Schönebeck l Fragt man afghanische Flüchtlinge in Schönebeck, ob sie den Namen Soniya Frotan schon einmal gehört haben, werden die meisten von ihnen mit einem selbstverständlichen Nicken antworten. Die 37-jährige gebürtige Afghanin Frotan ist ehrenamtlich als Übersetzerin, Netzwerkerin und Deutschlehrerin tätig.

Neben ihren Landsleuten steht sie Asylsuchenden aus Syrien, Irak und anderen Herkunftsländern zur Seite. Etwa beim Übersetzen von Formularen oder bei Behördengängen. „Oft ist es auch nur Alltägliches, bei dem ich helfe“, sagt Frotan. Dass die junge Frau damit untertreibt, bestätigt jeder, der sie einmal in Aktion erlebt hat. Frotan ist die Ansprechpartnerin schlechthin für die afghanische Community in der Region. Wenn afghanische Familien in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) in Halberstadt ankommen, haben sie häufig alles verloren. Doch es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie einen Zettel mit sich führen, auf dem eine deutsche Telefonnummer und der Name „Frotan“ geschrieben stehen.

Mehrere Familien, insgesamt etwa 50 Flüchtlinge, betreue sie momentan intensiv, sagt Frotan. Wenn sie am Vormittag ihre Wohnung in Gommern verlässt und in das Auto steigt, kehrt sie meist nicht vor dem frühen Abend zurück.

„Es macht mich glücklich, wenn ich helfen kann“, sagt Frotan in perfektem Deutsch. Neben ihrer Muttersprache Paschtu spricht sie außerdem Dari („östliches Persisch“, Anm. d. Red.), Urdu (Amtssprache in Pakistan) und Englisch.

Fünf Sprachen fließend

Ihr Sprachtalent ist das Resultat einer Odyssee durch verschiedene Länder, die teilweise auch aufgrund politischer Verfolgung begann. Geboren 1978 in der afghanischen Hauptstadt Kabul, musste ihre Familie 1981 nach Pakistan fliehen. Die Mudschahedin hatten Frotans Onkel getötet, der Vater war politisch aktiv.

1990 zog Frotan mit ihrer Schwester nach Hannover. Zwei ihrer Brüder lebten dort seit einigen Jahren. „Wir hatten den Traum von einer guten Ausbildung und einem angstfreien Leben“, sagt die junge Frau mit dem Kopftuch. Sie machte ihren Realschulabschluss und eine Ausbildung zur Arzthelferin.

1997 folgte sie ihrem Bruder in die USA und studierte am Virginia College. Ihre Ausbildung verdiente sie sich als Verkäuferin, Übersetzerin und Sekretärin. Später arbeitete sie in einer Dialysepraxis. „Das hat mich geprägt“, erinnert sie sich.

Seit 2006 ist Frotan amerikanische Staatsbürgerin. Einen unterschriftsreifen Vetrag bei der National Security Agency (NSA) verschmähte sie, weil es hieß, sie könne nie in ihre afghanische Heimat zurückkehren. „Heute bin ich froh über diese Entscheidung. Freiheit ist für mich das höchste Gut“, sagt die Übersetzerin lächelnd. Ihr großer Traum war zu dieser Zeit die Eröffnung eines Waisenhauses in ihrem Heimatland. Die Finanzierung misslang, weil sie sich bei der Organisation eines Wohltätigkeitskonzertes finanziell übernahm. Seit 2011 ist sie mit ihrem afghanischen Ehemann wieder in Deutschland, zunächst in Frankfurt am Main, mittlerweile in Gommern, wo beide mit ihren zwei Kindern leben.

Dort anzutreffen ist sie freilich selten, denn Soniya Frotan hat viel zu tun. Besonders am Herzen liegen ihr die afghanischen Frauen. Viele von ihnen sind allein nach Deutschland gekommen, weil ihre Männer im Krieg gegen die Taliban ihr Leben verloren haben.

Deshalb möchte Frotan ihnen eine Veranstaltung zum „Fest des Fastenbrechens“ im Juli widmen. Dafür sucht sie Träger oder Institutionen, die sie unterstützen. Denn Frotan, die bei der St. Johannis gGmbH - die ein Büro beim Verein Kaleb in Schönebeck unterhält - als Übersetzerin beschäftigt ist, hilft ansonsten beinahe immer unentgeltlich.

Möchten Sie Soniya Frotan unterstützen? Kontakt: sonifrotan@yahoo.com