Salzwedel/Gorleben l Seit Generationen, seit dem Jahr 1822, lebt die Gorlebener Familie Köthke vom Fischfang in der Elbe. Seit genau 196 Jahren. Vielleicht aber ist Elbfischer Christian Köthke, inzwischen 71 Jahre alt, der letzte seiner Zunft in der Region. Seinem Sohn hat er bereits vor Langem geraten, einen anderen Beruf zu ergreifen. „Das war schon vor den spürbaren Auswirkungen des Klimawandels, wie der extremen Trockenheit in diesem Jahr“, berichtet Köthke. Sein Sohn hat den Rat beherzigt – der Maschinenbau-Ingenieur lebt in Schleswig-Holstein.

Köthke, der deutlich jünger als 71 wirkt, hat schon mit 20 Jahren begonnen, seinen Lebensunterhalt als Elbfischer zu verdienen. Einen Fernseher haben Köthkes nicht. „Brauchen wir nicht, wir haben die Elbe“, brummt der Fischer. Stattdessen steht ein Spektiv im Wohnzimmer des behaglichen Fachwerkhauses, mit spektakulärem Blick auf den Strom. Seine Lehre hat er 1967 in Schleswig-Holstein absolviert. „1822 haben meine Vorfahren auf der anderen Elbseite mit der Fischerei begonnen“, berichtet Köthke.

Über Generationen hinweg pachteten die Köthkes das Fischereirecht bei den Grafen von Bernstorff aus Gartow. „Mit denen sind wir bis heute gut befreundet“, freut sich Köthke, der gerade einige stattliche Mosaikkarpfen aus einem Hälterteich, einer Art Zwischenlager, fischt. Sie stammen aus der Elbe bei Holtorf.

Guter Fang bis vor fünf Jahren

„Bis vor fünf Jahren war es gut mit dem Aalfang in der Elbe“, berichtet der Fischer, der jedes Jahr Hunderttausende von Glasaalen in der Elbe aussetzt. Aber es lauern zu viele Fallen unterwegs. Köthke ist nicht der einzige Flussfischer, dem es so ergeht. Köthke berichtet von dem 81-jährigen Rheinfischer Rudi Hell. „Dem geht es genau so wie mir“, sagt Köthke: „Die Trockenheit hat zum völligen Einbruch beim Aalfang geführt“. Nach den durchschnittlich drei Tonnen pro Jahr waren es 2013 plötzlich nur noch 300 Kilogramm. Dann ging es wieder bergauf, „das hat mit Hoffnung gemacht“, erinnert sich Köthke. Doch jetzt: hundert Kilogramm, im ganzen Jahr 2018.

Die erste Konsequenz: Ein ganzer Arbeitstag für die beiden bei ihm angestellten Berufsfischer wurde gestrichen. Stefanie Raue ist Fischereimeisterin, ihr Mann Sebastian Raue ist Fischwirt. Sie dürfen jetzt nur noch vier statt fünf Tage arbeiten. Köthke kauft Aale dazu, aus Oldenburg. „Das ist natürlich teuer, und der Transport kommt auch noch dazu. Wir halten hier jede Menge Logistik vor, haben die Pacht zu entrichten. Im Grunde lohnt das nicht mehr“, sagt Köthke.

Betriebe haben ein zweites Standbein

Der nächste gewerbliche Elbfischer lebt bei Hohnstorf in der Nähe von Lauenburg. „Wir alle haben ein zweites Standbein“, berichtet Köthke, er auch. Mit einer Räucherei, mit Veredelung und Fischhandel versuchen sie sich über Wasser zu halten. Aber selbst der „Stintkönig“, Elbfischer Wilhelm Grube aus Hoopte, denkt ans Aufhören. Der Berufsfischer sieht nach diesem Jahr keine Zukunft mehr für die Fischerei in der Elbe.

„Der Aal ist unser Brotfisch, unser wichtigstes Handelsgut“, betont Köthke. Aber der Aalbestand insgesamt ist gefährdet: „Man rätselt noch, aber es ist ein ganzes Mosaik an Gründen, die zum Aussterben führen“. Schuld sei der Lebensraumverlust, verursacht durch die Landwirtschaft. Naturnahe Flussabschnitte, die den Aalen als Rückzugsgebiete dienen, leiden unter der Anreicherung von Nährstoffen. Aktuell seien 50 Prozent der Gewässer betroffen. Umweltgifte beeinträchtigen die Fruchtbarkeit. Verbaute Fließgewässer, Wehre und Wasserkraftanlagen hindern Jungaale am Aufstieg, Turbinen schreddern sie. Das Ausbaggern von Schlamm vernichte Millionen von Aale, sagt Köthke. Dazu kommen, im globalen Maßstab, klimatische Faktoren, die auf den Klimawandel zurückgehen, etwa die Verschiebung des Golfstromes, die Temperaturen in der Sargassosee, dem Laichgebiet der Aale.

Einzige Hoffnung: Mehr Wasser

„Wir legen größten Wert auf Qualität, anders geht es gar nicht“, fasst Köthke zusammen, „aber wir sind hier zu abgelegen, um eine neue Perspektive zu entwickeln“. Die regionale Gastronomie beliefert er bereits, auch Partyservices. Die einzige Hoffnung: Mehr Wasser. „Wir brauchen dauerhaft mittleren Wasserstand, damit sich das erholt. Sonst war es das.“

Eine stattliche Segelyacht steht, gut abgedeckt, auf seinem Grundstück. Damit segeln Köthkes jedes Jahr vor der norwegischen Küste. Um die Nordsee zu erreichen, setzt der Fischer das Boot in Gorleben ein und fährt dann elbabwärts. Das hat sogar in diesem Jahr geklappt, trotz des historisch niedrigen Wasserstandes. Aber nur, weil er den Kiel einziehen kann. Köthke war der einzige der Gorlebener Sportskipper, der sich das 2018 traute.