Barby/Breitenhagen l „Wenn das so kommt, gehe ich weiter. Dann gehe ich weiter! Dann wende ich mich an alle Medien, die ich kenne“, schimpft Gerit List mit hochrotem Kopf. „Drohungen helfen uns an dieser Stelle nicht weiter“, erwidert Stadtratsvorsitzender Ernst Neugebauer brüskiert.

Der Breitenhagener Gerit List ist zur Stadtratssitzung nach Barby gefahren, um Dampf abzulassen. Und sein Kessel ist frisch, ganz frisch aufgeheizt. Stunden zuvor hatte er von der geplanten Fährzeitenänderung erfahren, die sich wie ein Lauffeuer im Dorf verbreitet. Ihn bringt auf die Palme, dass ab kommendem Montag von 10 bis 18 Uhr gefahren werden soll. Der ehemalige Ortswehrleiter muss täglich zur Arbeit nach Gehrden, das im Landkreis Anhalt-Bitterfeld, also auf der ostelbischen Seite liegt. „Wenn die Änderung kommt, muss ich einen riesigen Umweg über Aken, Barby oder Schönebeck nehmen“, wettert List. So wie ihm würde es noch einigen anderen Breitenhagenern gehen, die morgens über die Elbe zur Arbeit müssten.

Kundenstamm abgebaut

„Wir bauen den Kundenstamm durch diese Entscheidungen immer weiter ab. Es werden immer weniger Leute, die die Breitenhagener Fähre nutzen und andere Strecken wählen“, schimpft der Breitenhagener weiter. Da brauche man sich über das oft proklamierte Breitenhagener Einnahme-Defizit nicht wundern. „Wenn das ab Montag wirklich so kommt, könnt Ihr den Fährleuten von 10 bis um 15 Uhr ein paar Sonnenschirme aufstellen. Da haben die nämlich gar nichts zu tun.“

Laut Stadtverwaltung sei man zu dem Schluss gekommen, infolge Personalknappheit (zwei Dauerkrankschreibungen) den Betrieb so zu regeln, dass wenigstens die Radtouristen zwischen 10 und 18 Uhr über die Elbe kommen. Bürgermeister Torsten Reinharz erklärt die Misere aus seiner Perspektive: „Wenn ich die Fährzeiten teile, brauche ich vier Leute Personal.“ Bei Fährzeiten „am Stück“ würden zwei Mann reichen. Es sei nicht möglich, die Fährleute morgens und nachmittags ein paar Stunden mit einer Pause dazwischen einzusetzen.

Dies habe schließlich vor Monaten auch in Rosenburg funktioniert, wirft der Abgeordnete Detlef August ein. „Ja“, sagt Reinharz, „da stand ja auch noch mehr Personal zur Verfügung.“

Nur 243 Euro Einnahmen

Was man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte: Derzeit muss die Breitenhagener Fähre mit zwei Mitarbeitern der Verwaltung pendeln. Es herrschen weder Hochwasser, Nebel oder Sturm, die einen derart überbordenden Personaleinsatz rechtfertigen würden. Grund ist die fehlende Anlandevorrichtung. Eine Mechanik, die sich auf der Fähre befindet, hakt sich selbsttätig beim Anlanden am Ufer ein. Beim Ablegen muss sie der Fährführer wieder entriegeln. Die Fähre Barby hat sie schon, die auf der Fischerwerft Mukrena gebaut wurde und die Stadt 14.500 Euro kostete.

Wer sowas nicht hat, muss laut Gesetz mit zwei Fährleuten pendeln. Egal, ob die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Was im Breitenhagener Fall skurrile Formen annimmt, da die Fährleute vormittags zur Langeweile gezwungen sind. Was nicht zuletzt aus einer Straßensperrung resultiert, die einen Teil der Kreisstraße zwischen Rosenburg und Breitenhagen seit einem Jahr lahm legt. Der Bürgermeister argumentiert zudem mit Zahlen: „In vier Tagen hat die Fähre gerade mal 243,60 Euro eingenommen.“

Interesse der Pendler

Ingolf Fietz aus Lödderitz: „Hat die Stadt denn schon mal versucht, eine Ausnahmegenehmigung für die fehlende Anlandevorrichtung zu bekommen?“ „Haben wir“, so Reinharz, aber die Schiffsuntersuchungskommission sei da unerbittlich. „Das ist Gesetz. Und ich werde einen Teufel tun, mich dagegen aufzulehnen.“

„Eine Fähre muss auch für Leute da sein, die beruflich auf sie angewiesen sind. Ich bitte die Verwaltung, die Fährzeiten nach den Interessen der Pendler und ein bisschen weniger auf die der Fahrradfahrer auszurichten.“ Auch Jörn Weinert aus Zuchau wägt ab: „Eine Kommune ist zur Daseinsvorsorge für ihre Bürger verpflichtet. Dennoch muss man genau abwägen, ob man dem Radtouristen helfen will oder den Berufspendlern.“

Eine Lösung ist im Zuge dieser Debatte nicht in Sicht. Stadtrat Frank Sieweck macht den Vorschlag, dass sich die Fraktionsvorsitzenden mit der Verwaltung zusammensetzen, um nach einer Lösung zu suchen.