Schönebeck | Das Zauberwort heißt „PhosForce“. Es ist im Grunde die Reaktion des Umweltdienstleisters Veolia, dem Mutterhaus der Oewa Wasser und Abwasser GmbH, auf die neuen gesetzlichen Bestimmungen. Der Grund: Ab dem Jahr 2032 müssen Kläranlagen mit einer Kapazität von mehr als 50.000 Einwohnerwerten – und dazu gehört die in Schönebeck mit 90.000 – verpflichtend Phosphor aus dem Abwasser extrahieren. Größere Kläranlagen ab 100.000 Einwohnerwerte müssen dies bereits ab dem Jahr 2029 nachweisen, teilt Oewa-Pressesprecherin Tina Stroisch auf Anfrage der Volksstimme.

Vorreiter bei Technologie

„Wir sind mit unserer Technologie nicht nur früh am Start, es ist in technischer Hinsicht auch ein relativ einfaches Verfahren und dazu kostengünstig, was die Stadt als unseren Partner in der Abwasserentsorgung für Schönebeck und einige Umland-Landgemeinden freuen wird“, sagt Sebastian Lösch, der zuständige Niederlassungsleiter der Oewa, dem langjährigen Abwasserdienstleister der Stadt Schönebeck.

Er erklärt das Verfahren: Wird der Rohstoff aus dem Klärschlamm gewonnen, liegt die vorgeschriebene Rückgewinnungsquote bei 50 Prozent. Oder aber der Entsorger orientiert sich an der verbliebenen Phosphorkonzentration im getrockneten Klärschlamm, die dann 20 Gramm je Kilogramm Schlamm nicht überschreiten darf. Der Gesetzgeber will auf diese Weise zukünftig verhindern, dass Phosphor als wichtiger Pflanzendünger einfach entsorgt wird und darüber verloren geht. Sebastian Lösch: „Unser Ziel ist es, die PhosForce-Pilotanlage in Schönebeck mit Unterstützung unserer Spezialisten aus dem Veolia-Unternehmensverbund derart zu optimieren, dass wir ab 2019 bis zu 70 Prozent des im ungetrockneten Klärschlamm enthaltenen Phosphors extrahieren können.“

Aber wie funktioniert der Prozess? „Einfach ausgedrückt, durch eine Veränderung des pH-Wertes in den sauren Bereich“, schildert Oewa-Mitarbeiter Mike Dragon. „Wir versetzen den bei der Abwasserreinigung anfallenden Klärschlamm mit wenigen Chemikalien, die den pH-Wert auf 5,5 bis maximal 4 herabsetzen. Dadurch können wir Phosphor aus dem Schlamm herauslösen und zwar schon binnen weniger Tage.“ Ein Großteil, erklärt er weiter, sei in gelöster Form im Filtrat enthalten, nachdem der Klärschlamm entwässert wurde. In einer speziellen Anlage könnten daraufhin die Phosphationen herausgefiltert werden.

Die Landwirtschaft ist beim Düngen ihrer Felder auf Phosphor angewiesen. Doch in Deutschland reichen die Vorkommen bei weitem nicht aus, der Rohstoff muss importiert werden. Deshalb reagierte der Gesetzgeber, nachdem die Problematik fast zehn Jahre diskutiert worden war, mit der novellierten Klärschlammverordnung. „Dort ist auch verankert, das phosphorhaltige Klärschlämme nach der Übergangsfrist nur noch in Monoverbrennungsanlagen verwertet werden dürfen. Der Hintergrund ist, dass man Phosphor ebenso aus der Klärschlammasche gewinnen könnte, also nach einer Verbrennung. Aber das ist nicht mehr möglich, wenn der Klärschlamm mit anderen Abfällen gemeinsam verbrannt wird. Deshalb müssen es Monoverbrennungsanlagen sein, die sich auf die ausschließliche Verwertung von Klärschlamm spezialisiert haben“, informiert Sebastian Lösch.

Allerdings gibt es in Mitteldeutschland diese Monoverbrennungsanlagen nicht – und deren Bau sei kostspielig. Damit ergäbe sich aus dem innovativen PhosForce-Verfahren ein weiterer Vorteil für die Kommunen, denen die hoheitliche Aufgabe der Abwasserentsorgung zukommt. „Wenn Phosphor in den vorgeschriebenen Mengen bereits aus dem Klärschlamm gewonnen wurde, kann der Schlamm zum Beispiel in Zementwerken der Region gemeinsam mit anderen Abfällen mitverbrannt werden – was am Ende natürlich entschieden günstiger ist“, so Sebastian Lösch.

Demonstrationsanalage kommt 2019

Derweil tüfteln Mike Dragon und seine Veolia-Kollegen auf der Schönebecker Kläranlage weiter daran, die PhosForce-Pilotanlage so zu ertüchtigen, dass dort im Jahr 2019 die erste Demonstrationsanlage im großtechnischen Maßstab ihre Arbeit aufnehmen kann.