Erlebnis

Ein 13-Jähriger übernachtet in der Kirche von Groß Rosenburg

Einen ungewöhnlichen Schlafort wählte Dominik Reißmann. Der 13-Jährige übernachtete in der Groß Rosenburger Kirche. Eine Selbsterfahrung, die nicht ganz ohne mulmiges Gefühl verlief.

Von Thomas Linßner
Dominik mit seiner verständnisvollen Oma, Pastorin Eva Maria Wassersleben.
Dominik mit seiner verständnisvollen Oma, Pastorin Eva Maria Wassersleben. Foto: Thomas Linßner

Groß Rosenburg - Dominik aus Lieskau bei Halle ist bei seiner Oma in Groß Rosenburg zu Besuch. Die heißt Eva-Maria Wassersleben und ist Pastorin im Ruhestand.

Der 13-Jährige kommt gerne in den Elbe-Saale-Winkel. Zwar ist er von den „neuen Medien“ ebenso fasziniert wie die meisten Kinder seiner Generation - doch in Rosenburg lassen sich auch ganz andere Sinne ansprechen. Zum Beispiel, wenn er mit seiner Oma Spaziergänge durch die Flussauen macht. Dort wird mit dem Grashalm gefiept, dass die Rehe im Unterholz interessiert die Ohren spitzen. Oder Dominik erfährt den Unterschied zwischen Brenn- und Taubnesseln: erstere machen ihrem Namen auf der Haut alle Ehre, letztere schmecken süß, wenn man deren Blüten aussaugt. Aus Löwenzahn lässt sich ein Salat machen. Dessen Bitterstoffe sorgen zum Beispiel für die Entgiftung des Körpers und ent- halten viele Mineralien und Vitamine.

Fiktion und Realität

Alles Dinge, die ein Heranwachsender bei Facebook & Co. nicht so schnell lernt.

Weil der 13-Jährige begierig Fantasy-Geschichten aufsaugt, muss ihn seine Oma behutsam „erden“, um den Unterschied aufzuzeigen. Was ist Fiktion und was Realität?

Dominik findet auch den alten Friedhof mit seinen Steinen „spannend“, der sich rund um die Kirche herum befindet. Glücklicherweise sind hier einige historische Grabsteine erhalten geblieben, die unter alten Bäumen mystisch wirken. Vor allem, wenn die Nachtigall singt und man bei Dämmerung einen Spaziergang macht.

Übernachtung in Kirche

Doch damit nicht genug. Jetzt, mit 13, kam der Junge auf eine Idee, die erstens den wenigsten Zeitgenossen durch den Kopf gehen würde und zweitens – deren Umsetzung nahezu unmöglich ist: die Übernachtung in der Kirche.

„Willst du wirklich?“, fragt die Pastorin vorsichtshalber. „Ich will!“, antwortet der Enkel entschlossen, als würde er ein Ehegelübde abgeben. Kurz nach dem Abendessen bereitet Dominik also sein Nachtlager im Gedächtnisraum vor, der über der Winterkirche liegt. Hier hängen an den Wänden Erinnerungs- tafeln für die Gefallenen mehrerer Kriege.

Um sich an die Umgebung zu gewöhnen, die ja nun wirklich nichts gemein mit einem Kinderzimmer hat, lenkt sich der Junge vorsichtshalber mit moderner Zerstreuung ab. Er spielt mit dem Taschencomputer.

Gedanken vor dem Einschlafen

Kurz vor dem Einschlafen gehen ihm noch ein paar Fragen durch den Kopf: Wer baute die Kirche vor vielen Jahrhunderten? Wer waren die Leute, die sie in Leid und Freud’ besuchten? Und ... gibt es hier etwa Grüfte? Und wenn ja, dann wo??

Über all diese Fragen schläft der 13-Jährige schließlich ein. Bis ihn ein polterndes Geräusch nicht eben sanft weckt. Ein Poltergeist vielleicht? Um derartige unchristliche Erscheinungen zu verjagen, macht Dominik mehrere Male das Licht an und aus. Das hilft vielleicht. 240 Volt gegen das Gruftgespenst, sozusagen.

Schließlich hört das Klopfen auf. Bei so viel Mystik ist es vielleicht doch besser, im Pfarrhaus gegenüber zu schlafen? Dominik versucht mehrere Male die Kirchentür zu öffnen, kommt aber mit dem großen Schlüsselbund nicht klar. Es sind die Nerven, die 13-jährigen. Oder vielleicht doch ein Geist, ein unheiliger?

Omas Ratschläge

Dann erinnert er sich daran, was seine Oma in Sachen Einbildung und Realität gesagt hat. Gespenster, so’n Quatsch. Schließlich haut sich Dominik auf seine Matratze und schläft fest ein.

Alles wird gut. Am anderen Tag wird klar, wer der Poltergeist war. Nachbar Christian Oswald kam das hell erleuchtete Gotteshaus zu dieser späten Stunde „komisch“ vor. Weil sein Klopfen nicht erhört wurde, schickte er ein Foto per Smartphone an Pfarrer Rödiger. Der beruhigte: Keine Spitzbuben, nur ein sinnlich veranlagter junger Kerl, der hier übernachtet.

Aber was Dominik nicht wusste und was an seinem kindlichen Nachtschlaf trotz aller Aufgeklärtheit gerüttelt hätte: Nur wenige Meter von seinem Nachtlager entfernt befinden sich in der Tat Grüfte, in denen ehemalige Rosenburger Seelsorger ruhen.