin Deutschlands. Wie ihre Mitabiturientinnen hat Helga Weyhe nach der Schule studiert. Geschichte, Deutsch und Erdkunde, in Deutschland und in Wien.

Hauswirtschaft kein Unterrichtsfach

Unterschiede in der schulischen Bildung zwischen Männern und Frauen habe es nicht gegeben, auch keine Unterrichtsfächer wie Hauswirtschaft oder Kochen. „Das Lyzeum hat zur Selbstständigkeit der Schülerinnen beigetragen“, sagt Weyhe.

Feminine Selbstständigkeit, Entwicklung und Förderung – Begriffe, die zu Zeiten des Lyzeums für einen gesellschaftlichen Umbruch sorgten. Auch heutzutage spielen sie noch eine wichtige Rolle, stehen sogar im Chancengleichheitsgesetz Sachsen-Anhalts. „Das Gesetz enthält Regelungen zur Förderung von Frauen insbesondere in ihrer beruflichen Entwicklung. Aber auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer gehört zur Zielsetzung“, erklärt die Gleichstellungsbeauftragte des Altmarkkreis Salzwedel, Claudia Masuch.

Sieben Prozent im Bau

Ein weiterer Punkt zur beruflichen Entwicklung von Frauen ist die Besetzung von Führungspositionen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im Land Sachsen-Anhalt im März 2017 rund 41 000 Menschen in einer leitenden Position tätig, darunter 14 700 Frauen. „Frauen haben in Sachsen-Anhalt hauptsächlich in frauentypischen Berufen eine höhere Position“, sagt Masuch.

Laut Statistik seien 64 Prozent im Gesundheits- und Sozialwesen, 62 Prozent in Erziehung und Unterricht und etwa 7 Prozent in der Baubranche tätig. „Im Altmarkkreis sind Frauen im Baugewerbe, in der Wirtschaft oder Produktion deutlich in der Unterzahl“, erklärt die Gleichstellungsbeauftragte.

Dafür sei die Lohnlücke (Gender Pay Gap) zwischen den Verdiensten von Frauen und Männern in Sachsen-Anhalt deutlich geringer im bundesweiten Durchschnitt. Im ersten Quartal 2018 lag, laut Statistischem Landesamt, der durchschnittliche Bruttostundenverdienst für Frauen bei 18,51 Euro, für Männer bei 18,67 Euro.

Zweite Welle in den 1950er Jahren

Der Gedanke, Frauen und Männer gleichzustellen, entstand bereits im 17. Jahrhundert. Verbunden mit der Forderung und Anerkennung der Frauen im Grundprinzip der Menschenwürde. Im 19. Jahrhundert setzte dann im Zuge der französischen Revolution die erste Welle der Frauenbewegung und damit der Kampf um geschlechtliche Gleichberechtigung ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg, von den 1950er Jahren an, kam die zweite Welle. Frauen protestierten für mehr Rechte, thematisierten Tabus wie Abtreibung und gründeten politische Frauenvereine. Die dritte Welle gab es in den 1990er Jahren, die sich unter anderem mit geschlechtlicher Identität beschäftigte.

„Wichtig ist die Frage, wie offen und bereit jede und jeder Einzelne ist, sich bietende Chancen zu entdecken und auch für sich zu nutzen“, sagt Claudia Masuch. Das gilt nicht nur für frühere Generationen, sondern ist auch heute eine wichtige Rahmenbedingung für geschlechtliche Gleichstellung im Altmarkkreis.