Calbe l Klimawandel hin oder her: Die Chance, dass Andrea Rau im Gegensatz zu hiesigen Breiten weiße Weihnachten erlebt, beträgt 100 Prozent. „Wir haben gerade Hochsommer, die Temperatur liegt derzeit nur knapp unter dem Gefrierpunkt“, sagt die 25-Jährige etwas zeitversetzt über das Telefon. Den antarktischen Winter zwischen März und September hat sie bereits hinter sich, als Stürme über die Schneefelder des ewiges Eises peitschten und die Sonne über Monate nicht zu sehen war. Das Thermometer zeigte auf minus 43 Grad Celsius. Nachdem Ende Februar die letzten Sommergäste die Station verlassen hatten, ist das Team über Monate in heftigen Stürmen auf sich allein gestellt, um unter extremen Bedingungen die wissenschaftlichen Langzeitmessungen in der Antarktis aufrecht zu erhalten. Als Jüngste des neunköpfigen Überwinterungsteams hat Andrea Rau täglich ein straffes Arbeitspensum. Als Meteorologin ist sie für wissenschaftliche Wetteraufzeichnung zuständig, lässt mehrmals täglich Messballons in den Himmel steigen.

Ihr Arbeitgeber ist das Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), ein Forschungsinstitut in Bremerhaven, benannt nach dem Polarforscher und Geowissenschaftler Alfred Wegener. Es ließ vor sieben Jahren die Neumayer-Station III errichten. Von weitem sieht der Bau auf Stelzen aus, wie ein Skihotel, doch von Luxusleben fehlt jede Spur.

Dennoch zaubert der neu eingetroffene Koch heute Abend ein Drei-Gänge-Menü für die Besatzung. Was genau auf dem Speiseplan steht, ist eine Überraschung. „Wir werden danach zusammensitzen, erzählen und vielleicht auch singen oder etwas spielen“, sagt die gebürtige Calbenserin. Dennoch, etwas Heimweh schwingt in ihrer Stimme mit.

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Wöchtlich nach Hause telefonieren

Wöchentlich telefoniert sie mit ihren Eltern Kerstin und Frank in der Calbenser Feldstraße. Auch durch E-Mails hält sie Kontakt. Ein Fernsehprogramm gibt es nicht, dafür aber eine umfangreiche DVD-Sammlung für die Freizeit. Für ihre Tochter gaben die Raus schon im Sommer ein Weihnachtspaket auf, ohne verderbliche Waren natürlich. „Es wird erst Anfang kommenden Jahres mit dem Forschungsschiff Polarstern ankommen“, sagt die Meteorologin. „Dann wird es eben eine russische Weihnacht zu Hochneujahr“, scherzt sie. Im Februar wird sie ihre Mission auf der Neumayer III beenden.

In Erinnerung werden ihre die eindrucksvollen Polarlichter bleiben, die wie ein leuchtend grüner Schleier am Nachthimmel wabern. „Ich habe mit bloßem Auge klar und deutlich die Milchstraße sehen können. Das bleibt unvergesslich“. Dennoch gibt es auch Situationen, die sie nicht noch einmal erleben möchte. Als sie sich auf der Suche nach einem gelandeten Wetterballon zu Fuß von der Station entfernte, wurde sie plötzlich von einem hereinbrechenden Schneesturm überrascht. „Ich habe die Hand vor Augen nicht mehr gesehen“, erinnert sich Andrea Rau. Doch Dank eines GPS-Gerätes navigierte sie sich wieder zurück. „Das Herz rutscht einem allerdings schon in die Hose“, sagt sie.

Nach einem Jahr am Ende der Welt - würde sie sich wieder dafür entscheiden? „Wenn sich die Möglichkeit bieten würde, dann glaube ich schon“, sagt die junge Frau. Doch erst einmal freut sie sich auf die Rückkehr. „Ich freue mich beispielsweise, Bäume und Gras zu sehen“, sagt Andrea Rau. Und mit ihrem geliebten Mischlingshund Salo in Calbe einen Spaziergang zu unternehmen. Doch zuvor geht es nach Kapstadt an den Strand - Wärme tanken.