Schönebeck l „Wahnsinn.“ Friedrich Allendorff kommt aus dem Staunen nicht heraus. Der 40-Jährige blickt sich im Industriemuseum Schönebeck um und kann seine Begeisterung kaum für sich behalten. „Respekt, was Sie hier alles zusammengetragen haben“, sagt er. Solch ein Lob hört Georg Plenikowski, Präsident des Betreibervereins Imuset und Mitbegründer des Museums, gern. Dabei ist diese Anerkennung für den Schönebecker in diesem Moment nicht das Wichtigste. Von Bedeutung ist in diesem Fall, wer hier im Industriemuseum steht und dieses Lob ausspricht. Denn Friedrich Allendorff ist - wie es sein Nachname verrät - ein Nachfahre der Schönebecker Unternehmerfamilie Allendorff. Seine Ahnen also waren es, die in der Elbestadt unter anderem eine Brauerei sowie eine Fabrik für Sprengstoff und Zündhütchen gegründet und geführt haben.

Georg Plenikowski, der sich bereits seit Jahren mit der Schönebecker Historie befasst, weiß vieles über den Industriestandort und über die Familie Allendorff. Zu sehen ist das alles im Industriemuseum. „Jedoch reißt unser Wissen 1945 ab“, gibt er zu. Deshalb, so verrät er der Volksstimme im Vorfeld, erhoffe er sich Hilfe von dem Nachfahren. Gleiches gilt für Friedrich Allendorff. Viel sei ihm über seine Familie nicht bekannt, sagt er. Deshalb ist er nun mit seiner Frau Judith und den drei Kindern zu Gast im Industriemuseum.

Ein Besuch, der sich lohnt. Zu Beginn des Rundgangs erläutert Georg Plenikowski, welche Bedeutung der Stadt Schönebeck überhaupt in der Geschichte zu Teil wurde. Dazu zählt er einige Superlative auf. Zum Beispiel, dass Schönebeck als der Standort der ältesten chemischen Fabrik „Hermania“ und des ältesten Soleheilbades in Deutschland gilt. Hier wurde das Klappfahrrad erfunden und hier hatte eine amerikanische Aktiengesellschaft das erste Mal einen Standort in Deutschland ... Georg Plenikowski kann eine Vielzahl aufzählen und beeindruckt schon damit seine Zuhörer.

Bilder

Das erste Mal den Ausruf der Freude macht Friedrich Allendorff aber an einer Vitrine. Darin befinden sich Bierflaschen. Eine davon stammt aus der Allendorff-Brauerei. Georg Plenikowski drückt sie Friedrich Allendorff in die Hände, er strahlt bis über beide Wangen.

Flasche und Emaille-Schild

„So eine habe ich zuhause auch“, sagt er. In einem bekannten Internetauktionshaus habe er die einmal erstanden. Nicht nur das. „Zu meinem 30. Geburtstag habe ich ein Emaille-Schild der Allendorff-Brauerei bekommen“, sagt der heute 40-Jährige. Seither hänge dieses Andenken an seine Vorfahren in der Küche.

Gibt es noch mehr zur Brauerei zu sagen? Zu sagen schon. Und sicher auch zu zeigen. Schließlich ist die Kaiserbrauerei von A. & W Allendorff eines der größten Brauerei-Unternehmen in Schönebeck gewesen. Sie befand sich ab 1810 in Familienhand, anfangs an der Steinstraße in Schönebeck, später auf dem Hummelberg.

„Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir leider noch nichts weiter zur Brauerei, das wir hier zeigen können“, sagt Georg Plenikowski. Doch mit dieser Antwort gibt sich der rührige Vereinschef nicht zufrieden. Deshalb führt er aus: „Ein Besuch Ihrerseits lohnt sich in zwei Jahren wieder.“ Dann seien weitere Umbauarbeiten im Museum abgeschlossen und die Geschichte der Familie Allendorff noch besser aufgearbeitet - insbesondere der Bereich der Brauerei sei dann würdig vertreten.

Einst drei Munitionsfabriken

Doch für den ersten Besuch der Allendorff-Nachfahren in Schönebeck und im Industriemuseum hat Georg Plenikowski trotzdem noch genügend zu zeigen. Denn der Bereich der Munition - ein wesentliches Standbein der Allendorffs - ist heute schon sehr gut vertreten in dem gerade einmal knapp drei Jahre alten Museum. „In Schönebeck hat es einst drei Munitionsfabriken gegeben“, führt der Schönebecker aus und leitet seine Gäste in die zweite Etage der Werkhalle.

Hier oben sind verschiedene Geräte zum Herstellen von Munition zu sehen. Dabei wird schnell der technische Fortschritt ersichtlich. War an der einen Maschine reine Menschenkraft gefragt, lief die nächste schon fast automatisch per mechanischem Antrieb. In Vitrinen werden die verschiedenen Munitionen gelagert. „Was ist das alles wert“, fragt die jüngste der Allendorffs, die neunjährige Marta. Allein der Schrank mit den Patronen sei rund 25 000 Euro wert, rechnet der Vereins-chef vor. Ganz zu schweigen von den zahlreichen anderen Exponaten, die die Vereinsmitglieder in mühevoller ehrenamtlicher Arbeit beschafft und aufgearbeitet haben. Deshalb macht Georg Plenikowski darauf aufmerksam, dass das Industriemuseum durch ein ausgeklügeltes Überwachungssystem gesichert sei. Das sei mit Kosten verbunden, die für einen Verein nicht einfach zu schultern seien. Das hält die rund 25 Vereinsmitglieder aber nicht von ihrem Ehrenamt ab. Umgedreht werde ein Schuh draus, verdeutlicht der Vereins-chef. Im Prinzip gilt: „Unsere Mitglieder zahlen ihren Mitgliedsbeitrag, damit sie hier arbeiten dürfen.“

Das kennen die Allendorffs. Sie engagieren sich zuhause - das ist übrigens seit neun Jahren Schweden - im Bereich der Kultur. Nichtsdestotrotz lag ihnen der Besuch in Schönebeck seit langem am Herzen. „Vor zirka zwei Jahren habe ich Kontakt zu dem Museum aufgenommen“, erzählt Friedrich Allendorff. Im Internet sei er auf die Einrichtung gestoßen. Und weil es für die Kinder ebenso interessant sei, welche Geschichte sich hinter ihrer Familie verbirgt, haben Friedrich und Judith Allendorff kurzerhand einen Familienausflug organisiert. Das ist praktisch. Denn der älteste Sohn, der 16-jährige Jonatan, filmt den Besuch und saugt sozusagen alle Informationen auf. So zum Beispiel, dass Otto-Moritz Allendorff 1904 die Sprengstoff- und Patronenfabrik August & Wilhelm Allendorff in Schönebeck gegründet hatte. Bereits zehn Jahre später wurde diese an die Lignose GmbH Schönebeck, einen Zweigbetrieb des späteren Sprengstoffkonzerns Lignose AG Berlin, verkauft.

Das war jedoch nicht das Ende der Allendorff-Geschichte. Die Unternehmerfamilie war in mehreren Bereichen tätig oder wie der Vereinspräsident es ausdrückt: „Sie hatten in verschiedenen Branchen ihre Finger drin.“

Grabmal beeindruckt

Angefangen habe alles mit der Landwirtschaft. Wenig später kamen die Brauerei dazu und der landwirtschaftliche Betrieb wurde auf mehr als 2,2 Hektar eigenes Land sowie 3,9 Hektar Pachtland erweitert. Des Weiteren wurde die Portland-Zementfabrik in Schönebeck übernommen. Otto-Wilhelm-Augustin Allendorff war Mitglied des Aufsichtsrates der Lignose GmbH Berlin, der Zuckerfabrik Glanzig, der IDUNA-Allgemeinen Versicherungs AG Berlin und Ratsherr in Schönebeck. Durch die Weltwirtschaftkrise beeinflusst und von wirtschaftlichen Fehlschlägen begleitet, wurde das Unternehmen auf die Schönebecker Betriebsteile Brauerei, Ziegelei und Landwirtschaft reduziert und 1945 enteignet.

Zusammenfassend sagt Georg Plenikowski: „Die Allendorffs haben in den vergangenen 200 Jahren die wirtschaftliche Entwicklung von Schönebeck mit geprägt.“ Daran wird heute im Industriemuseum erinnert - und an zwei öffentlichen Stellen in Schönebeck. Das ist zum einen der Gedenkstein am zentralen Busbahnhof an der Tischlerstraße und zum anderen das Eingangsgebäude der Allendorff-Fabrik an der Magdeburger Straße. An beide Orte hat Plenikowski die Nachkommen der Unternehmerfamilie geführt. „Besonders dass die Stadt das Grabmal erhalten hat, hat Friedrich Allendorff zufrieden und stolz gemacht, dass Schönebeck diese Erinnerung bewahrt hat“, sagt Georg Plenikowski.

Nicht nur die Allendorffs gehen mit einem zufriedenen Lächeln nach Hause. Georg Plenikowski ist auch nach dem Besuch begeistert. „Das Ehepaar ist nun Mitglied in unserem Verein“, sagt er. Den Jahresbeitrag haben beide direkt am Montag bezahlt. „Und Friedrich Allendorff kann seine Familiengeschichte bis zirka 1500 zurückverfolgen, mit diesem Wissen möchte er uns weiterhelfen“, berichtet der Vereins- präsident.