Kalbe l In etwa vier Wochen stehen für die Zehntklässler an den Sekundarschulen die Abschlussprüfungen an. Zu den Prüfungsfächern gehört Chemie. In Kalbe bedeutet das für die Schüler, sich im Selbststudium Kenntnisse anzueignen. Einen Chemielehrer haben sie bereits seit längerem nicht mehr. „Ich weiß auch nicht wie das laufen soll“, sagt Mirko Wolff vom Vorstand des Kreiselternrates. Er spricht aus Erfahrung. Seine Tochter besucht die zehnte Klasse der Kalbenser Sekundarschule. Daher weiß er auch, dass Klassen tageweise nicht unterrichtet werden können, weil Lehrer fehlen.

Ein aus Sicht der Elternvertreter unhaltbarer Zustand. Vor knapp vier Wochen haben die Vorstandsmitglieder der Kreiselternvertretungen für die Kindertagesstätten und Schulen einen offenen Brief an die Landesregierung geschickt. Darin ist auch von rechtlichen Schritten gegen Landes-Bildungsminister Marco Tullner (CDU) in Form einer Sachaufsichtsbeschwerde die Rede. Der Unterrichtsausfall habe im Altmarkkreis „nicht weiter hinnehmbare Dimension erreicht“ und es werde „einer ganzen Schulgeneration die Chance auf Bildung verbaut“.

Zwei der Regierungsparteien – SPD und Bündnis 90/Die Grünen – haben bislanggeantwortet, berichtete Wolff am Montagabend im Kreis-Bildungsausschuss, der in Kalbe tagte. Tenor sei in erster Linie, dass die derzeitige Situation auf eine verfehlte Politik in den Vorjahren zurückzuführen ist. Klar sei aber auch, dass allein mit Lehramtsabsolventen die Lücke nicht zu füllen ist. Deshalb werde verstärkt auf Quereinsteiger gesetzt.

Das habe er auch vom staatlichen Schulamt gehört, berichtete Kalbes Schulleiter Ulf Gahrns den Ausschuss-Mitgliedern. Allerdings seien seine Erfahrungen mit dieser Form von Stellennachbesetzungen eher negativ. Ganz anders sah das Ausschuss-Mitglied Norbert Hundt (SPD), der die Comenius-Sekundarschule ist Salzwedel leitet. Bis auf einen von sechs Seiteneinsteigern, der die Probezeit nicht überstand, hätten sich seine neuen Kollegen etablieren können. Zwar seien drei aus persönlichen Gründen derzeit nicht verfügbar, aber im Großen und Ganzen könne er über diesen Weg Lehrkräfte zu gewinnen, nichts Negatives sagen.

Rückhalt im Kollegium

Es gebe Qualifizierungskurse, wichtig sei aber die Unterstützung vor Ort, so Hundt. Und dabei gibt es den nächsten Knackpunkt. Die Pädagogen, die sich mit den Seiteneinsteigern oder auch Referenten befassen, bekommen keine zusätzlichen Stunden angerechnet. Damit falle, um die neuen Kollegen einzuarbeiten erneut Unterricht aus.

Ein Umstand der unbedingt geändert werden müsse, befand Ausschuss-Mitglied Frank Rossau (Freie Liste). Denn er könne sich vorstellen, dass es für die Berufsneulinge Voraussetzung sei, Rückhalt und Hilfe aus dem Kollegium zu bekommen. Er warb außerdem dafür, mehr Seiteneinsteigern, den Weg in die Schulen zu öffnen, um dem Unterrichtsausfall zu begegnen. „Dazu müssen erstmal Interessenten gefunden werden“, entgegnete Ausschuss-Vorsitzende Angelika Scholz (Die Linke). Dem pflichtete Norbert Hundt bei. Für seine Schule seien vier Stellen ausgeschrieben worden. „Und keiner hat sich gemeldet“, erklärte er.

„Das Ganze ist auf jeden Fall ein Thema, das wir nicht aus den Augen verlieren dürfen“, betonte Scholz. Es müsse auch in der neuen Wahlperiode auf der Agenda bleiben, sagte sie mit Hinblick auf die Kommunalwahlen, nach denen sich der Bildungsausschuss neu aufstellen wird. Die Personalpolitik an den Schulen sei zwar Sache des Landes, aber Druck müsse von unten aufgebaut werden, betonte Scholz.

Druck von unten

Das wollen auch die Elternvertretungen sowohl für die Schulen als auch für Kitas. Denn wie Wolff berichtete, wirke sich der Lehrermangel auch negativ auf den Übergang der Kinder von der Kita in die Grundschule aus. Die Lehrer hätten nicht mehr ausreichend Zeit, die künftigen Schulanfänger schon im Kindergarten so zu fördern, wie es vorgesehen ist. „Wir hoffen, dass wir auch noch Antwort von der größten Regierungspartei, der CDU und vom Ministerpräsidenten bekommen“, sagte er. Der Bildungssauschuss steht hinter den Forderungen der Eltern.

Laut Landes-Bildungsministerium sind im Altmarkkreis im ersten Schulhalbjahr 2,9 Prozent der Unterrichtsstunden ersatzlos ausgefallenen. Die Anzahl der langzeiterkrankten Lehrkräfte an den allgemeinbildenden Schulen habe sich zwischen September 2018 und Februar 2019 mehr als verdoppelt, von 15 auf gut 30. „Den Schwerpunkt bilden die Grundschulen“, erklärt der stellvertretende Ministeriumssprecher Michael Schulz. Deshalb habe sich die Unterrrichtsversorgung in diesem Zeitraum verschlechtert. Lediglich an den Förderschulen ist sie etwas angestiegen.

Das Land hatte rund 900 Stellen ausgeschrieben. Davon 44 für den Altmarkkreis. Können sie alle besetzt werden, steige die Unterrichtsversorgung auf mehr als 100 Prozent. Bis zum Ende der Frist Mitte März gab es insgesamt 1060 Interessenten, zum Teil mit Mehrfachbewerbungen. Das Auswertungsverfahren läuft. Wie viele Stellen in der Westaltmark besetzt werden können, lasse sich erst nach dessen Abschluss sagen.