Schönebeck/Gnadau l Ein Weihnachtsfest ohne den übergroßen Stern? Das gibt es in der Herrnhuter Brüdergemeine Gnadau nicht. Auch – und ganz besonders – in diesem Jahr prägt er das Bild des Ortes. Prägend ist der Stern für Ulrich Neubauer ebenfalls. Seit Jahren betreibt er in der Schönebecker Salzler Straße ein Lampen-Geschäft. Die Herrnhuter Sterne locken Kunden während der Weihnachtszeit in seinen Laden.

"Meine Enkelin mag sie auch sehr"

„Der Herrnhuterstern ist einfach der Inbegriff des Weihnachtsfestes“, weiß Ulrich Neubauer. Für den Einzelhändler gehören die schmucken Dekorationen einfach dazu. Er verschenkt sie selbst. „Meine Enkelin mag sie auch sehr.“ Für den Schönebecker bedeuten die Sterne Ruhe und Entschleunigung in einem nicht immer ganz einfachen Alltag. Gerade in der Weihnachtszeit geht es in der Salzer Straße oft hektisch zu. Schon morgens um neun stehen die ersten Kunden vor Neubauers Laden. Sie wissen, was sie bekommen.

Qualität seit 1874. Das Geschäft ist unlängst zu einer Schönebecker Institution gereift – und zu einem Fachhändler für die Herrnhuter Sterne. „Schon die Großeltern hatten sie im Sortiment“, berichtet Neubauer. In diesem Jahr führt er die Schönebecker Tradition nach dem Tod seiner Frau alleine weiter.

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17 viereckige und acht dreieckige

Die Kunden danken es ihm. Denn sie wissen, was sie bekommen. Herrnhuter-Sterne in vielen Größen und Formen. Die Manufaktur im gleichnamigen Ort gibt in jeden Jahr neue Sammlereditionen in verschiedenen Farben heraus. Für das Jahr 2020 liegt Mint im Trend. Eine Farbe, die den Sammlern und Händlern gefällt. „Wer einen Herrnhuter Stern kaufen möchte, weiß was er will“, erklärt Neubauer.

Der weiß, dass die Sterne in verschiedenen Formen und Farben erhältlich sind. Ein klassischer Herrnhuter Stern hat 25 Zacken – 17 viereckige und acht dreieckige.

Doch es gibt sie, die großen Formate. Jene, die mehr als einen Meter Durchmesser aufweisen und prominente Gebäude wie das Bundeskanzleramt in Berlin zieren. Oder den Innenraum des Kirchsaals in der Herrnhuter Gemeine in Gnadau. Dort ist der 110-zackige Stern eng mit der Geschichte seines Erbauers verknüpft. Seit Jahrzehnten ist Achim Gemsjäger im Bastelfieber.

Internatsschüler aus Gnadau

Alles fing in den 50er Jahren an. „Damals“, erinnert sich der Senior, „gab es hier in Gnadau noch Internatsschüler.“ Der damalige Stubenvater habe mit seinen Schülern – allesamt Jungs – die Herrnhuter Sterne gebastelt. Nur die technischen Lösungen für die Beleuchtungen fehlten ihm. Er suchte Rat bei Achim Gemsjäger. Der hatte frisch eine Lehre zum Installateur begonnen – und wusste Rat.

„Ich habe ein Kabel mit einer einfachen Glühbirne genommen“, berichtet Gemsjäger. Fortan beleuchtete der gewaltige Stern jedes Jahr den Kirchsaal in Gnadau. Im Sommer wird er in einer Box in dem Gotteshaus gelagert, bis die nächste Weihnachtszeit wieder kommt.

Etwas Magisches und Großes

„Wenn die Tage kürzer werden, gehört der Stern einfach dazu“, sagt der Gnadauer, der nur einige Meter vom Kirchsaal entfernt wohnt. Wer dieser Tage am Zinzendorfplatz, der komplett quadratisch angelegt ist, vorbeigeht, sieht sie an jeder Ecke: die Herrnhuter Sterne. Mal versteckt in einem Hauseingang oder mitten auf dem Platz direkt neben der beleuchteten Tanne – die Schmuckstücke verleihen dem Ort einen ansprechenden Platz.

Doch dass sich im Inneren des Kirchsaals etwas Magisches, etwas Großes verbirgt, entdeckt der Besucher unweigerlich. Durch das Fenster schimmert bei Einbruch der Dunkelheit der gewaltige Stern.

1,50 Meter Durchmesser, 110  acht- sechs und fünfeckige Zacken – und inzwischen modern mit LED beleuchtet. Um 16 Uhr schaltet sich das Licht automatisch ein, bis etwa 22 Uhr. „Wenn Menschen hier entlang gehen, freuen sie sich über das Licht“, so Gemsjäger.

Leidenschaft weitergegeben

Doch die leuchtende Pracht ist vergänglich. Gemsjäger hat in seinem Leben bisher vier der großen Sterne hergestellt. Die Objekte aus Papier für den Innenbereich sind empfindlich. „Alle zehn Jahre“, schätzt der Experte „muss ein neuer Stern her“. Denn die Zacken werden über die Jahre in Mitleidenschaft gezogen. Auch die Farbe lässt in der Zwischenzeit nach.

Aber Gemsjäger hat seine Bastelleidenschaft weitergegeben. 2013 lernten junge Mitglieder der Kirchengemeinde, worauf es beim Basteln des Herrnhuter Sterns ankommt. Damals war Joachim Gemsjäger 79 Jahre alt. Auf dem Jugendboden, wo sonst der Nachwuchs normalerweise Tischtennis oder Billard spielt, entstand über Monate ein neuer, gigantischer Stern. Einer, der für viele Menschen zur Weihnachtszeit einfach dazugehört.