Salzwedel l Schon die Anklage ließ vermuten, dass das Problem tiefer sitzt. Denn für drei ähnliche Vergehen hatte sich ein 29-jähriger Russland-Deutscher vor dem Salzwedeler Amtsgericht zu verantworten. So soll der Mann am 2. September 2017 behauptet haben, ein Polizist wäre handgreiflich gegenüber seinem kleinen Bruder aufgetreten und er habe ihn als „Kinderschläger“ tituliert. Im April 2018 soll er betrunken eine ganze Reihe Schimpftriaden auf Polizisten losgelassen haben. Gleiches soll auch im Juli vergangenen Jahres passiert sein. Daher legte Richter Klaus Hüttermann alle Vorwürfe in eine Verhandlung, die nach mehreren Stunden noch kein Ende mit Urteil fand.

Doch bevor die Verhandlung starten konnte, ließ Richter Hüttermann den 29-jährigen Selbstständigen pusten. Hintergrund: Der Mann ist ihm nicht unbekannt und trat zumeist in Verbindung mit Alkohol in Erscheinung. Aber das Gerät zeigte 0,0 Promille.

Feindschaft mit der Polizei

Vom ersten Anklagepunkt der Behauptung, er hätte einen Polizisten „Kinderschläger“ gerufen, rückte der 29-Jährige nicht ab. „Ich saß morgens in der Burgstraße, war vorher in einem Club – da kam ein Streifenwagen. Die haben mich gleich provokant angeschaut“, erinnerte er sich. Dann habe er dem Polizisten „Kinderschläger“ zugerufen. Aber aus seiner Sicht nicht ohne Grund. „Er hatte meinen kleinen Bruder verletzt – sich an ihm ausgelassen“, erklärte er. „Mit dem Polizisten pflegen Sie eine innige Feindschaft?“, wollte der Richter wissen. Und ja, „irgendwas ist immer“, sagte der Angeklagte, „und das schon lange.“

Auch beim zweiten Anklagepunkt vom 21. April 2018 sieht er sich zu unrecht auf der Anklagebank. In der Nacht stand er um 3.40 Uhr auf dem Gelände der Aral-Tankstelle und habe einen alten Freund getroffen. „Ich machte den Vorschlag, eine kleine Spritztour zu machen“, erinnerte er sich. Dabei stießen die beiden schließlich im Gewerbegebiet am Gerstedter Weg auf die Polizei, die den Wagen stoppten. Dort soll er den Beamten einen Mittelfinger aus dem Auto gezeigt haben. „Das ging gar nicht. Ich saß hinten, und die Scheiben waren getönt – das hätte gar keiner sehen können“, sagte er und glaubt, von der Polizei gegängelt zu werden. Denn einer der Beamten kenne ihn, erklärte er. Trotzdem sollte er sich ausweisen. Seinem Freund hätte man erklärt, er könne weiterfahren, da man den 29-Jährigen zur Identitätsfeststellung mit aufs Revier nehmen werde.

„Als er weg war, meinte die Polizei, sie weiß, wer ich bin“, ärgerte er sich. Trotzdem wollten die Beamten einen Ausweis sehen und hätten an seiner Bauchtasche gerissen. Die wollte er aber nicht herausrücken. Es soll zur Rangelei und wüste Beschimpfungen unter die Gürtellinie gekommen sein. „Ich war aufgebracht, ich wusste nicht, wie ich wegkommen soll.“

Schikane

Die Polizisten, die als Zeugen geladen waren, bewerteten die Situation anders. Sie seien nach dem Mittelfinger sofort mit wüsten Beschimpfungen übersät worden, als der Angeklagte das Auto verließ.

Hier schaltete sich schließlich auch der Verteidiger des 29-Jährigen ein. Er sagte dem Gericht, dass einer der Polizisten aus dem Gewerbegebiet eine Woche zuvor bei seinem Mandanten eine Anzeige aufgenommen hätte. „Der Polizist kannte ihn.“ „Ja, ich bin schikaniert worden“, schob der Russland-Deutsche nach.

Auch im dritten Fall, am 11. Juli 2018, gingen die Aussagen auseinander. Zwischendurch verhedderten sich Richter und Verteidiger bei den Daten, so viel kam auf den Tisch.

Weitere Zeugen

Im Juli bekam die Polizei einen Anruf seiner damaligen Freundin. „Wir hatten Streit“, sagte der 29-Jährige. Die Frau rief die Polizei, weshalb sich der Angeklagte hinter dem Gebäude im Dunklen versteckte. „Sie haben mich gesehen und haben sich mit verschränkten Armen um mich gestellt“, sagte er, weshalb er sich abermals provoziert fühlte. Auch hier hielt die Polizei dagegen. „Wir haben in einem Viertel-Kreis gestanden, ihm einen Fluchtweg gelassen und deeskalierend gewirkt“, erklärte einer der Beamten. Zudem soll der 29-Jährige eine Flasche geworfen haben. Da diese aber nicht bei den Beamten landete, wollte man von einer weiteren Verfolgung absehen. Stattdessen gab es abermals wüste Beschimpfungen. Schließlich kontaktierte der Angeklagte seine Mutter und ließ sich abholen. Auch beim dritten Fall war Alkohol im Spiel.

Richter Hüttermann benötigt weitere Aussagen, unter anderem vom Freund im Gewerbegebiet. Daher wird am 1. Februar weiter verhandelt.