DDR-Industrie

Warum Salzwedel auch eine Möbelstadt ist

Heinz Möller aus Berlin hat eine besondere Leidenschaft: Er forscht zur Wirtschaftsgeschichte der DDR im Raum Magdeburg und Halle. So hat er die Chronik des VEB Möbelwerk Salzwedel mit erarbeitet. Er weiß auch, dass es 1872 die Möbelfabrik Gustav Dieterichs in der Stadt gegründet wurde. Doch darüber ist wenig überliefert.

Die Möbelfabrik Gustav Dieterichs in Salzwedel wurde 1872 gegründet. Mit Anzeigen warb das Unternehmen, das den Firmensitz an der Breiten Straße hatte, um Kunden.
Die Möbelfabrik Gustav Dieterichs in Salzwedel wurde 1872 gegründet. Mit Anzeigen warb das Unternehmen, das den Firmensitz an der Breiten Straße hatte, um Kunden. Repro: Sammlung Heinz Möller

Salzwedel - ap

Salzwedel gilt nicht nur als Stadt des Baumkuchens, sondern war auch eine Stadt der Möbelindustrie. Zweitgenanntes ist nur wenigen in Erinnerung. Doch in der Hansestadt sind zu DDR-Zeiten Küchenmöbel und Möbelbauteile hergestellt worden, berichtet Heinz Möller.

Er hat herausgefunden, dass im Jahr 1872 die Möbelfabrik Gustav Dieterichs gegründet wurde. Dahinter verbargen sich „Werkstätten für moderne Wohnkunst“. Selbst gefertigte Möbel in etwa 100 Musterzimmern standen zur Auswahl. Bekannt ist, dass Firmengründer Gustav Dieterichs im September 1932 seinen 85. Geburtstag feierte und zwei Jahre später starb. Sein Sohn Gustav, der auch Stadtrat war, starb im Mai 1936. Ob und wie es mit der Möbelfabrik weiterging, ist nicht genau bekannt.

Von Namensänderungen und Kreativität

Bis zum Jahr 1950 sei im damaligen Telefonbuch ein Eintrag zu einem Möbelhaus Dieterichs vorhanden gewesen, hat der Berliner herausgefunden. Danach habe er sowohl im Salzwedeler Stadtarchiv bei Steffen Langusch als auch im Landesarchiv keine weiteren Informationen finden können.

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe Hans Lohrengel, später mit seinem Sohn, begonnen, Möbel auf Basis eines Auftrages der sowjetischen Militäradministration herzustellen. Die Produkte habe die Firma an den Energieversorger PREVAG verkauft, berichtet Heinz Möller. Aus dem ehemaligen Betrieb Lohrengel sei KWU Salzwedel und später der Kreisbaubetrieb geworden. „Eine erneute Namensänderung in VEB (K) Holzbe- und -verarbeitung im Jahr 1953 führte Mitte der 1950er Jahre zum VEB (K) Möbelfabrik Salzwedel. Eine im Jahr 1952 angegliederte Bautischlerei in Bornsen wurde 1954 aufgelöst“, schildert Heinz Möller. Die Firma hatte ihren Sitz auf dem ehemaligen Kasernengelände am Gerstedter Weg.

Die VEB (Volkseigener Betrieb) Möbelwerke Salzwedel sind am 1. April 1952 gegründet worden. In jenem Jahr habe der Betrieb etwa 100 Mitarbeiter gehabt. Die bauliche Hülle sei durch Kriegseinwirkungen und Alter des Gebäudes miserabel gewesen. In Eigeninitiative sei das Haus instandgesetzt worden, oft ohne Bezahlung von Lohn.

Beachtlicher Investitionsumfang

Erster Betriebsleiter sei Willi Jacobi gewesen. Im Jahr 1954 übernahm Kurt Rotte die Aufgabe. In jenem Jahr seien Rauchtische, Einzelnachtschränke und Nähtischchen ebenso wie Küchenmöbel und -buffets produziert worden. Wolfgang Linke stand dem Volkseigenen Betrieb von 1963 bis 1980 als Betriebsleiter vor, der, so die Einschätzung von Heinz Möller, die Entwicklung des Betriebes positiv beeinflussen konnte. Denn er schaffte es im Jahr 1968, dass der Neubau einer Montagehalle vorbereitet wurde. Dafür wurden 245 000 Mark veranschlagt, für jene Zeit ein beachtlicher Investitionsumfang. Die Stahlleichtbauhalle wurde im ersten Quartal 1970 übergeben.

Hergestellt wurden unter anderem das Modell 277 einer Anbauküche, das aus zehn Teilen bestand, aber auch das Küchenmodell Salzwedel, das im Jahr 1968 auf den Markt kam.

Neben dem VEB Möbelwerke Salzwedel gab es den VEB Stahlmöbelgestellbau Salzwedel, der am 1. Juni 1960 durch den Zusammenschluss der Privatfirmen August Kaiser und Johannes Großmann entstanden ist, berichtet Heinz Möller. Hergestellt wurden Beschläge für Liegen und Betten. Die Belegschaft wuchs rasch. Waren es anfangs 17 Mitarbeiter, so war die Zahl der Arbeitskräfte acht Jahre später auf 80 Arbeitskräfte gewachsen. Da die einst vier Betriebsstätten zu klein waren, wurde im Kasernenkomplex Gerstedter Weg neu gebaut.

Am 1. Oktober 1979 sei der VEB Möbelkombinat Dessau gegründet worden, in den auch die beiden Salzwedeler Betriebe eingegliedert worden seien. Diese gehörten eher zu den kleineren: Die Möbelfabrik hatte 120 Arbeitskräfte und eine Produktion in Höhe von 6,9 Millionen Mark, der VEB Stahlmöbelgestellbau 124 Mitarbeiter mit 13,9 Millionen Mark Warenproduktion.

Die nächste Änderung gab es zum 1. Januar 1983: Da wurde der VEB Stahlmöbelgestellbau Salzwedel an die Möbelfabrik angegliedert, was eine Namensänderung mit sich brachte, beschreibt Heinz Möller. „Der neue Betrieb hat die Bezeichnung VEB Möbel- und Gestellbau und steht jetzt unter der Leitung von Otto Hilbrecht“, fügt er hinzu. Insgesamt 239 Mitarbeiter seien eine neue Größenordnung gewesen. Dieser Betrieb sei nur bei zum 1. Januar 1985 eigenständig gewesen: Da wurde er an den VEB Stima Stendal angeschlossen. Dieser sei ein großer Produzent von Stahlrohrmöbeln gewesen. Er habe 700 Mitarbeiter gezählt, die Produkte im Wert von 37 Millionen Mark hergestellt hätten.

BRD-Unternehmer kauft Betrieb auf

Die Tätigkeit für Betriebe in der Möbelindustrie sei zwischen 1986 und 1989 immer problematischer geworden. Es sei schwierig gewesen, Material zu beschaffen. Für die Exportproduktion hätte der Importeur in der BRD häufig die notwendigen Materialien zur Verfügung gestellt. Nach der Wende sei der Betriebsteil Stahlmöbel Salzwedel vom BRD-Unternehmen Stawett gekauft worden. „Er arbeitet mit etwa 100 Mitarbeitern offensichtlich erfolgreich“, schätzt Heinz Möller ein.