Zukunftspostkarte

Eine Hochbahn über dem Marktplatz

Günther Henning hat eine so genannte Zukunftspostkarte, die am 21. August 1913 in Barby abgestempelt wurde.

Von Thomas Linßner

Barby l Oft sind es die beschriebenen Rückseiten von Ansichtskarten, die den gemächlichen Pulsschlag der „guten, alten Zeit“ verdeutlichen. „Am Donnerstag komme ich jedenfalls“, teilte Heinrich aus Barby seiner Schwester Marie Sens mit. Die wohnte in „Kleinrosenburg bei Großrosenburg/a.S., Mittelstraße 61a“. Die Karte wurde am 21. August abgestempelt, einen Tag später war sie im Kasten von Marie. Wobei Heinrich der Post offenbar nicht hundertprozentig traute, weil er vorsichtshalber „Kleinrosenburg bei Großrosenburg“ adressierte.

Heinrich muss ein humorvoller Zeitgenosse gewesen sein. Sonst hätte er wohl kaum das Kartenmotiv „Barby in der Zukunft“ gewählt. Zu sehen ist der Marktplatz mit allerlei futuristischem Klimbim. So sind am Boden mehrere Straßenbahnen, Automobile und Motorräder. Am Himmel tummeln sich Fesselballone, Zeppeline und ein Flugzeug. Sogar eine Schwebebahn - dafür stand die 1901 eröffnete Wuppertaler Schwebebahn Pate - hangelt sich an einem Stahlgerüst entlang.

Der Kartentitel war freilich nicht ernst gemeint, weil es all diese Vehikel damals schon gab. Aber eben nicht in Barby und nicht in dieser Ballung. Stadtplanung und Verkehr gehörten aber zu den populärsten Themen retrofuturistischer Bildmontagen.

Heute würde man für fantasievolle Zusammenschnitte den digitalen Photoshop bemühen - der Grafiker vor hundert Jahren nahm die analoge Schere. Wie in der Grundschule wurden Fotos zerschnitten und neu zusammen geklebt. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auf der Barbyer Zukunftskarte die Perspektiven nur selten stimmen.

Was aber kaum jemand, außer vielleicht den Fotografen, störte, der die Grundperspektive vom Marktplatz abgelichtet hatte.

Die Zukunftsprognosen von damals entfalten heute, da sie längst überholt sind, einen eigentümlichen Charme. Was aber im DDR-Jugendweihebuch „Weltall, Erde, Mensch“ auch nicht anders ist. Ansichtskarten mit Fiction-Themen waren eine willkommene Abwechslung zu den klassischen Ortsansichten. Statt reale Sehenswürdigkeiten wie Rathaus, Kirche, Schloss zu dokumentieren, nutzten Verlage die Montage, um Stadtansichten in Visionen der Zukunft zu verwandeln: „Durch Anbringen aller erdenklichen Zukunftsideen stellt die Karte ein Bild der betreffenden Stadt in der … Zukunft vor. Sehr ulkig! Ungeheurer Absatz!“, warb der Verlag Lederer und Popper, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts auf dieses Genre spezialisiert hatte.

Vor hundert Jahren eroberten Autos einen immer größeren Anteil am Straßenverkehr. In Barby musste man allerdings bis in die 1920er Jahre warten, als der erste Pkw vom Chef der Maizena-Großbaustelle gefahren wurde. Nach der Eroberung des Luftraums durch Zeppeline und Flugzeuge lag die Annahme nahe, dass diese Verkehrsmittel bald eine ähnliche Verbreitung erreichen würden. Der Bürger der Zukunft würde seine private Flugmaschine besteigen, um auf kürzestem Wege alle innerstädtischen Ziele zu erreichen.

Die futuristische Ansichtskarte ist im Besitz des Calbenser Zahnarztes Dr. Günther Henning. Er stellte sie gerne zur Verfügung, weil er sich über die heimatgeschichtlichen Beiträge in der Volksstimme freut. Sie stammt aus dem Nachlass seiner Mutter.

Und noch was: Heinrich und Marie aus „Kleinrosenburg“ hätten es sich vor 103 Jahren sicherlich nicht träumen lassen, dass ihre private Korrespondenz mal in der Zukunftszeitung steht. Gott sei Dank: Das Wort Datenschutz gab es ja damals noch nicht ...