Schönebeck l Nach dem Sommer 2018 mit seinen durchweg trockenen Monaten fällt es schwer, sich an die nassen Jahre 2002 bis 2011 zu erinnern. Doch die Felgeleber und Bad Salzelmener, die fast dauerhaft nasse Keller hatten und teilweise ihre Heizungen höher lagern mussten, werde diese Zeit nicht vergessen haben.

Das Vernässungsproblem ist seinerzeit erkannt und die Region Schönebeck als Pilotprojekt in Sachsen-Anhalt benannt worden. Durch einen verrohrten Abfanggraben entlang der Bundesstraße 246a sollen Kapazitäten zum Ableiten von Oberflächen- und Grundwasser der Region geschaffen werden. Sozusagen als Vorfluter, um den Randel- und Sol-graben zu entlasten und das Wasser, das in die Stadt weiterfließen würde, abzufangen.

Zu diesem Vorhaben Abfanggraben wird es nun einen Sonderstadtrat geben. Denn nach einer Grobschätzung der Gesamtkosten von 4,745 Millionen Euro aus den Jahr 2016 liegt nun eine aktuelle Feinplanung vor: 11,559 Millionen Euro. Die Maßnahme wird zu 85 Prozent gefördert. „Das Land strebt an, ausreichend Fördermittel bereit zu stellen“, teilt Jenny Schwarz, Sprecherin im Landesumweltministerium, mit.

1 Million Euro mehr

Mit der Steigerung der Gesamtkosten steigt auch der Eigenanteil der Stadt Schönebeck von 390.000 Euro auf 1,412 Millionen Euro. Der Anteil der bevorteilten Gemeinden Barby und Bördeland bleibt gleich, als Pauschalbetrag sind einst 321.000 Euro vereinbart worden.

Nun ist die Frage, ob sich die Stadt den Abfanggraben auch zu dieser Summe leisten kann und will. Die Kassen sind klamm, Schönebeck in der Konsolidierung. Eine Anfrage im Ministerium, ob das Land aufgrund der finanziellen Situation der Kommune auch den Komplementäranteil von 15 Prozent übernehmen könnte, ist abschlägig beantwortet worden. Denn dabei würde es sich um eine freiwillige Aufgabe handeln, bei der die Stadt aber unabweisbar dringenden Handlungsbedarf sieht. Kurzum: Schönebeck muss schauen, woher sie die Mehrkosten von gut einer Million Euro nimmt. Zu den für 2021 eingestellten Mitteln würde sich ein zusätzlicher Investitionsbedarf von rund 580.000 Euro ergeben. Wenn die Stadt denn weiterhin zum Projekt steht ...

Ab wann Preis unmoralisch?

Darüber sollen nun die Stadträte entscheiden. „Ich alleine will und kann die Entscheidung nicht treffen“, betont Oberbürgermeister Bert Knoblauch (CDU). „Ich persönlich bin kein Betroffener. Momentan haben wir Friedenszeiten. Aber mir stehen die Betroffenen, wenn dann wieder nasse Jahre kommen sollten, mit Gummistiefel und Schöpfeimer gegenüber und fragen mich, warum wir nichts gemacht haben?“ Wenn es finanziell möglich ist, dann würde er sich für eine Realisierung des Abfanggrabens aussprechen, sagt der Stadtchef auf Nachfrage der Volksstimme. Er gibt aber zu: „Es ist schwierig. Die Frage ist tatsächlich, ab wann der Preis unmoralisch wird.“ Erklären könne er sich die Kostenexplosion nicht wirklich. Und durch das Ausschreibungsverfahren seien weitere zukünftige Kostensteigerungen nicht auszuschließen. Deshalb sei ihm eine breite öffentliche Diskussion wichtig.

Ihm sei bewusst, dass jetzt alles ziemlich schnell gehe. Doch er sei erst jetzt mit den Zahlen konfrontiert beziehungsweise über diese auf Nachfrage bei der Teilnehmergemeinschaft (TG) informiert worden. Da der Abfanggraben auf Grundlage des Flurneuordnungsverfahrens B 246a umgesetzt wird, ist die TG, welche sich bei diesem Projekt aus rund 800 land- und forstwirtschaftlichen Grundbesitzern zusammensetzt, Träger der Maßnahme.

Komplexere Anforderungen

Joachim Hartmann, Geschäftsführer des Verbandes der TG Sachsen-Anhalt (VTG) mit Sitz in Schönebeck, auf die enorm gestiegenen Kosten angesprochen, verweist auf die verschiedenen Planungsphasen. Anfangs habe es nur eine einfache Grobschätzung gegeben. Nun sei eine sehr genaue Detailplanung erfolgt. Ihm ist klar, dass man sich nun über eine andere Größenordnung unterhält und schauen muss, wie man es finanziert bekommt. Da spiele natürlich der Boom der Baubranche mit hinein. „Die Nachfrage bestimmt den Preis“, so Hartmanns Erfahrung. Darauf weist auch Ministeriumssprecherin Jenny Schwarz hin: „Erst die konkreten Ausführungsplanungen führen zu belastbareren Zahlen für die Projektkosten. Im konkreten Fall haben sich die Anforderungen an die technische Ausführung als komplexer erwiesen als ursprünglich angenommen. Hinzu kommen die bekannten Steigerungen auf Grund der Baupreisentwicklungen.“

Die Zeit drängt jetzt – eine Entscheidung soll bereits beim extra dazu einberufenen Sonderstadtrat am Montag, 4. März, erfolgen. Nachdem die Feinplanung vorliegt, könnten nun die Archäologen von März bis Oktober die Fläche untersuchen. Finden sie nichts Außergewöhnliches, kann es an die Umsetzung gehen. Und müsste es auch. Denn die Zustimmung von Seiten der Bahn zur Kreuzung der Bahnlinie Magdeburg-Leipzig erlischt Anfang 2020 und müsste neu beantragt werden. „Alleine für diese Genehmigung hat man mehr als ein Jahr gebraucht“, merkt Bert Knoblauch an. Dazu komme, dass weitere Unterlagen aktualisiert werden müssten.

Abfanggraben drainiert nicht

Der Stadtchef betont immer wieder, dass allen bewusst sein soll, dass der Abfanggraben nicht drainiert, sondern eine Vorflut ist. Eine Drainage, um dem Problem des zu hohen Grundwassers in den Hauskellern Herr zu werden, müsste extra noch gelegt werden. Aber mit dem Anfanggraben sei die Voraussetzungen dafür geschaffen, schneller handeln zu können – wenn der Bedarf da ist und es finanziell möglich ist.