Salzwedel l Folgende Begebenheit hat sich im Wendland vor kurzem zugetragen: Eine Frau sitzt im Bus von Dannenberg nach Lüchow, hinter ihr sitzt ein achtjähriges Mädchen, das sie kennt. Das Mädchen wird begleitet von ihrem Vater. Irgendwann beginnt die Kleine, ein Gedicht zu rezitieren: „Advent, Advent, ein Jude brennt...“. Der Vater sitzt daneben und lacht. Die Frau ist schockiert. Aber was tun? Wie soll man sich verhalten in einer solchen Situation?

„Da gibt es mehrere Strategien“, verrät Jochen Neumann von der „Kurve“ im wendländischen Wustrow. Die „Kurve“, Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion, hat genau zu diesem Thema einen Workshop „Zivilcourage“ angeboten. Situationen, die die Teilnehmer selber erlebten, wurden in Rollenspielen nachgestellt. „Es geht darum, rauszufinden: Wie war es? Und wie hätte ich lieber reagiert?“, erläutert Neumann: „ In der „Gedicht-Situation“ hätte man Rückfragen stellen können, etwa: „Was ist denn ein Jude?“, oder darauf hinweisen, dass ein Jude ein Mensch ist und es Menschen weh tut, wenn man sie anzündet“. Oder „paradox intervenieren“, mit einem Gegengedicht: „Advent, Advent, ein Nazi brennt“.

Interaktion durchbrochen

Neumann: „Dann ist die Interaktion durchbrochen, die Gegenseite ist perplex.“ Ziel sollte sein, zu zeigen, dass man den Rechten den öffentlichen Raum nicht überlässt. Droht eine Situation, gefährlich zu werden, sollte man Ruhe bewahren, für Aufmerksamkeit sorgen, sich Helfer suchen. „Es kann besser sein, „Feuer!“ zu rufen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, als etwa ,Hallo Rechter!‘“, erklärt Neumann. Sein Tipp: „Nicht den Helden spielen, aber zu seinen Überzeugungen stehen“.

Bilder

Anlass für den Workshop war die Neuauflage der „Aktion Noteingang“ in der Altmark und im Wendland. Mit einem auffälligen Aufkleber an der Ladentür signalisiert der Inhaber, dass er Opfern von gewalttätigen, antisemitischen, rassistischen oder diskriminierenden Angriffen Schutz gewährt. „Der Aufkleber signalisiert Bereitschaft zur Hilfe. So wird Sensibilität gegen Gewalt entwickelt, Solidarität mit den Betroffenen gezeigt und Unterstützung für mögliche Opfer geschaffen“, so Neumann. „Es ist eine symbolische Aktion – im weitgehend flüchtlingsfreundlichen Wendland momentan nicht so nötig wie anderswo, aber schon den Aufkleber in seinem Geschäft anzubringen ist ein Akt der Zivilcourage“, lobt der Friedensaktivist. 50 Geschäfte in den größeren Städten im Wendland haben sofort mitgemacht.

Aufkleber in Salzwedel

Auch in Salzwedel habe die Initiative sehr positive Erfahrungen gemacht, freut sich der Kurve-Geschäftsführer. Und für die Menschen, die sich nicht gleich trauen, den Aufkleber anzubringen, und erstmal Handlungssicherheit für den Ernstfall trainieren wollen, wird im April 2016 der nächste Workshop angeboten.

Neumann: „Die häufigste und wichtigste Form unseres Arbeitens nennen wir Training: gewaltfreies Handeln trainieren, Selbstsicherheit und Entschlossenheit üben, Verantwortung und Courage ausprobieren, Angst- und Aggressionssituationen durchspielen. Ein Training ist Experimentierfläche, um sich in gewaltfreiem Handeln zu üben und in geschütztem Rahmen Ungewohntes und Neues auszuprobieren.“

„Wir sind erst am Anfang. Wir planen noch zahlreiche weitere Geschäfte und Gaststätten anzusprechen. Gerne können sich weitere Interessierte auch direkt bei uns per Email melden, wenn sie einen Aufkleber an ihre Tür oder Fenster kleben möchten,“ berichtet einer der Aktiven.

Auch die Leitungen der Flüchtlingsunterkünfte in der Region wurden über die Aktion informiert und gebeten, den Geflüchteten davon zu berichten. Der Aufkleber informiert in sechs Sprachen: „Wir bieten Schutz in Bedrohungs- und Gewaltsituationen.“ Mit einem Faltblatt zur Aktion Noteingang will das Bündnis gegen Rechts über Rassismus aufklären und auf Alltagsrassismus hinweisen.

eMail: info@kurvewustrow.org