Schönebeck l Wie es wohl geschmeckt hat, das Schönebecker Bier im Jahre 1810? In jenem Jahr, als der Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer verraten, verhaftet und erschossen wurde... In jenem Jahr, als der Grünewalder Kaufmann Ludwig August Wilhelm Allendorff das Eckgrundstück Steinstraße/Broyhangasse 27 kaufte und hier die erste große Schönebecker Brauerei gründete.

Andreas Hofer hat durchaus etwas mit Schönebeck zu tun, denn sowohl in Tirol als auch in Preußen galt das Wort des Franzosenkaisers Napoleon Bonaparte. Freilich kam Allendorff die französische Fremdherrschaft auch zugute. Es herrschte Gewerbefreiheit. Allendorff nutzte sie. Nach und nach biss er alle anderen Schönebecker Bierbrauer weg. Das waren zumeist Ein-Mann-Betriebe, die ihren Gerstensaft in kleinen Mengen herstellten. Die Kunden kamen mit Behältern, um das Bier abzufüllen. Es dürfte ordentlich geschäumt haben. Allendorff sorgte dafür, dass die Braugerechtigkeit ihm zustand, ihm allein. Erst 1831 erfolgte der Eintrag der Firma in das Handelsregister im neu gegründeten Schönebecker Amtsgericht.

Die beiden Söhne von Ludwig August Wilhelm, Wilhelm und August (es gibt unterschiedliche Namensangaben in den zur Verfügung stehenden Quellen) erbauen nach dem Tod des Vaters 1841 eine neue, noch größere Brauerei an der Steinstraße, 1844 folgt eine Schnapsfabrik. 1854 brennen Brauerei und Schnapsfabrik ab, werden aber ein Jahr später wieder aufgebaut. Doch der Platz reicht nicht aus, um zu expandieren. 1866 bereiten die Brüder den Bau einer viel größeren Brauerei auf dem Hummelberg vor.

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Brauereifamilie in Finanznot

Wilhelm hat wiederum zwei Söhne: den 1838 geborenen Paul Martin Friedrich und den 1841 geborenen Otto Moritz. Beide verwirklichen die Brauereipläne auf dem Hummelberg 1872 vollends und nennen den Betrieb „Kaiserbrauerei“, denn ein Jahr zuvor ist der preußische König zum deutschen Kaiser gekrönt worden. In Frankreich. Preußen hatte einen Krieg gewonnen gegen den Nachbarn im Westen. Dieses geschichtliche Ereignis wird den Allendorffs erneut in die Karten spielen. Frankreich muss hohe Wiedergutmachung zahlen. Die Reparationszahlungen werden „Goldstrom“ genannt. Deutschland erlebt die später ge- und berühmte Gründerzeit. Da lässt es sich gut leben - und auch großzügig sein. Otto Moritz gründet 1905 eine Stiftung und unterstützt Waisenhäuser, auch den Erhalt der Kirchen in Salze und Frohse.

In der Familiendynastie folgen die Brüder Otto August Wilhelm und Willy. Wir befinden uns bereits im 20. Jahrhundert. Otto lässt sich scheiden und gerät in finanzielle Schieflage. 1922 stirbt er. Willy, der Übriggebliebene, scheint völlig überfordert zu sein mit der Betriebsführung des Familienunternehmens. Zeitzeugen berichten, wie er in seinem Büro hinter einem Berg von Akten saß, der irgendwie nicht weniger wurde.

Erhöhung der Biersteuer

In den Unterlagen des Salzlandmuseums befindet sich der Bericht eines „Arbeiterveterans“, wie sich der Verfasser, ohne seinen Namen zu nennen, selbst bezeichnet. Er habe 40 Jahre in der Brauerei gearbeitet, schildert der Mann. Er berichtet unter anderem von den beiden Gewerkschaften „Brauer-Bund“ und „Freie Gewerkschaft“, die damals eine Rolle spielten. Durch den Brauer-Bund sei zu erkennen gewesen, „dass seitens des Unternehmens eine systematische Spaltung in die Arbeitnehmerschaft hineingetragen wurde“. Die Arbeitszeit habe bei zehn Stunden täglich gelegen, von 6 bis 18 Uhr, der Wochenlohn für Gelernte lag bei 28, für Ungelernte bei 22 Mark.

Der Schreiber berichtet von der Erhöhung der Biersteuer 1906 und 1909 und ist überzeugt, dass hier bereits eine Finanzierung für den Ersten Weltkrieg erfolgte. Der „Arbeiterveteran“ dürfte der Kommunistischen Partei angehört oder ihr nahe gestanden haben. Er schreibt: „Die paar Mitglieder der KPD wurden durch den SPD-dominierten Betriebsrat nach dem Ersten Weltkrieg beiseite geschoben.“

Es existieren auch Aufzeichnungen von einem zweiten Zeitzeugen, der mit den Allendorffs besonders kritisch ins Gericht geht. Er heißt Ernst Schmalfuß, geboren am 2. Juni 1880 in Schönebeck, beschäftigt in der Brauerei als Kupferschmied. Seinen Ausführungen nach habe es 1810, im Jahr der Gründung des Allendorff-Betriebes, drei Brauereien im Bereich Schönebeck gegeben: Bubarsch im Elbtor, Quetschen in Groß Salze und Allendorff. Das Gebräu aus der Steinstraße sei als „Gose“ verkauft worden.

Kaum Brauerei-Überbleibsel nach 1945

Was nun die Allendorffs zu seinen Lebzeiten angeht, lässt Schmalfuß kein gutes Haar an seinen Arbeitgebern. „In der Ausbeutung der Menschen unterschieden sie sich in nichts von ihren Klassengenossen“, merkt er an. 1906 habe in der Brauerei noch kein Tarif bestanden, erst 1912. Es habe lange gedauert, bis ein automatisierter Flaschenbefüller oder eine Faßreinigungsmaschine in die Fabrik gekommen seien. Die Allendorffs hätten nicht nur die Arbeiter ausgebeutet, sondern auch Geschäftsleute und Fabrikanten. Der jüngste Allendorff, „Willy der Kahle“, habe gesagt: „Mit gutem Werkzeug arbeiten, ist keine Kunst.“

Schmalfuß erinnert an den Gärkellerboden, „wo alles aufbewahrt wurde, was gepfändet war“. Ausstattungen von Kneipen und Wohnungen. Vieles sei durch Ratten- oder Mäusefraß oder auch durch Nässe unbrauchbar geworden.

Dass in seinen Worten eine gewisse Missgunst mitschwingt, könnte in folgender Formulierung deutlich werden: „Bei einer Trauerfeier bezeichnete ein Pfaffe Allendorff als den ‚Großen vom Hummelberg‘.“ Erwähnt wird durch ihn auch ein Braumeister namens Kluge, ein Mann mit 2,5 Zentner Lebensgewicht, der gerne herumposaunt hätte: „Es gibt nur einen Meister. Der bin ich.“ Wer aus der Belegschaft Widerspruch wagte, habe seine Papiere bekommen. Schmalfuß schreibt weiter: „Der Demokrat Dr. Hoffmann kam nach dem 1. Weltkrieg. Er war ein Scharfmacher, Befehlsempfänger Hitlers, der bei kleinen Verstößen gleich mit Strafen oder Entlassung zur Hand war.“ Dann ist noch die Rede von einem gewissen Niesewand. Der sei ganz groß gewesen im Geldausgeben.

Nach 1945 sei nicht viel übrig geblieben vom Betrieb. „Wir haben es aber trotzdem fertiggebracht, ohne eine Kühlanlage Bier zu brauen. Ein Fachmann kann das beurteilen. gez. Schmalfuß.“

Wirtschaftskrise trifft Brauerei

Ob die harsche Kritik an den Arbeitgebern Allendorff gerechtfertigt ist, ist schwer zu beurteilen. Nach dem Zweiten Weltkrieg galten nach Lesart der neuen Machthaber quasi alle Unternehmer als böse Ausbeuter. Es darf aber festgehalten werden, dass die Allendorffs ein kleines Firmenimperium führten und trotz nachweisbarem sozialen Engagements einfach auch Kinder ihrer Zeit waren: einer kapitalistischen Zeit mit zum Teil menschenverachtenden Ausprägungen. Und irgendwoher mussten die rund zwölf Millionen Goldmark ja kommen, mit denen die Besitzungen der Allendorffs, zu denen neben der Brauerei weitere Fabriken gehörten, 1924 taxiert wurden.

Noch einmal ein Blick in die 1920er Jahre. Die Weltwirtschaftskrise trifft auch die Schönebecker Brauerei schwer. 1927 scheiden die Inhaber aus der Geschäftsführung aus. Damit dürfte Willy Allendorff gemeint sein und wahrscheinlich Verwandte von ihm. Der Umsatz ist rückläufig. Die Brauerei mit ihren etwa 140 Mitarbeitern steht kurz vor der Liquidierung. Während des Zweiten Weltkrieges halten Fremdarbeiter und Kriegsgefangene die Produktion aufrecht. Teile des Betriebes werden für die Lagerung von Heeresgut verwendet. Fliegerbomben treffen den Betrieb und richten schweren Schaden an. Sämtliche Geschäftsunterlagen gehen in Flammen auf.

1946 folgt die Enteignung. Da ist Willy Allendorff, mit 450.000 Mark hoch verschuldet, schon im Westen. Seine modern veranlagte, lebensoffene und in den USA lebende Tochter Roseannelie (sie heiratete den Sohn des amerikanischen Ölmagnaten John Leverett) wird von der Stadtbank Magdeburg um Begleichung der Summe in die Pflicht genommen. Ihr Mann zeigt dem Bankhaus die kalte Schulter.

Bierproduktion wird 1992 eingestellt

Nach dem Zweiten Weltkrieg findet sich ein Zeitzeuge, der in seinen Aufzeichnungen von einem „schlechten Erbe“ spricht, einer Brauerei mit veralteten Produktionsstätten. Durch Zusatz von Molke wird am Hummelberg ein Getränk hergestellt, das im eigentlichen Sinne kein Bier ist, „Schummi“ wird es genannt, es hat nur wenig Alkohol. Die Malzproduktion kann 1946 aufgrund der Bombenschäden noch nicht wieder aufgenommen werden.

In dem nunmehr volkseigenen Betrieb werden von 1954 bis 1958 rund 1,5 Millionen Mark investiert. Der Jahresausstoß liegt bei 100.000 Hektoliter Bier. Nach der Wende will Fußballidol Uwe Seeler am Hummelberg ein großes Einkaufszentrum errichten lassen. Aus den Plänen wird nichts. Die Bierproduktion wird 1992 eingestellt. Die Brauereianlagen werden abgerissen.

Fazit: Die Recherche zum Schönebecker Bier führt vorrangig zur Allendorffschen Brauerei, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu den größten in der Region gehörte. Aufzeichnungen über die anderen Bier produzierenden Betriebe scheinen nicht angefertigt oder nicht erhalten zu sein. Wie das Bier 1810 in Schönebeck geschmeckt hat? Wahrscheinlich gut.

Mit freundlicher Hilfe durch Salzlandmuseum und Stadtarchiv Schönebeck.