Salzwedel l „Ich höre auf mit der Schäferei“: Das sagt Siegmar Wilde und ist sehr traurig. Der Reddigauer, ein gelernter Schäfer, steht neben einem seiner Schwarzkopfschafe. Das trächtige Tier – Ende Februar/Anfang März wären die Lämmer auf die Welt gekommen – liegt tot auf dem Grünland. 16 weitere, zum Großteil Mutterschafe, sind ums Leben gekommen. Der Biss in die Kehle ist zu sehen, zum Teil ist der Körper aufgerissen.

„Vor genau fünf Wochen habe ich die Schafe hergebracht, damit sie hier weiden können. Den Elektrozaun habe ich erst am Sonntag gegen 16 Uhr umgebaut“, erinnert sich Siegmar Wilde. Wenn jemand vom Wolf zu erzählen begann, dann habe er auf Holz geklopft. Denn bislang hatte er Ruhe. Bis Montagmorgen. Gegen 10.30 Uhr habe die Polizei bei ihm auf Arbeit – er ist in seinem Beruf tätig – angerufen und gefragt, ob bekannt sei, wer zwischen Schadeberg und Dülseberg Schafe habe. Drei tote Tiere seien von der Straße aus zu sehen gewesen, andere hätten am Friedhof gestanden. „Da bin ich sofort los“, erinnert sich Siegmar Wilde. Er steht immer noch unter Schock. Denn das, was er auf dem Grünland erblickt, erschüttert ihn. „Das Blut war so frisch, das muss erst am Morgen passiert sein. Am helllichten Tag“, sagt der Reddigauer. Das bestätigt auch Landwirt Torsten Lange, der die Fläche zum Weiden bereitgestellt hat: „Als ich um 8 Uhr das Fenster nach dem Lüften geschlossen habe, habe ich ein Schaf gesehen. Da dachte ich, das ist dem Siggi ausgebüxt.“ Das gesamte Ausmaß habe er erst später wahrgenommen. „Wären Kinder hier zum Spielen gewesen, wäre es gefährlich geworden. Es muss endlich etwas gegen den Wolf unternommen werden“, fordert er.

Tiere finden unter Hecke Schutz

Seit mindestens 20 Jahren halte er privat Schafe, erzählt Siegmar Wilde. Angefangen habe er mit drei, vier Tieren. „Ich habe immer aufs Einzäunen geachtet, und dass der Zaun unter Strom stand. Denn eigentlich hilft das“, schildert er. Doch diesmal habe das seinen 33 Tieren keinen Schutz geboten. Die Wölfe – einer allein könne das nicht angerichtet haben – hätten die Schafe in eine Ecke des Zauns gedrängt. In der Panik seien diese „durch den Zaun geschossen“, wie es der Schäfer beschreibt. „An einer Stelle hängt der Zaun etwas herunter, alles andere ist noch intakt“, erklärt der Reddigauer. Auf dem freien Grünland müsse dann eine regelrechte Jagd stattgefunden haben. Einige wenige Tiere hätten sich geduckt unter der Hecke verstecken können, andere seien verletzt geflüchtet. „Neun haben wir bislang einfangen können. Davon war eines so schwer am rechten Hinterbein verletzt, dass es der Tierarzt einschläfern musste“, sagt Siegmar Wilde.

Derweil ist Forstamtmann Peter Oestreich, Sachbearbeiter Nutztierrissbegutachtung des Landeszentrums für Umweltschutz Sachsen-Anhalt, eingetroffen. Seine Aufgabe ist es, den Fund zu dokumentieren, die toten Tiere zu fotografieren und Spuren zu suchen. Eine endgültige Sicherheit, ob der Wolf für das Massaker verantwortlich sei, würde erst die DNA-Untersuchung bringen, sagt er. „Das Ergebnis liegt frühestens in vier bis fünf Wochen vor“, fügt er hinzu.

Isegrim muss bejagt werden

Siegmar Wilde ist derweil bei seinem dreijährigen Enkel, der „total auf die Schafe abfährt“. „Wie soll ich ihm beibringen, dass die Lämmer nicht mehr da sind?“, fragt er. Fragen werden sicher auch die Dährer Kita-Kinder nach den Tieren. Denn dort nebenan hätten seine Tiere auch den Reitplatz abgeweidet. Sie seien die heimlichen Stars gewesen.

„Ich werde mein Hobby wohl an den Nagel hängen“, denkt der Schäfer laut nach. Denn er wolle seine Tiere nicht leiden sehen, damit andere, sprich der Wolf, überleben könne. „Ich habe nichts gegen Isegrim. Aber er passt nicht in alle Regionen“, meint der Reddigauer. Es werde Zeit, dass der Wolf endlich bejagt werden dürfe. Und er kann die Sorgen der Landwirte jetzt nur allzugut verstehen, die Angst um ihre Mutterkühe haben. Denn die Kälber kommen oft im Freien zur Welt. Und die sind genauso hilflos wie seine Schafe.

Zur Trauer um seine Tiere kommen auch noch finanzielle Belastungen: Denn auf den Abdeckerkosten bleibt er wohl zum Großteil sitzen.