Ehrengräber

82-Jähriger macht der Barbyer Verwaltung vor, wie es gehen kann

Die Stadt Barby will endlich den Status von Ehrengrabstellen in der Einheitsgemeinde praktisch umsetzen. Bisher existierte der Punkt nur weitestgehend theoretisch in der Friedhofssatzung. Ein 82-Jähriger machte der Verwaltung jetzt vor, wie es gehen kann.

Von Thomas Linßner
Das Grab von Karl Höse wurde freigeschnitten, die Grablpatte gesäubert. Die Grabstelle war jahrelang nicht mehr zu finden, weil extrem zugewuchert.
Das Grab von Karl Höse wurde freigeschnitten, die Grablpatte gesäubert. Die Grabstelle war jahrelang nicht mehr zu finden, weil extrem zugewuchert. Foto: Thomas Linßner

Barby - Im Mai wurde der Zustand des Grabes von Karl Höse in der Volksstimme kritisiert, das sich auf dem Barbyer Friedhof befindet. Anlass war ein Vergleich: Stellte der damalige SED-Bürgermeister 1968 einem kaiserlichen Lehrer zu dessen 100. Geburtstag eine Blumenschale aufs Grab, ignorierte die Nachwende-Verwaltung die Grabstelle.

Der gebürtige Sachse Höse war Lehrer in der Elbestadt. Herausragend war die Erarbeitung der Barbyer Chronik von 1901, die 1913 in aktualisierter Form erschien und unbeachtete und unentdeckte Quellen und Fakten der 1000-jährigen Geschichte behandelt. Darauf bauen bis heute zahlreiche lokalgeschichtliche Arbeiten wie auch die Chronik von Engelmann/Ulrich auf, die 2008 erschien.

Die Stadt Barby hat also allen Grund, Karl Höse (1868 bis 1946) nicht zu vergessen. Tut sie aber.

Weil die Liegezeit seiner Grabstelle abgelaufen war und es in der Verwaltung niemanden interessierte, welche Verdienste Karl Höse besitzt, sollte sie eingeebnet werden. Dagegen machte sich Anfang der 1990er Jahre der Barbyer und damalige Direktor des Kreismuseums, Günter Zenker, stark. Er bewirkte, dass die Grabstelle erhalten bleibt und organisierte eine Gedenkplatte aus Kupfer, die der renommierte Gestalter Otto Plönnies fertigte. So weit, so gut.

Doch die Friedhofsverwaltung verlor die Grabstelle aus den Augen, die verwilderte. Nachdem dieser Zustand von der Volksstimme Mitte Mai aufgegriffen wurde, bestand die Hoffnung, dass die Stadt Flexibilität beweist. Doch nichts geschah. Das wurmte nicht zuletzt Rüdiger Uhlmann (82), der in der Lapidarium-Gruppe des Barbyer Kirchbauvereins mitarbeitet. Uhlmann hatte den Aufbau dieser Steinesammlung 2013 initiiert, die durch den Verein ständig erweitert und gepflegt wird.

Weil die Stadt nicht in der Lage war, Karl Höses Grab in einen halbwegs vorzeigbaren Zustand zu versetzen, befreite es der 82-Jährige von den Überwucherungen, deren Äste fast Armdicke erreicht hatten. Zudem polierte er die Kupferplatte.

Diese Geschichte wirft die Frage auf, wie die Stadt Barby mit Ehrengrabstellen und zeitgeschichtlich wertvollen Gräbern umgeht. Der Paragraf 21 der Friedhofssatzung sichert zu, „vorhandene Kriegs- und Ehrengräber“ würdevoll zu pflegen. Doch was sind Ehrengräber? Gibt es überhaupt welche? Wenn ja, müssten sie mit einem Hinweisschild gekennzeichnet sein. Ein solches findet man allerdings in der gesamten Einheitsgemeinde nicht.

Papiertiger-Dasein

Hauptamtsleiterin Karin Knopf räumt ein, dass man das Höse-Grab aus den Augen verloren habe. „Wir können aber auch nicht einfach Hand an Gräber legen, wo wir nicht nutzungsberechtigt sind“, sagt Knopf. Erst wenn der „Bestattungspflichtige“, also der Inhaber dieses Nutzungsrechtes mitteilt, dass er die Grabstelle aufgebe, trete die Stadt in Erscheinung. Freilich nur bei historisch bemerkenswerten Grabstellen. Deswegen muss der Ehrengrab-Paragraf 21 aus seinem Papiertigerdasein heraus geholt werden.

Dennoch bewirkte die Kritik vor zwei Monaten, dass potenzielle Ehrengrabstellen jetzt erfasst werden. Aktuell ist die regionale Fachkompetenz der Ortsbürgermeister und Ortschaftsräte gefragt. Die Ortsbürgermeister wurden von der Stadt Barby gebeten, ihre Friedhöfe unter die Lupe zu nehmen und entsprechende Grabstellen aufzulisten. Die Steine sollen zudem durch Fotos dokumentiert und von der Stadt zukünftig erfasst werden. Damit will man das unästhetische und überflüssige „Abräumen“ von Friedhöfen einschränken, wie es in der vergangenen Zeit vorkam.

Laut Karin Knopf habe ein Teil der Ortsbürgermeister bereits seine Schularbeiten gemacht. Im Ortsteil Barby gingen Christina Roeder (Lapidarium), Ortsbürgermeister Jens Strube und Matthias Hilbig (Kirchbauverein) über den Friedhof. Dabei wurden rund 100 Grabstellen aufgelistet. Laut Karin Knopf könne diese Anzahl von der Stadt pflegetechnisch allerdings „nicht gestemmt“ werden. Dennoch habe die Liste Substanz. Der Ortschaftsrat wird sich in seiner Sitzung am 19. August damit beschäftigen. Auch in allen anderen Ortsteilen sollen derartige Auflistungen diskutiert werden. Matthias Hilbig hatte sich für diese Entwicklung seit Jahren stark gemacht. Bislang allerdings ohne Erfolg.

In diesem Zusammenhang sei auf eine Oberflächlichkeit der Verwaltung hingewiesen, die alles andere als bürgerfreundlich ist. Rüdiger Uhlmann musste sich sehr konzentrieren, als er die Grabstelle seiner Eltern verlängern und bezahlen wollte. Denn die 22-stellige IBAN-Nummer auf dem amtlichen Schreiben der Stadtverwaltung kennt keine Zwischenräume.

Hohe Konzentration ist beim Abschreiben der IBAN-Nummer  von einigen städtischen Briefbögen erforderlich. Man muss sich Hilfsstriche setzen.
Hohe Konzentration ist beim Abschreiben der IBAN-Nummer von einigen städtischen Briefbögen erforderlich. Man muss sich Hilfsstriche setzen.
Foto: Thomas Linßner
Rüdiger
Uhlmann
Rüdiger Uhlmann
Foto: Thomas Linßner
Karin
Knopf
Karin Knopf
Foto: Thomas Linßner