Salzwedel l Der kalte Wind weht Pfarrer Friedrich von Biela um die Nase. Noch steht er vor seinem Gotteshaus, den Schal bis unter das Kinn gezogen. Er wartet auf Restaurator und Tischlermeister Klaus Wellmann, um unter das Dach der St. Marienkirche in Salzwedel zu steigen. Ziel ist das Uhrwerk des Backsteingebäudes, welches Wellmann kennt wie seinen Wecker am heimischen Bett.

Zielsicher gehen die beiden Männer durch die imposante Kirche, fachsimpeln über anstehende Projekte. Ihr Ziel: der Feldsteinsockel, auf welchem der Turm thront. Durch eine alte Eichentür geht es hinein. Spätestens hier wird klar: Die Kirche hat schon einige Jahrhunderte auf dem Buckel. „Ursprünglich war es eine alte einschiffige Feldsteinkirche, errichtet im Jahr 1150“, weiß der Restaurator. Durch diverse Um- und Erweiterungsbauten im Laufe der Geschichte hat sie ihre heutige Form bekommen, als größtes Gotteshaus der Hansestadt. Was aber blieb, ist der 2,7 Meter hohe und 2,9 Meter dicke Turmstumpf. „In der Altmark ist der Bautyp singulär“, weiß Pfarrer von Biela. „Ähnliche Bauten sind im Norden, in Schleswig-Holstein und Dänemark zu sehen“, sagt der Geistliche.

Grabplatte versperrt alten Zugang

Wo einst der Eingang in die Kirche war, geht es heute in luftige Höhe. Der ehemalige Eingang ist heute durch eine große Grabplatte von 1795 versperrt. Daneben steht eine hunderte Jahre alte Winde, mit der das alte Glockenwerk nach oben gehievt wurde. Daneben ein altes Harmonium aus der Böddenstedter Kirche. Seit die kleine Kirche in dem Salzwedeler Ortsteil eine eigene Orgel besitzt, schlummert das Harmonium im Sockelgewölbe der Marienkirche.

Bilder

Pfarrer von Biela und Klaus Wellmann beginnen mit dem Aufstieg. 150 Stufen sind es bis zum Geläut. Etwa weitere 50 führen unter das Dach. Nun aber die ersten 17 Stufen zur untersten Ebene. Vorbei an den Gewichten der Turmuhr, die Ende der 1970er Jahre die alten Gewichte aus geschlagenem Stein ersetzten. Klaus Wellmann bleibt davor stehen, zieht einen Ordner unter seiner breiten Schulter hervor. Die Gewichte des Uhrwerks erinnern ihn daran, dass Anfang der 1980er Jahre das Ziffernblatt erneuert wurde. Er war als Jugendlicher mit seinem Bruder dabei. „Da kam kein Kran“, sagt er.

Er holt eine alte Aufnahme hervor. Darauf sein Vater, der den damals etwa 75-jährigen Kirchen-Uhrmachermeister Paul Lies am Seil sichert. Der Senior hing quasi nur mit einem Seil in etwa 40 Metern Höhe, das Ziffernblatt an einem weiteren Strick. Wie ein Zirkusakrobat schwingt Lies am Mauerwerk. Heute unvorstellbar.

Pfarrer Friedrich von Biela, der vor 4,5 Jahren aus Oschersleben nach Salzwedel kam, um die St.-Marien-Gemeinde zu betreuen, schaut ungläubig auf die alten Fotos. Auch er erfährt immer wieder etwas Neues von Wellmann.

Pfarrer Friedrich von Biela drängt auf die Zeit, die beiden gehen weiter. Wieder geht es auf den Holzstufen weiter empor. Angekommen in der zweiten Ebene, stoßen die Männer auf zahlreiche Gedenkplatten. Eine vom „Altmärkischen Ulanen-Regiment No. 16“ von 1870/71. Daneben welche vom Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Holzwürmer fraßen sich durch Bleiplatten

Aber nicht die Tafeln wecken ihr Interesse, sondern die alte Bleieindeckung, die vor der Turmsanierung das Dach schützte. „Es gab damals einen Holzwurmbefall“, weiß Klaus Wellmann. Außerdem zerstörte ein Sturm 1972 große Teile der Bleiplatten. Aufgrund des Holzwurmbefalls wurde Gebälk getauscht.

Dabei ist aufgefallen, dass selbst in der Bleieindeckung kleine Löcher waren. Ein späterer Labortest ergab: Die Holzwürmer haben sich tatsächlich auch durch das Blei geknabbert. „Ob die eine Bleivergiftung bekamen“, witzelt Pfarrer von Biela.

Dabei war eine Turmsanierung und Instandhaltung zu DDR-Zeiten keine leichte Aufgabe. „Die Regierung stand der Kirche nicht gerade positiv gesinnt gegenüber“, weiß Pfarrer von Biela. Klaus Wellmann erinnert sich nur zu gut daran: „Das Gebälk war ewig der Witterung ausgesetzt, ohne von Bleiplatten geschützt zu werden.“ Die Mangelwirtschaft tat ihr Übriges. Selbst ein Hilferuf der Gemeinde, es könnten Teile des Gotteshauses auf Kinder stürzen, blieb ungehört. „Eigentum verpflichtet eben“, sagt Wellmann.

Mehr Antwort bekam die Gemeinde seinerzeit nicht. Und so wurden nur die wichtigsten Arbeiten für den Erhalt des Gotteshauses aufgebracht. „Da kamen vielleicht einmal im Jahr ein paar Handwerker und erledigten das absolut Nötigste“, erinnert sich der Tischlermeister. Der Rest wurde wie so oft zu der Zeit nur geflickt. Improvisieren war angesagt.

Dauerleihgaben aus Kloster Dambeck

Wieder geht es weiter nach oben in die vierten Ebene. Hier sieht es etwas aus wie in einer Mondlandschaft, überall Krater in den unterschiedlichsten Größen. Es ist das Dach des Kirchengewölbes – in der Draufsicht. Ein Weg auf Holzbrettern ermöglicht einen Rundgang. „Wir haben Geländer dort angebracht, damit auch Besucher am Tag des offenen Denkmals hier entlang können“, sagt der Restaurator. An einer Seite ist ein unscheinbarer Gang abgesperrt. „Das ist der alte Turmaufstieg“, sagt Pfarrer von Biela. Kaum vorstellbar, wie sich die Zimmermänner und Tischler seinerzeit mit Werkzeugtaschen durch den schmalen Aufgang zwängten. Am Fuße der Kirche weist nur eine unscheinbare Holztür auf den Weg hin, für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Auf der nunmehr fünften Ebene angekommen, gelangen Pfarrer und Restaurator in das Herzstück des Turms, die Glockenebene. Neben mehreren Dauerleihgaben aus dem Kloster Dambeck, dessen Glocken zum Teil aus dem 14. Jahrhundert stammen und zwischen 150 und 350 Kilogramm schwer sind, hängt die Schalom-Glocke. Ein Neuguss aus dem Jahr 2003, einen Meter Durchmesser und mehr als 700 Kilogramm schwer.

Königin der Glocken

Neben ihr hängt die Königin der Glocken im Turm der St. Marienkirche. Die Wächterglocke. Gegossen 1711 in Salzwedel, 1,4 Meter Durchmesser und mit einem Gewicht von 1,8 Tonnen so schwer wie ein Auto der oberen Mittelklasse. Pfarrer und Restaurator überlegen, woher der Name stammt. Zum einen wäre es möglich, dass die Wächterglocke vor drohender Gefahr warnte. „Wachen und Beten“, sagt Pfarrer von Biela, auch das wäre möglich. Vielen Salzwedelern hingegen ist die Sage vom Riesen Jan Kahle ein Begriff. Aufgrund der Höhe des Turms warf der Riese aus Wut einen großen Stein. Durch den Luftzug und die Wucht des Aufpralls wurde der Kirchturm so bewegt, dass er sich krümmte und so schief stehen blieb.

Während noch der Name erörtert wird, waltet Klaus Wellmann seines Amtes: Er zieht die Turmuhr von 1896 auf. Doch nicht mit einer Umdrehung, nein, 150 Umdrehungen! Jede einzelne so schwer, als würde mit einem großen Schraubenschlüssel ein angerosteter großer Bolzen gedreht werden. „Da weiß man, was man getan hat“, sagt Wellmann.

Familiensache

Doch für ihn ist das kein Problem. Schon sein Vater drehte am Uhrwerk, seine Kinder taten es auch bereits. Über dem Uhrwerk im Holz steht „Wellmann 1983“. Darunter die Vornamen der Familie. Wellmanns sind gewissermaßen die Wächter der Uhr, kennen jedes Zahnrad und jede Eigenheit. „Zu DDR-Zeiten sind von einem Zahnrad mehrere Ecken abgebrochen“, erinnert sich der Tischlermeister. Der Ilsenburger Kirchturm-Uhrmachermeister Paul Lies fertigte daraufhin per Hand einen Ersatz. „Ein neues Zahnrad wäre damals nicht zu bekommen gewesen“, weiß Wellmann.

Pfarrer von Biela blickt auf die Uhr. Die Zeit sitzt ihm im Nacken. Ein kurzer Blick aus einem der vielen kleinen Fenster über die Dächer der alten Fachwerkstadt, das lässt er sich nicht nehmen. Dann geht es wieder hinunter.

Durch insgesamt drei Bauphasen hat die Marienkirche in Salzwedel ihr heutiges Antlitz erhalten. Die erste Bauphase stammt von 1150. Es entstand eine einschiffige Saalkirche. In der zweiten Bauphase um 1210 wurde das Gotteshaus zur romanischen Pfeilerbasilika erweitert. Erst 1350 bekam die Kirche ihre heutige Gestalt, als in der dritten Bauphase eine gotische Hallenkirche entstand. Ende des 15. Jahrhunderts bekam die sie ihren Turmhelm, mit dem die Marienkirche mit über 80 Meter schon vor den Stadtmauern zu erkennen ist.