Salzwedel/Hamburg l Sie verließ Salzwedel und erkundete schnell die weite Welt - und das mit großem Erfolg. Die Bloggerin, Kolumnistin und Fotografin Lina Mallon veröffentlichte nun ihr erstes Buch. Nicht nur online sondern auch gedruckt. Und damit gelang ihr ein Erfolg, der in Corona-Zeiten vielleicht nicht so direkt zu erwarten war. Das Erstlingswerk "Schnell.liebig: Das Herz will wieder riskiert werden" erreichte aus dem Stand die Spiegel-Bestsellerliste Paperback Sachbuch.

Über diesen Erfolg, die Schwierigkeiten während der Corona-Krise und ihre Verbindung nach Salzwedel sprach Lina Mallon im Interview mit Volksstimme-Reporter David Schröder.

Interview

"Ich wünsche mir, irgendwann eine tägliche Dosis Inspiration für meine Leser zu sein", sagten Sie im letzten Interview mit der Volksstimme 2014. Hat das bis heute geklappt?

Das ist eine spannende Einstiegsfrage! Für mich sind es die kleinen Dinge, manchmal sogar nur die eine, halbe Zeile in einem guten Buch oder dieses eine Bild einer Reisereportage, das mich fängt und festhält. Inspiration muss nicht stringent und kann gar nicht für jeden Menschen an jedem Tag passieren. Wenn ich in den letzten sechs Jahren für meine Leser an nur einem von vielen Tagen eine Inspiration sein konnte, macht mich das sehr stolz. Wenn ein Leser mir ein Foto von einem Ort schickt, den er wegen meiner Reportagen besuchen wollte und dann tatsächlich dort steht oder wenn nur ein Leser sagt: dieser Satz auf Seite 74 hat mich den ganzen Tag begleitet, dann ist das das schönste und größte Kompliment überhaupt. Man könnte sagen das ist der Motor, was mich antreibt und selbst immer wieder inspiriert.

Bilder

Nun ist ein neues Projekt von Ihnen sehr erfolgreich gestartet. Wie ist das Gefühl mit dem ersten Buch "Schnell.liebig - Das Herz will wieder riskiert werden" gleich in der Spiegel-Bestsellerliste zu stehen?

In einem Wort: unbeschreiblich. Als ich davon erfahren habe, stand ich in einer Küche, in der Savanne von Südafrika. Der Empfang war nicht sehr gut, ich habe zuerst nichts verstanden und dann gedacht, ich hätte mich verhört. Nach dem Telefonat sind bei mir Freudentränen geflossen und ich musste meiner afrikanischen Gastfamilie erst einmal erklären, warum ich so emotional reagierte und was der Anruf bedeutete. Spiegel-Bestsellerliste, das ist ein Lebenstraum, der da in Erfüllung geht und ich brauche noch ein paar Wochen, vielleicht sogar länger, um zu verstehen, dass das wirklich passiert.

 

Worum geht es - kurz beschrieben - in Ihrem Erstlingswerk?

Schnell.liebig ist eine Abwandlung des Wortes schnelllebig. Ich habe mich lange gefragt, wie man unser Datingverhalten beschreiben kann. Ich glaube nämlich nicht, dass wir beziehungsunfähig sind, wie andere Bestseller behaupten, ich glaube auch nicht, dass wir Angst vor der Liebe haben oder Bindungen meiden. Aber ich glaube, dass wir manchmal zu schnell unterwegs sind, um einander wirklich sehen, finden oder halten zu können. Wir rasen für eine Zeit ineinander, kosten unsere Emotionen voll aus und wenn dann der erste Rausch abflacht, wissen wir gar nicht so richtig, wie das eigentlich funktioniert - kurz stehenzubleiben, ohne sich dabei zu fühlen, als würde man etwas verpassen.

Ich schreibe darüber, wie es sich für mich angefühlt hat, sieben Jahre lang Single zu sein, mich nicht zu trennen und nach dem nächsten sicheren Mann zu suchen, sondern mich zu fragen: was will ich heute von der Liebe? Und wie finde ich es überhaupt heraus? Ich erzähle in einzelnen Kolumnen vom Leben als Single in einer Großstadt und manchmal auch zwischen den Kontinenten, ich teile absurde Anekdoten von richtig miesen Dates oder teile meine Gefühle zu schmerzhaften Trennungen - und ich finde (vielleicht nicht nur für mich) heraus, worauf es bei der ganzen Suche am Ende wirklich ankommt.

Zur aktuellen Situation: Sie mussten die geplante Lesetour aufgrund der Corona-Krise absagen. Hatten Sie Angst vor einem Misserfolg?

Auf jeden Fall! Ich wusste zwar, dass viele meiner Leser sich wirklich lange auf das Buch gefreut und es schon vor Monaten vorbestellt hatten, das hat mir immer wieder Hoffnung und Zuversicht gegeben - aber trotzdem möchte man in den Buchläden liegen, man möchte aus dem Buch vorlesen und es teilen, sich mit Lesern darüber unterhalten. Ich hatte am Anfang das Gefühl, dass mir die Krise meinen Moment nimmt, auf den ich mich so gefreut hatte - aber dann kamen die Buchhandlungen auf mich zu und haben Online-Lesungen angeboten, ich war in einigen Live-Sendungen auf Social Media zu Gast und es haben sich ganz neue Wege geöffnet, das Buch trotzdem vorzustellen. Dafür bin ich sehr dankbar. Am 10. Mai wird es zum Beispiel die nächste Live-Lesung mit der Buchhandlung Thalia auf Instagram geben, zu der sich jeder kostenlos von Zuhause aus zuschalten, zuhören und am Ende mit mir diskutieren kann.

Auch Sie persönlich waren von der Krise betroffen, mussten Ihre Rückreise aus Südafrika organisieren. Wie war das für Sie?

Ich habe den Lockdown von Südafrika auf einer Farm im Bezirk Mpumalanga erlebt.

Als klar wurde, dass meine gebuchten und selbst die umgebuchten Rückflüge ausfallen würden, entschied ich mich, Kapstadt zu verlassen und auf eine Farm von Freunden zu fahren, auf der ich im Ernstfall auch hätte längere Zeit bleiben können. Das allein war schon ein ziemliches Abenteuer. Binnen eines Tages musste ich eine Entscheidung treffen, habe mein kleines Apartment ausgeräumt, in Koffer und Kisten gepackt und bin dann mit einem Jeep 1600 Kilometer durch das Land gefahren, bis ich in Chrissiesmeer ankam.

Von dort aus habe ich dann eigentlich täglich über E-Mails mit der deutschen Botschaft in Verbindung gestanden. Ich muss an dieser Stelle sagen: was Martin Schäfer (der deutsche Botschafter in Pretoria) und seine Kollegen geleistet haben, war unglaublich. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt alleingelassen oder verunsichert gefühlt und binnen zwei Wochen waren dann auch die ersten Rückholflüge organisiert und ich durfte zurück nach Hamburg, wo ich die meiste Zeit des Jahres lebe. Als am Abflugabend die Koffer abgegeben und die Pässe kontrolliert waren und dann das gesamte Gate für das südafrikanische Flughafenpersonal, die Mitarbeiter der Botschaft und die Besatzung der Maschine applaudiert hat - war das ein sehr einschneidender, intensiver Moment, an den ich mich noch immer mit großer Dankbarkeit erinnere.

Sie sind auch als Reisebloggerin viel unterwegs. Wie wirkt sich Corona derzeit auf Ihre Arbeit aus?

Im Moment gibt es für mich leider keinerlei Aufträge - und es ist unklar, wann sich das ändern wird. Das ist keine einfache Situation, schon gar nicht, wenn man Single und Freiberufler ist, aber ich versuche diese Krise auch als meine Chance zu sehen. Jeder der viel unterwegs ist, wünscht sich immer das eine oder andere Projekt endlich mal anfangen zu können, für das sonst die Zeit fehlt. Ich arbeite zum Beispiel gerade an einem Bildband über Griechenland und veröffentliche in einzelnen Kapiteln ein Tagebuch über meine Zeit auf der Farm, das ich auch binden lassen möchte. Ich habe in meiner gesamten Karriere eigentlich immer wieder spontan neue Wege für mich finden oder mich neu anpassen müssen - und tue das jetzt auch wieder.

Wie sieht es mit dem Kontakt in die alte Heimat Salzwedel aus. Sind Sie noch oft in der Altmark? Was verbinden Sie mit der Region?

Ich bin vor allem in der Altmark, um meine Familie zu besuchen, die hier in der Region und um Salzwedel wohnt. Einmal im Monat versuche ich, wenn ich nicht auf Reisen bin, nach Hause zu fahren, meine Omi und meine Eltern zu drücken, gemeinsam zu essen, lange spazieren zu gehen und die Zeit, die wir miteinander haben, voll zu genießen. Für mich bedeutet die Altmark: durchatmen, auftanken, die eigenen Wurzeln spüren - und dann wieder losziehen.

Gab es jemanden, der Sie dort zu ihrer heutigen Arbeit inspiriert hat?

Meine größte Inspiration - und ich meine das ganz von Herzen - waren mir meine Lehrer. Ich bin erst am Käthe-Kollwitz-Gymnasium und dann später am Jahn-Gymnasium zur Schule gegangen, habe in Salzwedel mein Abitur gemacht und bin von meinen Lehrern unheimlich gefördert worden und ich bin mir manchmal gar nicht so sicher, ob sie wissen, wie viel Gewicht ihre Arbeit für unsere Zukunft hat. Da gibt es Dr. Gerd Polzius, der mich in Fächern wie Geschichte und Politik immer wieder aufgefordert hat meine eigene Stimme zu finden und zu benutzen. Da wäre Frau Karola Micheel, bei der ich meine erste Personencharakteristik schrieb und lernte, wie man in der Literatur beobachtet und zwischen den Zeilen liest. Und nicht zuletzt Frau Christiane Lahne, die mir mit so viel Leidenschaft Goethe, Hesse und Lenz nahe- und vor allem den Wert einer leichten Metapher beibrachte, dass ich noch heute an sie denke, wenn ich selbst an einer schreibe.

Wie sehen Sie ihre persönliche Zukunft? Gibt es bereits ein neues Projekt oder eine Aufgabe die Sie angehen möchten?

Ich würde gern ein zweites Buch schreiben, denn dort wo "schnell.liebig" endet, ging es für mich in den letzten Monaten ja weiter. Ich würde gern meine Lesereise nachholen und natürlich habe ich Sehnsucht nach Afrika. Aber das spannende an meiner Zukunft ist ja, dass ich immer so gewisse Pläne für sie habe, aber dann doch nie weiß, wo ich mit ihr lande. Und das ist sehr schön so.