Salzwedel l Aufführung im Moskauer Conservatorium: Drei Männer kratzen rhythmisch auf einem Klavier; die, die ihre Instrumente normal spielen, scharren mit dem Stuhl. Husten, Vögelschreie und Bauarbeiten dringen durch. Doch was zunächst wie eine Aneinanderreihung musikalischer Fauxpas’ wirkt, läuft ganz nach Plan, wie der unbeirrte Dirigent im Vordergrund zeigt.

Das Stück heißt „Elegant Trogon Syzygy", seine Komponistin wohnt zurzeit im Stipendiatenhaus: Tatiana Gerasimenok wurde in Weißrussland geboren und studierte dort Musikwissenschaft. Darauf folgte ein Kompositionsstudium in Moskau, seit Oktober wohnt sie in Deutschland.

Musik aus Versehen

Gerasimenok hat sich auf die „Neue Musik" spezialisiert, die wenig auf konventionelle Melodien setzt. Klassische Instrumente werden zwar genutzt. Hilfsmittel wie Stühle, Bohrer oder andere Geräuschkulissen übertönen sie jedoch zu großen Teilen. Für ihren Klang geht sie weniger in den Musikladen und eher in Geschäfte wie Obi, „den musikalischsten Laden Deutschlands".

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Es gehe ihr dabei nicht um Unterhaltung, sagt Gerasimenok. Sie wolle kein „Sklave des Publikums" sein, und es daran erinnern: „Das Paradies ist dein Leben, nicht die Bühne." Daher nutzt sie auch Elemente wie scharrende Stühle oder herunterfallende Stifte – Versehen, die bei den meisten Konzerten kleine Katastrophen darstellen.

Ihre Stücke sollen alle fünf Sinne und damit „den ganzen menschlichen Körper aktivieren". Das zeigt auch ihre Notierung, für die sie neben klassischen Musiknoten Grafiken, Diagramme, vorgeschriebene Düfte oder Schauspielanweisungen wie tierisches Verhalten oder durchgehendes Grinsen verwendet und so in verschiedenen Kunstformen unterwegs ist.

Die sonst übliche Zusammenarbeit mit den Kulturinstitutionen der Stadt ist zurzeit wegen der Corona-Krise stark eingeschränkt: Ein eigentlich schon angesetzter Termin mit dem Künstlercafe am 18. Juni steht in der Schwebe, da nicht gesagt werden kann, ob dieses dann überhaupt geöffnet hat. Eventuell wäre aber eine Übertragung oder andere Zusammenarbeit mit dem Offenen Kanal möglich.

Wegen der Einschränkungen stellte sie sich auch erst nach einem der drei Monate vor, die sie hier wohnt. Denn eigentlich zog Gerasimenok schon Anfang April ein. Zunächst musste sie zwei Wochen in Quarantäne, was an ihrer Arbeit aber nicht viel änderte: „Komponisten scherzen gerne, dass wir für immer unter Quarantäne stehen."