Das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland e.V.

Das CJD zählt zu den größten Bildungs- und Sozialwerken in Deutschland. Das Team des CJD in Salzwedel besteht aus 98 Mitarbeitern. Sie engagieren sich in der Förderung, Begleitung und Bildung von Menschen, die sonst kaum eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben hätten. In den Altmark-Werkstätten und Wohnangeboten des CJD unterstützen die Mitarbeiter die Menschen dabei, einer geregelten Arbeit oder Beschäftigung nachzugehen, sie helfen, den Alltag zu gestalten und bieten so eine Möglichkeit, aktiv am Leben der Gesellschaft teilzunehmen. Quelle: CJD Sachsen-Anhalt

Salzwedel l Georg ist fassungslos. Die ganze Woche hatte sich der 43-Jährige auf seinen Einkauf im Konsum gefreut. Selber einkaufen zu gehen, ist für Georg etwas Besonderes. Mit Sorgfalt hatte der bullige Mann die Lebensmittel in seinen Einkaufswagen sortiert. Ordentlich nebeneinander lagen Gemüse und Obst. Als er – wie in jeder Woche - der Verkäuferin den fälligen Betrag in die Hand zählen wollte, hatte die junge Frau abgelehnt. Wegen der Corona-Gefahr dürfen die Kunden nur noch mit Geldkarte bezahlen, hatte sie gesagt. Aber Georg hat keine Geldkarte, Georg hat Geld. Die Münzen und Scheine sind sein ganzer Stolz. Verwirrt hatte Georg die Lebensmittel zurück in die Regale gestellt. Bedächtig. Traurig, denn was bitte ist das, Corona?!

Es sind Fragen wie diese, die die Mitarbeiter des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland (CJD) seit einigen Tagen bewegen, erzählt Anne Brünnette. Letztere ist verantwortlich für die Abläufe im täglichen Leben der rund 80 Menschen, deren Wohnbereiche das CJD Sachsen-Anhalt in Salzwedel betreut.

Tausend Antworten helfen bei Sorgen im Alltag

Georg (Name von der Redaktion geändert) lebt in einer Wohngemeinschaft. Von 7 bis 15 Uhr arbeitet er, unter Anleitung eines Facharbeiters, in der Tischlerei des Hilfswerks. Den Rest des Tages verbringt er gemeinsam mit den Menschen in seinem Wohnbereich. Unter den Mitarbeitern des CJD, die die Wohngruppe begleiten, ist auch ein Sozialpädagoge. Der hilft, fragt und gibt Antworten. Vor allem aber bringt er Struktur in das Leben von Georg und dessen Mitbewohner. Das war vor Corona.

„Für die Menschen in unseren Häusern sind feste Abläufe eine wichtige Hilfe“, sagt Anne Brünnette. Viele von ihnen nehmen die Begebenheiten des täglichen Lebens auf besondere Weise wahr, haben Schwierigkeiten damit, sich Dinge zu merken oder logische Schlüsse zu ziehen. Bei einigen kommen körperliche Beeinträchtigungen hinzu. Alle brauchen professionelle Unterstützung, um ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen, und am Alltag der Stadt teilhaben zu können. Dazu gehören auch tägliche Wege und die wiederkehrende Begegnung mit Freunden und Kollegen.

„Die ständig selben Handgriffe im Alltag dieser Menschen gleichen einem Leuchtfeuer, das für Orientierung sorgt“, sagt Anne Brünette. Von besonderer Bedeutung sei dabei der eigene Arbeitsplatz. Er gebe den Menschen nicht nur einen Teil ihrer Würde; der tägliche Weg an die Werkbank, in den Garten, die Küche oder in die Wäscherei werde von den meisten mit Spannung erwartet. Damit ist es nun vorbei. Aus ist es auch mit dem Besuch von Verwandten, der im CJD immer ein besonderes Ereignis sei, weil jeder Besucher auch von anderen Bewohnern freudig begrüßt wird.

Neue Inhalte für mehr Schwung im Miteinander

„Diese Umstellung, die nun den Alltag unserer Bewohner auf den Kopf stellt, ist für alle Beteiligten schwer“, sagt Brünette. Für die Mitarbeiter im CJD gelte es, dem Tagesablauf jedes Einzelnen einen neuen Inhalt zu geben. Die abweichende Wahrnehmung vieler CJD-Bewohner fordere es, wiederkehrende Fragen immer neu zu beantworten. Darüber hinaus werde gebastelt, Gymnastik getrieben, zu Spaziergängen eingeladen, gepflastert oder der Garten umgegraben. „Alles freiwillig“, betont Anne Brünette „und mit einer Engelsgeduld.“

Unterstützung bekommen die pädagogischen Mitarbeiter, die die Menschen in ihren Wohngruppen betreuen, derzeit von den Fachleuten aus den Werkstätten des CJD. „Wir erleben eine große Solidarität unter den Kollegen“, sagt Brünette. Die aktuelle Situation mache deutlich, wie eng die Menschen zusammenstehen, wenn es darauf ankommt. „Im übertragenen Sinne“, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu.