Salzwedel/Tylsen l Als Emma (Ringnummer H7666) und Max (H6241) Ende März auf den Kirchturm in Tylsen zurückkehrten, war die Freude im Ort groß. Seit 2012 brütet das Storchenpaar dort jedes Jahr und hat schon zahlreiche Junge großgezogen. Doch Ende Mai und Anfang Juni kam es zu tragischen Ereignissen.

Alles begann aber sehr positiv. Mitte April befanden sich vier Eier im Nest. Genau einen Monat später hatte das geflügelte Paar diese ausgebrütet. Vier Jungstörche galt es nun zu füttern.

Nachfüttern bringt nichts

„Wir haben gemerkt, dass die Nahrungssuche für die Störche in diesem Jahr aufgrund der Trockenheit nicht einfach ist“, berichtet Johannes Hirsch, der das Storchenkabinett im Tylsener Kirchturm betreut und den Horst immer im Blick hat. So kam es dazu, dass mit Unterstützung des Storchenbeauftragten das Altkreises Salzwedel, Thomas Koberstein, versucht wurde, nachzufüttern. „Wir haben Hühnerbeine ins Nest geworfen und die vier Jungtiere haben das auch angenommen“, berichtet Hirsch.

Doch dann fand er am 31. Mai einen Jungstorch tot auf dem Boden vor der Kirche. „Die Tiere sind vom Instinkt gesteuert“, weiß der Tylsener und geht davon aus, dass die Altstörche das Jungtier aufgrund der Futterknappheit aus dem Nest geworfen haben. Das Nachfüttern wurde vom Storchenpaar nicht wahrgenommen.

Traurigerweise fand Hirsch zwei Wochen später ein weiteres Jungtier tot auf. „Sie finden einfach nicht genug Nahrung“, bedauert er. Nun leben nur noch zwei junge Störche, wie das Bild einer angebrachten Kamera beweist. „Diese sehen aber gut genährt und gesund aus. Deshalb sind wir für sie zuversichtlich“, sagt Hirsch.

Zweiter toter Jungstorch

Das traurige Phänomen, den eigenen Nachwuchs aus dem Nest zu werfen, tritt in diesem Jahr in zahlreichen Orten in der nördlichen Altmark auf. „Manche Elternpaare haben die Aufzucht des Nachwuchses sogar ganz aufgeben“, berichtet Thomas Koberstein.

Dieses Phänomen bestätigt der Ornithologe Christoph Kaatz vom Storchenhof Loburg auf Volksstimme-Anfrage. Es komme relativ häufig vor, dass Störche sich von einzelnen Jungen trennen, wenn diese krank oder schwach seien. Meist sei Nahrungsmangel der Grund. Keinesfalls sollten junge Störche, die den Absturz überlebt haben, wieder ins Nest eingesetzt werden, weil die Alttiere sie sofort erneut herunterwerfen würden, erklärt Kaatz.

Nicht ins Nest zurücksetzen

In einem Fall sei bei Salzwedel ein Altstorch verhungert, weil er durch die kräftezehrende Brutpflege selbst nicht mehr genügend Nahrung zu sich genommen hatte. „Die Situation ist dramatisch. Im vergangenen Jahr sind viele Jungstörche aufgrund von Starkregen und Kälte gestorben, in diesem Jahr ist die Trockenheit das Problem“, schätzt Koberstein ein.

Die jungen Störche, die weiterhin von ihren Eltern mit Nahrung versorgt werden können, stehen vor einer weiteren Herausforderung. Denn sie sind in ihrem Wachstum noch nicht so weit, wie sie sein sollten. „Sie brauchen Muskelmasse, um den Flug in den Süden zu schaffen. Die haben sie noch nicht“, schätzt Thomas Koberstein ein. Die Altstörche verlieren durch die Brutpflege an Muskelmasse.

Bessere Lage im Süden

Im Altmarkkreis Salzwedel sei vor allem der Norden von der Trockenheit und der damit verbundenen Nahrungsknappheit betroffen. „Im Drömling sieht es schon wieder ganz anders aus. Aber bei uns ist es dramatisch.“ Der Storchenbeauftragte setzt seine Hoffnungen nun auf die Natur. Diese reguliere sich stets selbst. „Nach zwei so schlechten Jahren wird es auch wieder gute geben. Es wäre sehr schade, wenn wir die Population der Weißstörche nicht aufrecht erhalten können.“

Nicht ganz so dramatisch sieht der Kreis-Naturschutzbeauftragte Michael Arens die Situation. Er verfolgt bereits seit Jahrzehnten die Entwicklung der Storchenpopulation im Gebiet des Altkreises Kalbe. Dass Junge aus dem Nest geworfen werden, habe er noch nie beobachtet, und geht eher davon aus, dass sie bei Rangkämpfen oder bei verfrühten Flugversuchen abstürzen. Allerdings könne es gut sein, dass sehr schwache, kranke oder bereits tote Tiere, von den Eltern entfernt werden.

Die Nahrungssuche sei für die Störche momentan schwierig, hänge aber immer von der Landschaft ab, in der sich der Storchenhorst befinde. So gebe es in seinem Kontrollgebiet Horste mit mehreren kräftigen Jungtieren. In anderen sehe es schlechter aus, so in Gebieten intensiver Feld- und Wiesenbewirtschaftung. Dort gebe es kaum Heuschrecken, auf die die Störche statt der kaum vorhandenen Regenwürmer ausweichen. Auch habe er beobachtet, dass die Altstörche sehr saubere Ständer (Beine) haben, was darauf schließen lasse, dass sie in noch wasserführenden Gräben Futter suchen.