Zuchau l „Bei meiner Mutter kamen damals Erinnerungen an ihre Flucht aus Schlesien hoch“, sagt Antje Böhm. Die Heimatvertriebene Else Kühne sah im Juni 2013 lange Autoschlangen von Militärfahrzeugen und Menschen, die nur das Nötigste bei sich hatten.

„Die Einwohnerzahl von Zuchau hatte sich verdoppelt“, erzählt der damalige Ortsbürgermeister, Martin Giesecke. Menschen aus Breitenhagen, Groß Rosenburg, Lödderitz und Sachsendorf waren hier untergekommen, so sie nicht ein Obdach bei Verwandten oder in der Eggersdorfer Sporthalle fanden.

Sie wurden vorsorglich evakuiert, weil ein Deichbruch bei Breitenhagen drohte. „Die Stimmung war am 8. Juni noch relativ entspannt“, erinnert sich der jetzige Ortsbürgermeister, Jörn Weinert. Man habe mit den Zuchauer Gastgebern zusammengesessen und abends gegrillt. Als einen Tag später der Deich brach und die Orte überflutet wurden, sei die Lockerheit schnell gewichen. „Viele haben sich nicht vorstellen können, dass das Schlimmste wirklich eintritt“, beschreibt Jörn Weinert den Zweckoptimismus. Auf seinem Hof waren rund 25 Personen untergekommen. „Wir haben in Schichten gefrühstückt. Unsere Familie war plötzlich 30 Personen groß“, so der Ortsbürgermeister. An den ersten beiden Tagen habe man die Lebensmittel selbst organisieren müssen, bevor der Krisenstab eine Regelung fand. Später habe das Rote Kreuz am „Festplatz“ ein großes Zelt aufgebaut, das auch zentraler Kommunikationsort gewesen sei. Der Dorf-Konsum am Friedensplatz machte jedenfalls die Umsätze seiner Geschichte.

Bis zu sechs Wochen lebten die Deichbruch-Geschädigten in Zuchau. Je nachdem, wie stark ihr Haus beschädigt war. Standen bei manchen Leuten nur die Keller unter Wasser, waren bei anderen die kompletten Wohnräume abgesoffen.

Miteinander funktioniert

Weinert und sein Vorgänger Giesecke berichten von einer großen Solidarität der Zuchauer, die die Evakuierten gerne annahmen. „Das zeigt mal wieder“, hebt Jörn Weinert den Finger, „dass das Miteinander doch funktioniert, wenn es hart auf hart kommt.“

Am Straßenfest nahm auch die Familie Borth teil. Vater Tino, Mutter Maria und Tochter Joyce lebten 2013 in der Rosenburger Fabrikstraße. Dort stand „nur“ der Keller unter Wasser, in dem aber so persönliche Dinge wie Fotoalben vernichtet wurden. Kürzlich kaufte sich die mittlerweile auf vier Personen angewachsene Familie ein Haus in Zuchau. „Wir wollten ein Häuschen im Trockenen“, lächelt Tino Borth hintergründig. Nicht zuletzt sei die Wahl auf Zuchau gefallen, weil man von der Solidarität der Dorfgemeinschaft 2013 so beeindruckt gewesen sei.