Salzwedel l Eine Perspektive wäre für die Gastronomie enorm wichtig, sagt Anette Lipinski vom Vorstand des Dehoga-Kreisverbandes Salzwedel und Inhaberin des Hotels Siebeneichen in der Hansestadt. Sie hoffe noch auf eine Öffnung zu Ostern, sei allerdings skeptisch, ob das auch klappt. „Aus der Politik ist ja zu hören, dass Urlaub an den Osterfeiertagen nicht möglich sein wird“, erklärt sie. Deshalb könne es gut sein, dass auch die Gaststätten noch zu bleiben müssen. Vielleicht werde es auch erst der 15. April.

Ungewissheit zerrt an den Nerven

„Ein Fahrplan wäre wirklich super, auch für die Motivation“, betont sie. Die Unwissgewissheit zerre an den Nerven und sei deprimierend, das wisse sie auch von ihren Berufskollegen. Vor allem, dass immer neue Fakten und Parameter als Grund für die Verlängerung des Lockdowns angegeben werden. Wie auch entschieden werde, wichtig sei, dass die Branche 14 Tage Vorlaufzeit habe, um den Betrieb wieder hochzufahren, Hygiene-Konzepte aufzustellen und vorzubereiten, was dafür nötig ist. Eins wäre aus ihrer Sicht kontraproduktiv: Wenn die Regeln so verschärft seien, dass es sich nicht lohne zu öffnen. Für vier Gäste auf 100 Quadratmetern brauche sie keinen Kellner zu holen.

Trotz der derzeit undurchsichtigen Lage wolle sie aber „den Kopf nicht in den Sand stecken“. Mit einem Außer-Haus-Verkauf erhalte sie ihren Arbeitsalltag. Das lohne sich finanziell zwar nicht, aber „ich bleibe in Schwung“, betont sie.

Wintermode noch nicht verkauft

„Ich weiß, dass es gewaltig klemmt“, sagt Jost Fischer, Chef der Werbegemeinschaft Salzwedel, mit Blick auf Gastronomie und Einzelhandel. Händler müssten sich nun mit der Sommerware eindecken. Dabei hätten sie nicht einmal die Wintermode verkauft. Es sei mehr als fraglich, wie es weiter gehen soll.

„Ich hätte mir einen Termin von der Politik gewünscht, auf den hingearbeitet wird.“ Als Beispiel nennt er die Friseure, die mit dem 1. März einen Stichtag haben. So würden Einzelhandel und Gastronomie in der Luft schweben. Und letztere hätten seines Wissens nach, wie Friseure auch, ein schlüssiges Hygienekonzept.

Gesamtdeutsche Lösung

Grundsätzlich wünscht sich der Vorsitzende der Werbegemeinschaft eine gesamtdeutsche Lösung. Sonst gebe es abermals einen unüberschaubaren Shopping-Tourismus.

Unterm Strich aber seien nun Wirte wie Händler niedergeschlagen, da niemand wisse, wann und wie es weitergehen soll. Immerhin komme die von der Werbegemeinschaft angestoßene Onlineplattform gut an. Auch weitere Interessenten würden sich melden. Das rette zwar den Handel nicht, sei aber eine kleine und für manchen eine große Unterstützung, so Fischer: „Die Öffnungszeiten ersetzt es aber nicht.“

60 Prozent weniger Umsatz

„Die Weisheit der Politik ist verloren gegangen“, ärgert sich Stefan Muchow, Inhaber des Freizeit- und Eventcenters in Salzwedel. Vielmehr sei es nur noch eine Hauruckpolitik ohne Weitsicht. „Wir haben seit November zu und im Vorjahr etwa 60 Prozent weniger Umsatz als noch im Jahr davor“, sagt Stefan Muchow: „Es ist einfach nur bedrückend und geht aufs Gemüt.“ Was soll der nächste Schritt werden, fragt er sich: „Was kommt nach dem Inzidenzwert von 35?“ Erst habe es 50 geheißen, nun 35. Es gebe keine Planungssicherheit für sein Fitnesscenter und seine Gastronomie. Und das gehe allen Kollegen so. Und wenn man seinen Unmut äußere, werde man noch als „Covidiot“ und „Corona-Leugner“ abgestempelt. Dabei gehe es um Existenzen, die Gefahr des Virus sei ihm durchaus bewusst. Daher habe er, wie andere Gastronomen auch, vor langer Zeit ein umfangreiches Hygienekonzept erstellt. „An der Gastronomie liegt es nicht!“

„Die Politik muss daran arbeiten, Vertrauen zurückzugewinnen“, sagt Stefan Muchow: „Die Verlässlichkeit muss wieder her.“ Es könne nicht sein, dass im Discounter Blumen verkauft würden und der lokale Blumenhändler seine Türen schließen müsse.

Gesundheit geht vor

Bei einer Umfrage auf Salzwedels Straßen zeigt sich, dass die meisten die verlängerten Einschränkungen gutheißen. Die Gesundheit gehe immer vor, erklärt eine Passantin. Dementsprechend finde sie die Verlängerung des Lockdowns auch richtig und wichtig, allerdings müssten entsprechende Hilfszahlungen an betroffene Geschäfte auch ankommen.

Eine weitere Altmärkerin schlägt sogar vor, die Läden am besten so lange geschlossen zu halten, bis das Infektionsgeschehen wieder nachverfolgbar werde. Auf der anderen Seite gibt es aber auch kritische Stimmen, die wenig vom Lockdown halten und genug von den ganzen Durchhalteparolen haben. Die Politiker müssten den Menschen so langsam mal Perspektiven aufzeigen. Immer wieder zu vertrösten, helfe keinem weiter, erklärt ein Salzwedeler. Er führt aus: Stück für Stück zu öffnen, biete die Gelegenheit, genau nachzuvollziehen, welche Branchen für höhere Infektionszahlen sorgen und entsprechend zu reagieren. Das sei zumindest ein Anfang.

Die Eheleute Christina und Hans-Heinrich Fricke erklären, dass sie es sehr traurig finden, dass Gaststätten schließen mussten, obwohl diese ein Hygienekonzept haben und dafür Sorge tragen, dass Abstände eingehalten werden. „Wenn die Schulen und Kitas wieder aufmachen, würde es doch bestimmt helfen, nicht alle zusammen zu unterrichten, sondern aufzuteilen - vormittags und nachmittags zum Beispiel“, sagt Hans-Heinrich Fricke.