Bürgermeister Dieter Tischmeyer über das Problem der Vernässung im Stadtgebiet und mögliche Lösungsansätze:

"Ableitung von Drängwasser zum AZV würde Bürger zu viel kosten"

Von Andreas Pinkert

Die Rolandstadt hat im Kampf gegen das Grund- und Drängwasserproblem ein spezialisiertes Ingenieurbüro beauftragt, das Kosten für verschiedene Hilfsmaßnahmen ermittelt, zu denen sich der Stadtrat in Kürze positioniert. Fest steht schon jetzt: Oberflächen- und Drängwasser über das Mischwasserkanalnetz des Abwasserzweckverbandes (AZV) "Saalemündung" abzuleiten, das letztlich in der Kläranlage mündet, ist keine geeignete Variante.

Calbe. Zum Jahresanfang kam Calbes interne Arbeitsgruppe zusammen, an der neben einigen Betroffenen auch die untere Wasserbehörde des Salzlandkreises, der Abwasserzweckverband (AZV), der Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW), das Landesverwaltungsamt sowie Vertreter der Verwaltung und des Stadtrates teilnahmen. Einigkeit herrschte darüber, dass ein Ingenieurbüro für Siedlungswasserwirtschaft beauftragt werden sollte, um der Vernässungsproblematik auf den Grund zu gehen.

"Im Ergebnis erster ingenieurtechnischer Beratungen und der vorliegenden Informationen gibt es zwei Probleme, die miteinander verflochten sind. Gelöst werden müssen sie auf unterschiedliche Weise", gibt Bürgermeister Dieter Tischmeyer einen aktuellen Zwischenstand. Das eigentliche Grund- und Drängwasserproblem sei großflächig angelegt und betreffe bekanntlich nicht nur Calbe. Dieses Problem könne deshalb auch nur gemeinsam mit den anderen betroffenen Gemeinden, Anliegern, dem Landkreis und dem Land gelöst werden.

"Daneben ist aber auch die Abwasserableitung der Stadt massiv betroffen", erklärt Tischmeyer weiter. Die Einleitung von Oberflächen- und Drängwasser von unbefestigten Flächen außerhalb des Siedlungsgebietes ins Mischwasserkanalnetz sei nicht sinnvoll und belaste zusätzlich den AZV. "Es würde letztendlich zu erhöhten Aufwendungen führen, die dann auf die Bürger umgelegt werden müssten", sagt Tischmeyer.

Zur Ableitung des Drängwassers aus den betroffenen Gebieten wäre eigentlich ein funktionierendes Grabensystem mit einem leistungsfähigen Schöpfwerk notwendig.

Drängwasser separat zum Mühlgraben leiten

"Wir werden möglicherweise nicht umhin kommen, den derzeit an das Mischwassernetz angeschlossenen Graben abzutrennen und separat zum Mühlgraben abzuleiten. Hierzu sind im Vorfeld entsprechende Untersuchungen notwendig", so das Stadtoberhaupt. Bereits im Jahr 2000 wurde eine Studie zur Regenwasserentlastung der Mischwasserkanalisation durchgeführt, die nun präzisiert werden müsse. In der damaligen Studie war die Ableitung von Regenwasser aus drei Teilgebieten über einen Regenwasserkanal in der Salzer Straße vorgesehen. Dabei handelte es sich um die Teilgebiete "Am Hänsgenhoch", Am Rodweg" und die "westliche Magdeburger Straße". In der neuen Untersuchung habe die Ableitung des Teilgebietes "Am Hänsgenhoch" mit dem am Jahresanfang plötzlich auftauchenden Grund- und Drängwasser eine höhere Priorität erhalten.

Daher sei es dringend notwendig, Grundlagendaten zur mittel- und langfristigen Beseitigung der Vernässung zu ermitteln. Dazu wurde durch das Ingenieurbüro ein Kostenangebot erarbeitet, welches der Stadt neben den Kosten für Planungsleistungen auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigen soll. "Diese Daten in Verbindung mit einem Lösungsansatz und dem festgestellten Kostenrahmen sollen als Voraussetzung zur Fördermittelbeantragung beim Land dienen. Hierzu wird sich der Stadtrat in Kürze positionieren", kündigt Tischmeyer an.

Nach seinen Worten binden in den nächsten Wochen die Landkreise die Kommunen in die Erarbeitung eines konkreten Maßnahmeplanes ein. Im August werden dann Einzelberatungen mit den Gemeinden innerhalb der Flussbereiche (Calbe, Barby, Schönebeck, Bördeland) durchgeführt, wo ein konkreter Maßnahmekatalog erarbeitet und dann dem Landtag übergeben werden soll.

Tischmeyer sieht auch das Land in der Pflicht

"Das Problem ist, dass bis jetzt noch keine konkreten Fördermittelprogramme beim Land beschlossen wurden", sagt Tischmeyer skeptisch. Es sei zu befürchten, dass die Stadt im kommenden Winter wieder vor den gleichen Problemen stehen werde, falls sich eine ähnliche Situation wie zum Jahreswechsel einstelle. "Wie erklären wir das unseren Bürgern, dass wir uns zwar um Lösungsansätze bemüht haben und möglicherweise auch gangbare, langfristige Wege aufzeigen können, aber die Finanzierungsgrundlage noch ungeklärt ist?", fragt das Stadtoberhaupt in Richtung Landeshauptstadt. Zudem seien die Zuständigkeiten nicht in jedem Fall eindeutig geklärt. Die Probleme der Vernässung durch steigende Grundwasserpegel und Oberflächen- oder Drängwasser seien nicht mehr nur eine Aufgabe der Grundstückseigentümer und der betroffenen Städte und Gemeinden, sondern auch eine Pflichtaufgabe Sachsen-Anhalts.

"Deshalb ist eine kurzfristige Bereitstellung finanzieller Mittel für die Umsetzung geeigneter Maßnahmen unabdingbar", fordert Tischmeyer und ergänzt: "Wir werden unsere interne Arbeitsgruppe der Stadt noch im Herbst einberufen und über den aktuellen Stand und mögliche Ergebnisse des Ingenieurbüros berichten sowie gemeinschaftlich überlegen, welche Maßnahmen eingeleitet werden können, um die Situation ¿Am Hänsgenhoch\' nicht wieder eskalieren zu lassen."