Friedhof

Er flog mit dem „Roten Baron“: Fliegerleutnant Hans Bollmann und sein vergessenes Grab in Biere

Auf dem Friedhof von Biere gibt es eine verwilderte Grabstelle, die trotz ihres geschichtlichen Hintergrundes vergessen ist. Beigesetzt wurde hier Fliegerleutnant Hans Bollmann, der 1917 in Frankreich abgeschossen wurde. Er gehörte zum Umfeld des berühmten „Roten Baron“ Manfred von Richthofen.

Von Thomas Linßner 05.08.2021, 16:56
Hans Bollmanns fast vergessenes Grab in Biere.
Hans Bollmanns fast vergessenes Grab in Biere. Foto: Thomas Linßner

Biere - „Solche Gräber kann man doch nicht einfach weg machen. Die gehören zu unserer Geschichte“, ist Kerstin Knopf empört. Sie ist in der Gemeinde Bördeland für die Friedhofspflege in Biere zuständig.

Und sie denkt mit! Die Sorgen der 56-Jährigen scheinen berechtigt: Ein zugewuchertes Grab auf dem riesigen Friedhof des Bördedorfes soll angeblich verschwinden. So hätte es der Ortsbürgermeister signalisiert. Weil sie in der Volksstimme davon gelesen hat, dass auch anderenorts Verwaltungen zuweilen unsensibel mit „abgelaufenen“ Grabstellen umgehen, ist Kerstin Knopf alarmiert. Mehr Gewicht kann man dem Denkmalschutz verleihen, wenn der Fall öffentlich gemacht wird.

Zumindest Verwaltungschef Bernd Nimmich gibt Entwarnung, als er von der besonderen Grabstelle hört: „Natürlich, die bleibt. Wir kümmern uns.“

Nun ist der Bierer Friedhof sehr viel mehr als nur ein Beerdigungsort. Hier ruhen zahlreiche deutsche Soldaten, die bei den Kämpfen um den Brückenkopf Barby im April 1945 fielen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge unterstützte das Verlegen neuer Grabsteine, die alte Holzkreuze ersetzten; Schüler des Dr.-Carl-Hermann-Gymnasiums Schönebeck installierten Gedenktafeln. Auch Zwangsarbeiter mit russisch und polnisch klingenden Namen wurden hier beigesetzt. Über sie weiß man kaum etwas, weil die regionale Geschichtsschreibung Lücken aufweist.

Doch um diese Grabstätten geht es nicht, die in einem Top-Zustand sind.

„Kommen Sie mal mit!“

„Kommen Sie mal mit, die sind schwer zu finden“, fordert Kerstin Knopf den Reporter resolut auf, ihr zu folgen. Unweit vom Haupteingang erkennt man in der Tat zwischen zwei aufgeräumten Erbbegräbnissen eine von Efeu überwucherte Insel. Sie ist mit Pfeilern aus Kunstbetonstein eingefasst, an denen noch Reste eckiger Gussketten hängen, wie man sie Anfang des 20. Jahrhunderts verwendete. Wer hier vorbei kommt, sieht nichts. Keine Einfassung, keinen Grabstein, kaum Zierrat.

„Kriechen Sie mal in das Gebüsch, da werden Sie zwei Kreuze finden“, sagt Kerstin Knopf.

Und in der Tat. Vollkommen zugewuchert finden sich zwei Grabmale in Form von Eisernen Kreuzen. In deren Zentrum sind Kupfermedaillons befestigt, die junge Männer in kaiserlicher Uniform zeigen. Es ist sofort klar: Die stark patinierten Medaillons sind keine Massenware, sondern bilden wirklich die Gesichter der Gefallenen im Profil ab. Wer sie von einem Künstler gravieren, gießen und setzen ließ, war kein armer Mensch und voller Trauer.

Wer hier liegt oder an wen erinnert wird, ist schnell klar. Unter dem Bibelvers „Sei getreu bis in den Tod“ stehen die Namen: „Hans Bollmann, Fliegerleutnant, Inhaber des Eisernen Kreuzes und des Fliegerabzeichens / Er starb den Heldentod in der Frühjahrsschlacht bei Arras. *6.8.1894 † 11.5.1917“. Daneben liegt sein Bruder Kurt Bollmann (1891-1916), der ein Jahr zuvor seinen schweren Verletzungen erlag und Infanterist war.

Rektor Franz Bollmann und dessen Familie schalteten im Mai 1917 diese Todesanzeige in der „Schönebecker Zeitung“.
Rektor Franz Bollmann und dessen Familie schalteten im Mai 1917 diese Todesanzeige in der „Schönebecker Zeitung“.
Foto: Thomas Linßner

Aber sind es wirklich Gräber oder „nur“ Erinnerungsorte? Denn die jungen Männer kamen in Frankreich ums Leben, weitab von Biere. Überführungen, also das „Heimholen“ der Toten, waren teuer und selten.

Geschichtlich interessant ist besonders die Tatsache, dass Hans Bollmann als „Fliegerleutnant“ bezeichnet wird und in Arras (Frankreich) fiel. Denn dieser militärische Zweig steckte noch in den Kinderschuhen.

Arras? War nicht was?

Der Wandel der Kriegsführung hatte dazu beigetragen, dass modernes Gerät wie Flugzeuge und Panzer immer mehr an Bedeutung gewannen. Nach dem tödlichen Absturz des Dessauer Jagdfliegers Oswald Boelcke stand bald ein anderer deutscher Pilot im Licht der Öffentlichkeit: Manfred von Richthofen. „Der Rote Baron“ hatte sich als Jagdflieger einen Namen gemacht und wurde sogar vom „Feind“ geachtet. Seine Einheit – die Jagdstaffel 11 – wurde mit ihren buntbemalten Maschinen als „Fliegender Zirkus“ in Arras an der Westfront bekannt.

Hans Bollmann muss also ein Kamerad des „Roten Barons“ gewesen sein.

Was weiß man heute noch über die Brüder Hans und Kurt Bollmann? „Die Namen sagen mir gar nichts. Es soll mal einen Lehrer gegeben haben, der so hieß“, vermutete Kerstin Knopf. „Aber fragen Sie doch mal Elli Schulze, das ist unsere Heimatgeschichtlerin.“ Die schwippe 91-Jährige kann aber auch nicht viel helfen. Zwar kennt sie die Gräber von früher, die seit Jahrzehnten zugewuchert sind. Aber wer die Familie war? Ja, Lehrer wohl. Und Hans soll mit einer Bildhauerin verlobt gewesen sein.

Immerhin. Das würde die kunstvollen Medaillons erklären. Aber wieso weiß man so wenig über die Familie Bollmann, Biere? Wie geht man weiter vor, um mehr herauszubekommen? In der Gemeinde Bördeland gibt das Friedhofsverzeichnis keine weiteren Informationen preis.

Findet man in den Kirchenbüchern Einträge? Elisabeth Meynecke, Gemeindesekretärin im Kirchenkreis Egeln, gibt einen Tipp: „Fragen Sie doch mal bei Monika Pfanne nach, die verwaltet das Kirchenarchiv in Biere.“

Auch Mathias Hille vom Stadtarchiv Schönebeck ist dieser Meinung: „Wenn überhaupt, dann da.“ Vorher zieht Hille den Archivband der „Schönebecker Zeitung“ aus dem Regal. In der Ausgabe vom 17. Mai 1917 findet er wirklich mehrere Todesanzeigen. Umrahmt von dickem, schwarzen Rand und dem unvermeidlichen Eisernen Kreuz steht: „Nach Gottes Willen starb am 11. Mai im Westen den Heldentod für sein geliebtes Vaterland, für das er freiwillig hinauszog, nunmehr auch unser zweiter hoffnungsvoller, herzenslieber Junge, Hans Bollmann, Leutnant d. Res. (…) Seit einem Jahre war er als Beobachter in der Fliegertruppe tätig (…)“. Die Anzeige endet mit einem Satz, der heute unser Verständnis strapaziert: „Er (…) hat seine Treue zu Kaiser und Reich mit dem Tode besiegelt.“ Unterzeichner sind „F. Bollmann, Rektor u. Frau nebst Kindern.“ In derselben Ausgabe schaltet auch der Fußballclub „Edelweiß Biere“ für seinen gefallenen Kameraden eine Traueranzeige. Darin ist von einer „Beisetzung“ die Rede, die am „20. Mai, nachmittags 4 Uhr“ sein soll. Also muss der tote Flieger binnen weniger Tage von Frankreich nach Biere überführt worden sein.

Auskunft können vielleicht die Kirchenbücher geben, die Monika Pfanne verwaltet. Als sie vom Schicksal der beiden Bollmann-Brüder hört, ist sie elektrisiert. Und wird im Sterbebuch fündig. Darin heißt es: „Nach einer Leichenfeier in Cantin (Nordfrankreich, d. Red.) wurde der Tote hierher überführt und in der Kirche aufgebahrt. Unter Beteiligung des gesamten Ortes fand 4 Uhr die Feier statt.“

Aber gehörte Hans Bollmann wirklich zur Fliegertruppe? Oder war er „nur“ als Techniker am Boden tätig? Auch diese Frage beantwortet das Kirchenbuch eindeutig. Pfarrer Kinder schreibt am 20. Mai 1917 knapp: „Stürzte bei einem Erkundungsflug ab, nachdem sein Flugzeugführer durch feindliche Kugel verwundet war.“ Ein Flieger in Biere war zu jenem Zeitpunkt etwas Besonderes: Denn erst 1910 wurde bei Berlin die erste provisorische Fliegerschule eingerichtet, die einige Monate später in das „Fliegerkommando der Luftschifferabteilung der Verkehrstruppen“ umgewandelt wurde.

Da es in Deutschland noch keine eigenen Flugzeuge gab, wurde zunächst aus Frankreich  ein Farman-Doppeldecker angekauft an dem die ersten Piloten ausgebildet wurden. Doch bereits 1911 stellte die Armee vier Flugzeuge vom Typ Etrich/Rumpler-Tauben und vier Albatros-Farman in Dienst. Zum Ende jenen Jahres konnte der Bestand an Flugzeugen auf 22 Maschinen verschiedener Typen ausgebaut werden.

Damit war Hans Bollmann ein Pionier der Luftwaffe, der in der Heimat bewundert und verehrt wurde.

Monatelang gelitten

Hundert Jahre später ist er vergessen.

Auch Hans’ Bruder Kurt ist im Kirchenbuch zu finden. Er starb im Alter von „24 Jahren, 9 Monaten und 4 Tagen“. Aus dem Eintrag geht hervor, dass er vor Ausbruch des Krieges im August 1914 als „Lehrer, Kantor und Küster“ arbeitete. Gestorben ist er am 13. Februar 1916 in Balgstädt bei Freyburg (Unstrut) an den Folgen seiner schweren Verwundung, die er sich nur wenige Tage nach Ausbruch des Krieges im August 1914 in Frankreich zuzog.

Kurt Bollmann litt also eineinhalb Jahre unter dieser Verwundung, bevor er starb. Ein Lazarett gab es in dem Unstrut-Ort nicht. Vielleicht lebten dort Verwandte der Familie Bollmann. Im Kirchenbuch Biere findet sich kein Eintrag im Geburtsregister. Möglicherweise wurde Rektor F. Bollmann von dort an die Bierer Schule versetzt.

Hinter den zugewucherten schwarzen Kreuzen findet man eine Grabtafel, die in die Friedhofsmauer eingelassen ist. Lassen die Kirchenbücher und Anzeigen in der Zeitung die Daten der Eltern im Dunkeln, wird deren Identität auf schwarzem Granit erhellt: Martha Bollmann lebte von 1872 bis 1942, ihr Ehemann, Rektor Franz Bollmann, von 1864 bis 1950.

Sie müssen außer den gefallenen Söhnen Kurt und Hans noch mehrere Kinder gehabt haben. Denn in der Traueranzeige von 1917 steht „nebst Kindern“.