Zuchau l „Jetzt muss ich aber noch ganz schnell ein bisschen Fleisch organisieren“, wird Ortsbürgermeister Jörn Weinert (CDU) von leichter Hektik befallen. Als er zum „Subbotnik“ aufrief, hatte er mit „20 bis 25 Personen“ gerechnet. Nun deutet sich an, dass es bald doppelt so viele sind, die mit Harken, Besen, Spaten und Schippen zum Festplatz schlendern. Weinerts Unruhe ist berechtigt: Am Ende des Arbeitseinsatzes soll im Tonir, dem armenischen Erdbackofen, gegrillt werden.

Haariges Tiefkühlpaket

Dafür sind extra zwei „Fachleute“ aus Halle angereist. Maria Gäbler und Gevorg Baghdasaryan gehören dort zur armenischen Gemeinde, die Kontakt zu den Zuchauern hält. Sie wollen das Grillen in die Hand nehmen, wie sie es von ihrer Heimat her kennen.

Aber was haben Armenier überhaupt im kleinen Zuchau verloren, wo von den wichtigen drei „K“ eines Dorfes - Konsum, Kneipe, Kirche - nur noch das Gotteshaus übrig ist? Der Spiritus rector dieses gedeihlichen Miteinanders ist Ortsbürgermeister Dr. Jörn Weinert, der in seiner Zeit an der Martin-Luther-Universität zu Halle die Kooperation mit der Universität Eriwan aufbauen half.

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Doch bevor die fleißigen Helferlein an mehreren Stellen des Ortes los legen, spricht Weinert ein paar einleitende und organisatorische Worte auf dem Festplatz. Dorthin hat auch kein Geringerer als Sachsen-Anhalts Kulturstaatssekretär Gunnar Schellenberger (CDU) den Weg gefunden, der ein absonderliches Tiefkühlpaket in den Händen hält. Ist es etwa das fehlende Fleisch, das Jörn Weinert umtreibt? „Hier, Ziegenhaare für Euren Ofen“, lächelt Schellenberger. Die hatte er beim letzten Dorffest versprochen. Ursprünglich wollte er seinen griechischen Pressesprecher in die Spur schicken, der sie in seiner Heimat ordern sollte. Doch dies habe „irgendwie nicht geklappt“. Der Staatssekretär kehrt nun ganz den Politiker heraus, um der Angelegenheit eine positive Wendung zu verleihen: „Wir nehmen lieber regionale Produkte. Die Ziegenhaare stammen aus dem Harz.“

Aber warum überhaupt Ziegenhaare? „Die brauchen wir zur Reparatur des Ofens“, erklärt Weinert. Der Lehm war im oberen Bereich des Tonirs gerissen. Seit Jahrhunderten mengt man in Armenien Ziegenhaare als Armierung in den noch feuchten Ton. Und weil gerade Geschenke überreichen angesagt ist, revanchiert sich Gevorg Baghdasaryan mit einem Keramikteller, den er Schellenberger überreicht. Der Künstler Gevorg hatte ihn mit steinzeitlichen Motiven seiner Heimat gestaltet.

Maulbeerbäume kellen

Dann schwirren die Zuchauer zu ihren Arbeitsorten aus. Am Teich wird massenhaft morsches Holz und Kraut entfernt. An der „Bauernpumpe“, der Quelle des Ortes, werden Hecken geschnitten und Koniferen in Form gebracht. Unweit der Kirche gilt es, uralte Maulbeerbäume wie Weiden zu kellen.

Ältester Teilnehmer ist der 81-jährige Erich Bahn, dessen grüne Wattejacke aus Zeiten der verordneten „Subbotniks“ stammt. Doch wer jetzt durch das Dorf wuselt macht es freiwillig und aus innerer Überzeugung. Wie beispielsweise jene Jugendlichen, die die Bushaltestelle auf poppige Art bemalen. Sie heißen Lilli Fee Otto, Victoria Grams, Isabell Schmittmann, Anika Graviat, Leni Sophie Reinemann und Tim Hinkelmann. Es ist ein Vormittag, der die Dorfgemeinschaft ein bisschen mehr zusammen schweißt. „Wir sind das Dorf. Punkt“, freut sich der Bürgermeister.