Rathaus

Ein guter Geist verlässt das Rathaus in Barby

Von Thomas Linßner

Barby

Unten, im Foyer des Hauses, meldete sich an, wer ins Amt wollte. Für Touristen und auswärtige Besucher oft die erste Anlaufstelle, um mit Informationen versorgt zu werden.

Silvia Placke war bis 1992 Sachbearbeiterin in der Kinderkrippe, bevor sie ins Rathaus wechselte. In der Telefonzentrale war eine Stelle frei geworden. Neben dem Vermitteln von Telefonaten waren ihre Aufgaben zudem: Tourismus, Fremdenverkehr, Archiv und Fundbüro.

In all den Jahren galt die Barbyerin fast immer als erste Ansprechpartnerin für Bürgeranliegen. Egal ob telefonisch oder live hinter der Glasluke. Aus diesem Grund wurde sie geschätzt. Das sagt auch ihr langjähriger Chef, der heutige ehrenamtliche Ortsbürgermeister Jens Strube. Er beschreibt sie als „angenehme, stets loyale Kollegin“.

Was auch ihr heutiger Chef, Bürgermeister Torsten Reinharz, mit Ausrufungszeichen unterschreibt. Mit ihrem Leitspruch „Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden“ hat sie vielen Menschen die Richtung vorgegeben, erinnert sich Reinharz. Seit seinem Amtsantritt musste sie auch noch eine Menge Neues dazulernen, was sie ohne Murren und mit Freude getan hätte. „Ich gehe gern zur Arbeit“, hat man von ihr häufig gehört.

„Welche Rolle Frau Placke im Rathaus gespielt hat, werden wir erst dann merken, wenn das Mädchen für alles nicht mehr da ist. Ich wünsche ihr für ihren Ruhestand alles Gute, Gesundheit und viel Freude“, so der Bürgermeister.

Wobei die heute 63-Jährige in ihren Rathausjahren auch so einiges erlebte. So rief Mitte der 90er-Jahre ein regionaler Radiosender bei ihr in der Zentrale an und wollte wissen, ob sie die „Barbie-Puppe“ sei. Es war ein Spaßtelefonmitschnitt. Wer tagtäglich mit Politik und staubtrockener Verwaltung zu tun hatte, musste natürlich im Kopf schnell umschalten, um auf den Fake adäquat zu reagieren.

Und Silvi schaltete schnell.

Die kuriosesten Dinge erlebte sie als Hüterin des Fundbüros. Wobei dieser Begriff etwas hochgegriffen ist. Abgegebene Fahrräder landeten im Rathauskeller, für die Unmengen Schlüsselbunde mit und ohne Ledertäschchen, Herzchen-Anhänger, Auto-Funk-Türschließern oder spektakelnde Handys stand ein Pappkarton bereit.

Silvia Placke erlebte es immer wieder, dass an Funden Geschichten klebten. Im übertragenen Sinne jedenfalls.

Einmal fand ein Mann an der Calbenser Chaussee eine Damenhandtasche, die schon ziemlich verrottet war. Der Inhalt: Autoschlüssel, Handy, Portemonnaie, Fahrerlaubnis, EC-Karte … Geld war keines darin. Wie diese Aufzählung zu Recht vermuten lässt, roch der Fund nach krimineller Energie. Die verständigte Polizei nahm sich deswegen der Angelegenheit an. Wie sich herausstellte ein Handtaschen-Klau der schlichten Sorte, wo es der Täter nur auf das raschelnde Bargeld abgesehen hatte. Kurz danach gaben Gas-Installateure eine EC-Karte ab, die anhand des eingetragenen Namens ebenfalls an die Besitzerin zurückgegeben werden konnte. Auch hier ging die Vorgeschichte über das „nur verloren“ hinaus.

Heikel auch ein Fahrradfund, wie sich Silvia Placke erinnert. Weil der Rahmen codiert war, konnte die Polizei den Besitzer schnell ermitteln. Der teilte auf Anfrage mit, dass sein Fahrrad nicht geklaut sei und im Stall stehe. Wie sich herausstellte, hatte der Mann diese Tretmühle verkauft und sein neues Fahrrad ebenfalls codieren lassen. Also war es dem Nachbesitzer abhanden gekommen.

Langweilig wurde es bei ihr „auf Arbeit“ also nicht. Die freundliche Frau hinter der Glasscheibe war quasi das „Mädchen für alles“.

Welche Rolle Frau Placke im Rathaus gespielt hat, werden wir erst dann merken, wenn das Mädchen für alles nicht mehr da ist.

Torsten Reinharz, Bürgermeister

2017 wurde der Empfang im Foyer geschlossen, weil man Büroräume brauchte. Von da an saß Silvia Placke im Vorzimmer des Bürgermeisters.

Wobei sie in den vergangenen drei Jahrzehnten einige Verwaltungschefs „überlebte“: Frank Ziegenhein, Ines Schlegelmilch, Dietrich Heyer, Jens Strube. Seit 2017 ist Torsten Reinharz ihr Chef.

Nach dem Resturlaub wird Silvia Placke am 10. Mai Rentnerin. Sie freut sich aufs Fahrradfahren; die Kollegen sammelten für einen schicken Helm.

Ihre Nachfolgerin kommt aus Güterglück und hat einen interessanten Nachnamen. Sie heißt Feierabend.

Wenn Sie, liebe Leser, also demnächst im Rathaus anrufen und sich eine weibliche Stimme mit „Stadtverwaltung Barby, Feierabend“ meldet, sollte das nicht überinterpretiert werden...