Salzwedel l „Ich habe immer Sparkasse gelebt“, sagt der gebürtige Dannenberger Ulrich Böther. Als es um die Ausbildung nach der Schulzeit ging, habe er sich bei der Sparkasse in Dannenberg beworben. Er sei genommen worden, „obwohl ich mit Mathematik nicht viel am Hut hatte“. Ein Auswahlverfahren wie heute habe es zu jener Zeit noch nicht gegeben. Und so startete der heute 63-Jährige im Jahr 1973 seine Ausbildung in diesem Kreditinstitut, sammelte im praktischen Alltag Erfahrungen, bildete sich berufsbegleitend weiter und übernahm als Marktbereichsleiter Führungsverantwortung.

In Klein Gusborn nahe der einstigen innerdeutschen Grenze aufgewachsen, habe er bereits als Kind ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Salzwedel“ gelesen. „Ich habe mich immer gefragt, wo das liegen mag“, erzählt er mit einem Lächeln auf den Lippen. Erst als 21-, 22-Jähriger sei er das erste Mal über Bergen/Dumme in die damalige DDR eingereist. „Da haben die Grenzer gefragt, warum ich nicht schon früher diesen Ausflug gemacht habe“, erinnert sich Ulrich Böther. Eine Antwort hatte er nicht parat. Die Tagesausflüge führten unter anderem nach Arendsee, „wo wir am Strand Broiler gegessen haben“, aber auch nach Salzwedel. Jetzt hatte er die Stadt an der Jeetze gesehen. Dass sie einmal sein Arbeitsmittelpunkt werden sollte, davon ahnte er zu jenem Zeitpunkt noch nichts.

Flut an Kreditanträgen

Doch 1989 öffneten sich die Grenzen. 1990 kam die Währungsunion. „Damals war die Sparkasse Lüchow-Dannenberg, in der ich arbeitete, Partner der Sparkasse Osterburg. Ich habe mit anderen in Arendsee Bargeld ausgezahlt“, erzählt Ulrich Böther. In jenem Jahr sei er auch gefragt worden, ob er Lust habe, den Kreditbereich der Sparkasse in Salzwedel weiterzuentwickeln. Er habe „Ja“ gesagt und am 1. Mai 1991 die Leitung dieses Bereichs übernommen. „Es gab eine Flut an Kreditanträgen. Unsere Mitarbeiter haben rund um die Uhr gearbeitet. Jeder war und ist auch heute noch sehr motiviert“, schildert der 63-Jährige. Oberstes Gebot sei das Vertrauen zu den Kunden gewesen. Heute sei die Arbeit ungleich schwerer, vergleicht Ulrich Böther. Sie werde „in Bürokratie erstickt“.

Der Aufbau des Kreditbereiches sei eine sehr spannende, für ihn die schönste Zeit gewesen. „Wir haben in Containern auf dem Hof an der Wallstraße gearbeitet. Diese waren bald doppelstöckig, damit wir genügend Platz hatten“, schildert er. An Sonnabenden habe er sein Wissen in der damaligen Käthe-Kollwitz-Schule an die Mitarbeiter aus Salzwedel weitergegeben, denn an den Arbeitsplätzen änderte sich damals fast alles. Vom Auszubildenden bis zur Führungskraft musste jeder mit allen Themen der Marktwirtschaft und insbesondere des Kreditwesens vertraut gemacht werden. Alle waren kurz- und mittelfristig umzuschulen und fortzubilden. Die Mitarbeiter seien sehr wissbegierig gewesen. „Da war ein sehr großer Zusammenhalt. Wir sind in eine Richtung marschiert.“

Fachbuch geschrieben

Ulrich Böther betreute in den aufregenden Wendejahren zudem die Kreissparkasse Klötze mit. 1992 schlossen sich die beiden Geldinstitute zusammen. „Das war übrigens der erste Sparkassenzweckverband in den Neuen Bundesländern“, berichtet er. Am 1. Januar 1995 ist die Sparkasse Altmark West nach der Kreisgebietsreform im Jahr zuvor gegründet worden. Und ab 1. Juli 1996 wurde Ulrich Böther zum Vorstandsvorsitzenden gewählt. Darüber hinaus hat der heute 63-Jährige unter anderem Bauträgerrecht an der Sparkassenakademie gelehrt, ein Fachbuch darüber geschrieben, dem Aufsichtsrat der Öffentlichen Versicherungen Sachsen-Anhalt und dem Beirat in der Norddeutschen Landesbank angehört, sich im Firmenkundenausschuss engagiert, war stellvertretendes Mitglied des Verbandsvorstandes des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, Mitglied des Ausschusses Kommunikation und Medien des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, stellvertretender Vorsitzender des Bewilligungsausschusses der Bürgschaftsbank Sachsen-Anhalt und stellvertretender Obmann der Sparkassenvorstände in Sachsen-Anhalt.

Ulrich Böther ist stolz auf das Erreichte, an dem er etwas mitwirken durfte. Das Kreditgeschäft wuchs beispielsweise von 1996 bis heute von 342 Millionen auf über 600 Millionen Euro. Die Kundeneinlagen wuchsen in diesem Zeitraum von 492 auf 856 Millionen Euro. Und die Bilanzsumme der Sparkasse stieg von 719 Millionen auf 1,033 Milliarden Euro, nennt er einige Zahlen. „Das liegt auch an den engagierten Mitarbeitern, die mit mir durch alle Krisen marschiert sind“, beschreibt der scheidende Vorstandsvorsitzende, der die Verantwortung gern an seinen Nachfolger Hans-Jürgen Behr weitergibt. Sein Credo war es immer, das jetzt vorhandene Filialnetz aufrecht zu erhalten. Beratungszeiten würden ausgebaut, die Selbstbedienungstechnik erweitert. „Und wir wollen so lange wie möglich Negativzinsen für Privatkunden vermeiden. Auch wenn das nicht so einfach wird“, erklärt er.

Ein Reisemobil-Fan

Der 63-Jährige spürt langsam den Abschiedsschmerz. Schließlich sind 46 Jahre mit und für die Sparkasse eine lange Zeit. Doch der Vater dreier Söhne und zweifache Opa freut sich auch auf Freiräume, die er bislang nur bedingt ausleben konnte. „Ich bin ein Reisemobil-Fan“, verrät der 63-Jährige. Er liebe genauso wie seine Frau die Freiheit, aber auch, dass alle Menschen gleich seien, wenn sie mit solch einem Gefährt auf Tour sind. „Wir wollen eine kleine Europatour machen, ganz ohne Zeitdruck. Wir bleiben einfach dort, wo es schön ist“, nennt er einen Wunsch, den er sich im Jahr 2020 erfüllen möchte. Vielleicht lebt auch seine Leidenschaft für den Pferdesport wieder auf, die er aus Zeitgründen aufgeben musste. Und auch die alte Shopper will er künftig einmal öfter hervorholen, um mit seiner Frau auf dem Zweirad gemütlich unterwegs zu sein. Zudem müsse das große Grundstück gepflegt werden. „Ich möchte auch gern bewusster miterleben, wie unsere Enkel heranwachsen“, nennt er einen weiteren wichtigen Punkt im baldigen Ruhe- stand.

Angebote, was er mit der Freizeit anstellen könne, habe er schon einige erhalten, erzählt Ulrich Böther schmunzelnd. Aber er wolle sich erst einmal in die „neue Rolle“ hineinfinden. Treu bleibt er auf jedem Fall dem Rotary-Club Salzwedel, dem er seit mehr als 20 Jahren angehört und in dem er Schatzmeister ist. „Diese Bewegung tut viel Gutes für die Entwicklungsländer. Wir Rotarier waren maßgeblich mit beteiligt, dass die Kinderlähmung bekämpft wird und heute nahezu ausgerottet ist“, sagt er stolz.